Modellprojekt - In der Vogelsberg-Stadt ist wieder Einkaufen möglich – wenn ein aktueller und negativer Corona-Test vorliegt

Alsfeld übt ein bisschen Normalität

Von 
Carolin Eckenfels
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Filialleiterin Dafni Brück (links) bedient zwei Kunden in ihrem Alsfelder Hutgeschäft. © Uwe Zucchi/dpa

Alsfeld. In der kleinen Fachwerk-Altstadt von Alsfeld begrüßen Geschäftsleute potenzielle Kunden mit aufgemalten Herzchen, roten Luftballons – und einem breiten Lächeln im Gesicht. Denn viele sind einfach nur froh, endlich wieder ihre Läden öffnen zu können. Alsfeld (Vogelsbergkreis) gehört zu den Modellkommunen in Hessen, die bis zum 1. Mai Lockerungen in der Corona-Pandemie erproben dürfen, und hat nun am Donnerstag als erste Stadt losgelegt.

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Drei Kommunen beteiligt

Das Land Hessen hat neben Alsfeld auch Baunatal in Nordhessen sowie das südhessische Dieburg als Modellkommune ausgewählt.

Vorbild ist etwa die Stadt Tübingen in Baden-Württemberg. Dort läuft ein Pilotprojekt seit Mitte März. Allerdings war die Zahl der Neuinfektionen zuletzt deutlich gestiegen.

Baunatal will noch bekanntgeben, wann der Modellversuch startet. Dieburg wird vorerst keine Lockerungen erproben. Begründung: Das Gesundheitsamt könne derzeit keine lückenlose Kontaktnachverfolgung garantieren. lhe

Folgt die Gastronomie?

„Wir finden es super, dass endlich wieder Leben in die Läden kommt“, sagt Dieter Lang, der in einem Geschenkladen arbeitet. „Wir haben eine lange Durststrecke hinter uns.“ Auch Corina Schlosser, Angestellte eines Modegeschäfts schräg gegenüber, ist erleichtert: „Natürlich freuen wir uns, dass wir wieder aufmachen können.“ Die Stadt sei „so tot die letzte Zeit“ gewesen.

Zum Start des Modellversuchs dürfen zunächst Einzelhandelsgeschäfte in der Alsfelder Kernstadt ihre Türen öffnen. Weitere mögliche Lockerungen etwa für die Außengastronomie sollen je nach Verlauf des Projektes erst später erfolgen. Wer shoppen möchte, braucht einen aktuellen, negativ ausgefallenen Corona-Test. Dieser muss in einem der drei Schnelltestzentren in der Stadt und nach Terminvereinbarung durchgeführt werden. Jeden Tag sind insgesamt 600 Tests möglich, so will die Kommune die Besucherfrequenz im Blick behalten.

Das Modellprojekt ist aus Sicht von Bürgermeister Stephan Paule (CDU) nicht nur eine Chance für die Geschäfte, sondern auch eine Gelegenheit, Hintergrundinformationen zum Infektionsgeschehen zu bekommen sowie die Testquote zu erhöhen. „Wichtig ist, dass wir herauszufinden, ob Einzelhandel Inzidenztreiber ist.“

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Dichte Wolken

Der erste Tag des Modellversuchs läuft zunächst ruhig an – das Wetter mit Schneeschauern und dichten Wolken lädt nicht gerade zum Shopping in die Stadt im Vogelsbergkreis ein. Ein Lehrerpaar aber ist bewusst gekommen: „Wir finden das Konzept gut. Wir möchten die einheimischen Geschäfte unterstützen.“ Der Mann und die Frau fühlen sich nach eigenen Angaben sicher, auch weil sie bereits geimpft sind. „Das ist auch für die anderen gut.“

Vor dem Testzentrum in der Altstadt warten am Vormittag die ersten Menschen auf ihren Schnellcheck. Bis elf Uhr seien rund 90 Tests durchgeführt worden, berichtet der Kreisgeschäftsführer des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Alsfeld, Thorsten Ellrich. Ein Ergebnis sei bis dahin positiv ausgefallen.

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Ehe die Kunden die Läden betreten dürfen, prüfen die Geschäftsleute deren Test-Bescheinigung. Das Prozedere sei „überhaupt kein Problem“, sagt Dieter Lang. Er begrüßt das Projekt: „Ich bin der Meinung: Wer nichts unternimmt, der bleibt stehen.“ Es gebe zwar verschiedene Stimmen, die einen seien dafür, die anderen dagegen, aber: „Jetzt wollen wir es nicht schlecht reden, schon bevor es angefangen hat. Heute ist der erste Tag, jetzt lassen wir es auf uns zukommen.“ Wenn es Probleme gebe, könne man wieder einen Schritt zurückgehen.

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„Verantwortung wird abgewälzt“

Einige Experten sehen Öffnungen wie in den Modellregionen kritisch. „Die Verantwortung wird auf den Bürger abgewälzt“, sagte vor kurzem die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek. „Wenn geöffnet wird, muss dem Bürger klar sein, dass das nichts mit Sicherheit zu tun hat.“ Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, „dass das sicher ist“, sondern jeder müsse individuell entscheiden, sich auf diese Freiheiten einzulassen oder auf Vorsicht zu setzen.

Skeptisch ist auch Dafni Brück, die Filialleiterin eines Hutgeschäftes in Alsfeld: „Ich zweifle daran, dass das funktionieren kann und wird.“ Dennoch öffne sie den Laden, dessen Umsätze in der Pandemie sehr gelitten haben: „Ich möchte Präsenz zeigen.“

Im Vogelsbergkreis lag die Inzidenz, also die Corona-Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen, nach Daten des Robert Koch-Instituts vom Donnerstag bei 126,8. Bauchweh habe er nicht, sagt Bürgermeister Paule. „Wir haben ja von Anfang an gesagt: Sicherheit geht vor Schnelligkeit. Und wenn sich die Inzidenzzahlen negativ entwickeln, machen wir auch wieder dicht.“ lhe