Iftar-Empfang - Die Mannheimer Studentin Merve Gül hält in Schwetzingen eine erfrischende Rede "Das war der pure Wahnsinn"

Von 
Walter Serif
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Schwetzingen. Schon seit 2008 lädt die baden-württembergische Landesregierung während des Ramadan in Stuttgart zu einem Empfang ein, bei dem die Gäste sich zum Fastenbrechen treffen. In diesem Jahr hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) die Landeshauptstadt verlassen. "Wir wollten ganz bewusst in die Region gehen", sagt er in seiner Eröffnungsrede. Also durfte sich der ganze Stuttgarter Tross nach Schwetzingen aufmachen.

Werben für Toleranz: Merve Gül und Ministerpräsident Kretschmann.

© Lenhardt

"Türkenmode" in Schwetzingen

Iftar-Empfang

Iftar, das arabische Wort für Fastenbrechen, ist der Abschluss eines Fastentages. In muslimischen Ländern wird der Zeitpunkt durch den Ruf zum Abendgebet deutlich. An anderen Orten behelfen sich Muslime mit entsprechenden Zeittabellen.

Die islamischen Verbände in Deutschland laden schon seit Jahren Prominente aus Politik und Gesellschaft zu ihren Iftar-Empfängen während des Fastenmonats Ramadan ein.

In Baden-Württemberg lädt der Ministerpräsident seit 2008 jährlich als Gastgeber zum Iftar-Empfang ein.

Während des Ramadan dürfen Muslime vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang nichts essen und auch nicht rauchen. Diese Beschränkungen gelten nicht für Schwangere, Kranke und Kinder. was

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Warum Schwetzingen? Das Schloss in der Kurpfalz ist natürlich besonders schön, Kretschmann erwähnt denn auch den "grandiosen Schlossgarten", der allerdings die Besucher nicht nur der Dunkelheit wegen kaum zum Flanieren eingeladen hatte. Dafür gibt es einen anderen, nämlich profanen Grund: Es gießt in Strömen, viele Gäste kommen mit durchnässten Mänteln an.

Deshalb müssen sich die Ortsunkundigen vom Ministerpräsidenten erzählen lassen, dass im Schlossgarten die Rote Moschee steht. Der Bau wurde von Carl Theodor, dem Kurfürsten von Pfalz-Baden, 1779 in Auftrag gegeben. "Der Kurfürst stand nicht nur unter dem Eindruck der damaligen ,Türkenmode', der Katholik Carl Theodor wollte auch nicht zum Islam übertreten, sondern ein Zeichen für Toleranz setzen", erklärt Kretschmann.

Toleranz? Der Ministerpräsident geht auch auf "eine Diskussion Anfang des Jahres in Baden-Württemberg ein, von der ich nicht gedacht hätte, dass wir sie heute noch führen müssen". Gehört der Islam zu Deutschland? Für Kretschmann eine absurde Frage. "Wir haben viele Muslime, sie gehören selbstverständlich zu Deutschland." Das gelte logischerweise auch für den Islam, denn man könne und solle ja auch seine Religion nicht einfach ablegen.

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Das Grundgesetz, so Kretschmann weiter, garantiere die Glaubensfreiheit und damit das Recht auf ungestörte Religionsausübung. "Deshalb finde ich es richtig, dass muslimische Arbeitnehmer und Auszubildende an ihren drei höchsten Feiertagen dieselben Rechte haben sollen wie Christen und Juden, die von ihren Arbeitgebern an bestimmten Feiertagen freibekommen." Diese Regelung soll erst per Gesetz und später mit einem Staatsvertrag geregelt werden. Bis dahin wird es aber noch eine Weile dauern.

Kretschmanns eher präsidiale Worte sind sozusagen der politische Überbau für den Iftar-Empfang in Schwetzingen. Rund 150 Gäste hören zu. Muslime, Christen, Juden, Angehörige anderer Religionen und eben auch Nichtgläubige. Die meisten sind aus Stuttgart gekommen, doch die Hauptrolle spielt an diesem dem Abend Merve Gül. Die 23-Jährigen stammt auch aus der Landeshauptstadt, studiert aber gegenwärtig an der Universität Mannheim Unternehmensjura.

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Warum die Landesregierung ausgerechnet Gül als Rednerin ausgewählt hat? Sie arbeitet als Bloggerin und engagiert sich für das Zahnräder Netzwerk, eine soziale Plattform für Muslime. Doch offensichtlich ist man in Stuttgart auch auf sie aufmerksam gemacht worden, weil Gül eben ein authentisches Bild der jungen Muslime in Deutschland abgibt, die mit viel Selbstbewusstsein und Engagement ihren Platz in der Gesellschaft suchen. Deshalb langweilt die 23-Jährige die Gäste auch erst gar nicht mit irgendwelchen abgegriffenen Floskeln. Sie redet nicht vom Ramadan, der die Menschen verbindet. Sie behauptet nicht, dass alle Menschen gut und gleich sind. Nein, sie findet es sogar schön, dass die Menschen unterschiedlich sind.

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"Kreativität und das Talent des Organisierens. Das verbindet uns heute hier. Kreativität ist aber auch subjektiv." Auch Merve Gül wünscht sich eine bessere Welt und will, dass alle respektvoll miteinander umgehen. Doch die Umsetzung ist eben mitunter schwierig. Umso erfreulicher aus ihrer Sicht, dass selbst das Bundesverfassungsgericht dem Wandel unterliegt. Sie meint das "bahnbrechende" Kopftuchurteil, das dem Respekt vor dem Islam einen juristischen Rahmen verliehen habe. Merve Gül selber trägt kein Kopftuch. Dafür mag sie Pumps. Sie fordert, dass wir alle die verschiedenen Kulturen und Religionen tolerieren. Zum Schluss zitiert Gül den deutsch-türkischen Rapper Chefket: "Schwarz-Weiß kann ich nicht malen, wenn alles bunt für mich ist." Danach gibt es großen Applaus für die junge Frau. "Das war der pure Wahnsinn", freut sie sich.