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Viernheim - Kourosh Tamizi hat an der Alexander-von-Humboldt-Schule das Abitur mit einem Notendurchschnitt von 1,7 abgeschlossen

Ein gutes Händchen für große Zahlen

Von 
Stephen Wolf
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Viernheim. Kourosh Tamizi hat seinen Computer selbst zusammengebaut. Er porträtiert gelegentlich Menschen aus seiner Umgebung, und regelmäßig arbeitet der junge Iraner sich an mathematische Gleichungen ab. Nun will er auch als Student durchstarten. Die Chancen des Viernheimers dürften exzellent sein. Als einer von zwei Jahrgangsbesten hat er vor einigen Tagen das Abitur an der Alexander-von-Humboldt-Schule mit einem Notendurchschnitt von 1,7 abschlossen.

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Der 20 Jahre alte Mann lebt mit seinen Eltern seit 2015 in Südhessen. „Mein großer Wunsch ist es, Scientific Computing zu studieren“, sagt er und zeigt ein zurückhaltendes Lächeln. Schlips, ein gebügeltes Hemd und ein modischer Haarschnitt – Kourosh sieht schon jetzt aus wie ein erfahrener Akademiker.

Der Stolz des Vaters

Schlips, gebügeltes Hemd und ein modischer Haarschnitt – Kourosh sieht schon jetzt aus wie ein erfahrener Akademiker. © Stephen Wolf

„Ohne Mathematik wäre ich nicht so weit gekommen“, betont der künftige Student und blickt freundlich durch die Gläser seiner Brille. Wie er erzählt, löst er beinahe täglich schwierige Aufgaben, wendet Formeln an und überprüft Lösungswege. „Es ist wie beim Lernen eines Musikinstruments. Regelmäßiges Üben gehört einfach dazu“, betont der junge Abiturient.

Auch sein Vater hat einst als Ingenieur einen Berufsweg eingeschlagen, in dem es naturwissenschaftliches Interesse braucht. „Die guten Noten von Kourosh machen mich stolz“, sagt er. Der Vater weiß, welche Bedeutung einem anerkannten Bildungsabschluss zukommt. Er selbst hat vor vielen Jahren im Iran studiert. Sein Abschluss wird in Deutschland aber nicht anerkannt. Javad beklagt sich nicht. Er freut sich für seinen Sohn.

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Erst 2015 kam die iranische Familie in Wald-Michelbach an, zwei Jahre später ging es nach Viernheim. „Ich fühle mich hier wohl, auch an der Schule hat es mir gut gefallen“, sagt der künftige Student. Und das, obwohl die Corona-Pandemie vor allem für die jungen Frauen und Männer an den Schulen keine einfache Zeit gewesen sein dürfte. „Eine Abifeier gab trotzdem. Und zwar am Badesee“, erzählt Kourosh.

„Meine Stärke liegt im analytischen Denken. Dafür läuft es nicht ganz so gut, wenn es um zwischenmenschliche Kommunikation geht“, fügt er mit hörbarer Selbstironie in der Stimme hinzu. Doch der Viernheimer ist mitnichten ein sozial isolierter Computer-Nerd. Eher wirkt er wie ein Mensch, der sich gut auf neue Situationen einstellen kann.

Und auch wenn der auf Partys und in der Mensa so wichtige Small Talk nicht zu den Stärken des Iraners gehört; die deutsche Sprache beherrscht er beinahe so gut wie Englisch und Farsi, die Sprache der Perser. Innerhalb nur weniger Jahre hat der junge Mann deutsche Vokabeln und die dazugehörige Grammatik in Sprachkursen intensiv gelernt.

„Manchmal fürchten wir, dass er irgendwann besser deutsch oder englisch sprechen kann als unsere Heimatsprache“, sagt Kouroshs Mutter mit feinem Lächeln. Sie arbeitet in einem Kindergarten. Wie ihr Ehemann, so zeigt auch sie, wie stolz sie auf den Jungen ist. „Mein Gott, Kourosh und der Computer ...“, sagt sie und blickt an die Zimmerdecke.

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Das Gerät habe der Sohn selbst gebaut. Sämtliche Einzelteile habe er im Fachhandel gekauft und den Rechner mit Geduld und Hingabe zusammengebaut. Jetzt sitze er stundenlang davor. Die Eheleute und ihr Sohn leben seit sechs Jahren als Flüchtlinge in Deutschland. Bisher haben sie kein dauerhaftes Aufenthaltsrecht. Für die Eltern geht es nun ausschließlich um den Sohn, der sich mit guten Schulnoten und wissenschaftlicher Neugier eine gute Ausgangslage erarbeitet hat.

Kourosh erhielt übrigens auch den Preis der Deutschen Mathematiker-Vereinigung für die beste Leistung im Mathematik-Abitur. Naturwissenschaftler haben heute exzellente Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Doch viele junge Menschen schreckt das harte Studium ab, sagen Fachleute.

Gesamtschule als Weg

Nun hat der Südhesse also das Abitur. Dabei sei er vor einiger Zeit noch Realschüler gewesen, wie er beinahe staunend sagt. Weil es an der Viernheimer Gesamtschule auch Schüler aus dem Real- oder Hauptschulzweig gibt, die nach bestandener Mittleren Reife die Oberstufe besuchen und ihr Abitur ablegen können, steht die Welt nun auch für ihn offen. Am liebsten würde er in Heidelberg oder Darmstadt studieren, sich an einer dieser Universitäten mit der Entwicklung von Algorithmen und moderner Software auseinandersetzen, erzählt er.

Und wenn etwas schief geht? Gibt es einen Plan B? „Ich könnte mir auch vorstellen, im Bereich Mediendesign zu arbeiten“, sagt der junge Iraner nachdenklich. Dabei käme ihm seine künstlerische Begabung zugute, ist er überzeugt. Schließlich zeichne er gelegentlich Porträts von Menschen in seiner Umgebung. Die seien nicht schlecht.

Er ist also zuversichtlich? „Wie könnte ich zurzeit nicht optimistisch sein?“, antwortet er mit einer Gegenfrage. Dann lächelt er kurz. Allerdings gibt es auch etwas, was dem 20 Jahre alte Kourosh Sorgen bereitet. „Würden wir in den Iran abgeschoben, ich würde alles verlieren, was ich erreicht habe“, sagt er.

Redaktion

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