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Tiere - Bei Anwohnern sorgen Saatkrähen mit Krächzen und Kot für Verdruss / Nun soll die Stadt die Vögel vertreiben

Geschützte Plagegeister versetzen Viernheimer in Stress

Von 
Stephen Wolf
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Die Saatkrähe ist ein Allesfresser. Sie ernährt sich hauptsächlich von Insekten, aber auch von Pflanzenteilen wie Blätter, Früchten und Samen. © istock

Da können Saatkrähen noch so intelligent sein – für Ingrid Kretschmann und ihre Nachbarn haben sich die schwarzen Vögel in Viernheim zu einer regelrechten Plage entwickelt. Vor allem im Frühjahr, wenn der Nachwuchs aufgezogen wird, sorgen die krächzenden Krähen für Unmut. „Ausschlafen am Wochenende? Fehlanzeige. Spätestens nach 5 Uhr morgens wird man, trotz geschlossener Fenster und Rollos, sehr unfreundlich geweckt“, beklagt sich die 62 Jahre alte Lehrerin, die in der Nähe des Berliner Rings wohnt.

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Hier, wo zahlreiche Platanen für ein dichtes Laubdach sorgen, ist sozusagen das Hauptquartier der schlauen Vögel. Weit oben, in den Baumkronen, bauen sie im Frühjahr ihre Nester mit allerlei Materialien, die sie sich in den umliegenden Gärten stibitzen, wie Ingrid Kretschmann sagt. In jedem Jahr steige die Zahl der Koloniebrüter, wie die Lehrerin außerdem beobachtet haben will. Daher finde sich beispielsweise auch der Kot der zahlreichen Vögel zunehmend auf Scheiben geparkter Autos, an Hausfassaden oder auf dem Asphalt. Herabfallende Exkremente und die Furcht davor seien der Grund dafür, dass Nachbarn ihre Terrassen mittlerweile meiden. Doch die Präsenz der Krähen sorgt auch aus anderen Gründen für Unbehagen. Wenn die schwarzen Vögel zu Dutzenden über den Dächern Viernheims kreisen, wirke das „geradezu unheimlich“, findet Inge Arnold. Die 68 Jahre alte Nachbarin blickt nachdenklich auf die hohen Platanen hinter der Viernheimer Marienkirche. „Es muss etwas passieren“, betont sie.

Wie aber lassen sich die Saatkrähen vertreiben? „Beispielsweise wenn man die Äste der Bäume stutzt“, antwortet Ingrid Kretschmann. Da in der Straße hinter der Marienkirche während der vergangenen Jahre die Platanen nicht mehr gestutzt wurden, fänden die Tiere ideale Bedingungen vor. Antun wolle man den Tieren jedenfalls nichts. Weder wolle man sie vergiften noch erschießen, beteuert auch die 78 Jahre alte Edeltraud Jakob. Wie die anderen Anwohner, so fordert auch sie, die Stadt müsse sich etwas ausdenken, um der Plage Einhalt zu gebieten.

Mehr Krähen als früher

Das ist leichter gesagt als getan, gibt Bürgermeister Matthias Baaß zu bedenken. Da die Tiere unter Naturschutz stehen, seien die Handlungsmöglichkeiten sehr einschränkt, argumentiert er. Wie Baaß dieser Redaktion zudem mitgeteilt hat, hält er wenig davon, die Kronen der Platanen zu stutzen. „Die Bäume, in denen die Nester sind, sind wahre Prachtbäume, sie erfüllen wertvolle Funktionen für das Stadtklima an dieser Stelle“, stellt der Rathauschef klar.

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Treffen Ende Juli geplant

Im Rathaus habe man sich dennoch Gedanken zu dem Thema gemacht und wolle mit den unzufriedenen Bürgern Ende Juli ins Gespräch kommen. Dass eine entsprechende Einladung vorliegt, haben die unzufriedenen Anwohner bestätigt. Dort sieht man dem Treffen jedoch mit Skepsis entgegen. „Leider haben viele Anwohner nicht sehr viel Zuversicht, dass die Stadt Viernheim etwas unternimmt“, gibt Ingrid Kretschmann zu bedenken.

Das weist Baaß zurück. Er selbst habe sich ein Bild von der Situation gemacht und sowohl den Lärm als auch den von den Krähen verursachten Schmutz selbst erlebt. Nun hat der Rathauschef nach eigenen Angaben die Untere Naturschutzbehörde um eine fachliche Einschätzung gebeten. Die Fachleute der Behörde sollen auch an dem Gespräch mit Kretschmann und ihren Mitstreitern teilnehmen. „Ohne die Fachkunde der Behörde kann die Stadt sowieso nicht handeln, es ist ein sehr spezielles Thema“, stellt der Matthias Baaß klar. Ähnlich sieht das auch Peter Dresen. Der Ortsvorsitzende der Umweltorganisation BUND in Viernheim sagt, es sei „fast unmöglich“, die durch das Bundesnaturschutzgesetz besonders behüteten Tiere zu vertreiben. „Ich kann nachvollziehen, dass sich Anwohner an dem Gekrächze der Vögel stören“, sagt der 77 Jahre alte Naturschützer. Das sei vor allem in der Brutzeit zwischen März und Juli nur schwer erträglich.

Die Tiere zu vergrämen – etwa durch die Hilfe von Greifvögeln, die ein Falkner aufsteigen lässt, oder etwa durch Schüsse – habe auch in anderen Kommunen nicht funktioniert. „Die Tiere sind nun einmal extrem standorttreu“, fügt der promovierte Lebensmittelchemiker hinzu.

Um der Krähenplage beizukommen, könne man höchstens die mächtigen Baumkronen der Platanen stutzen. Auf diese Weise werde der Nestbau im Frühjahr erschwert. Gleichwohl sei dies eine drastische Lösung, da das dichte Laubwerk der Bäume große Bedeutung für das Klima habe, gibt der Naturschützer dem Bürgermeister recht. Außerdem sei dies ohne Frage teuer. Dazu müsse sich die Stadt erst einmal durchringen. „Eine Lösung für das Problem sehe ich im Moment nicht“, sagt Dresen. Die Stadt befinde sich bei diesem Thema in einem Dilemma.

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Redaktion

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