Soziales - Ulrike Haas, Vorsitzende der Vereine Brücke und Hand in Hand, über fehlende persönliche Begegnungen – und Zuversicht Corona-Blues? „Nein, wir denken am liebsten positiv“

Von 
Martin Schulte
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Zupacken, nicht zaudern: Ulrike Haas und ihre Leute lassen die Köpfe nicht hängen. © Bernhard Kreutzer

Viernheim. Ulrike Haas wollte zuerst gar nicht mit der Redaktion sprechen. „Ich dachte, was soll ich denn sagen, wo doch gerade alles auf Eis liegt?“ Und dann? „Na, es ist doch wohl besser, wenn wir ein Lebenszeichen von uns geben.“ Wir, das sind die beiden Vereine „Brücke – Verein für gegenseitige Hilfe“ sowie „Hand in Hand“. Bei beiden ist Haas die Vorsitzende. Gegenseitige Hilfe und vor allem Hand in Hand – das klingt zu allererst nach unmittelbarer, persönlicher Begegnung als Vereinszweck. Und das seit Monaten ausgeschlossen. Unser Thema: Leiden Vorstand und Mitglieder unter dem Corona-Blues? „Nein“, sagt Haas, „wir denken hier am liebsten positiv. Die Menschen, die sich bei uns tummeln, sind grundsätzlich positiv eingestellt und aktiv. Wir lassen die Köpfe nicht hängen.“

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Die Vorsitzende strotzt nur so vor Zuversicht. Beim Reden breitet sie immer wieder die Hände vor sich aus. Sie gibt damit ihr Motto zu verstehen, ohne es zu sagen: zupacken statt zaudern. Natürlich sei es ohne die Begegnungen viel schwieriger, und die Leute würden einander sehr vermissen. Doch Ulrike Haas scheint allem auch etwas Gutes abzugewinnen: „Wir telefonieren jetzt eben mehr und schreiben E-Mails. Das ist immer eine große Freude.“

124 Mitglieder

Die Brücke ist ein gemeinnütziger Verein, er ist bei der AWO in der Wasserstraße untergekommen. Sein Ziel ist nicht weniger als „neues Denken“. Das Bestreben ist, das Miteinander zu fördern zwischen Alt und Jung, Gesunden und Kranken, Alleinstehenden und Familien. So steht es in der Broschüre. Im Verein sind 124 Mitglieder – und das in normalen Zeiten unheimlich aktiv. Etwa zwei Drittel der Leute seien über 70 Jahre alt, einige hätten die 80 überschritten, so Haas.

Man hilft sich bei allem, was der Alltag zu bieten hat: Begleitung bei Behördengängen oder Arztbesuchen, die Korrespondenz erledigen, Einkaufen, Bügeln oder Grabpflege während des Urlaubs. Jeder, sagt Haas, habe seine ganz individuellen Stärken und Talente und bringe sie für andere ein, um ein anderes Mal selbst von der Hilfe eines Mitstreiters zu profitieren.

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Der Verein für gegenseitige Hilfe hat sich 1998 gegründet. Er war aus dem Streben der Gründer geboren, nach dem Berufsleben sinnvoll aktiv bleiben zu können. Ulrike Haas, heute 53, ist seit 1999 dabei. Der Bruderverein Hand in Hand ist nicht gemeinnützig. Aus gutem Grund: Er wurde 2007 gegründet, um nicht gegen die Beschränkungen, die das e.V. mit sich bringt, zu verstoßen. So darf der gemeinnützige, der eingetragene Verein, nur wirklich hilfsbedürftigen Menschen helfen. Und wer sich von einem Mitstreiter eine neue Silikonfuge ums Waschbecken ziehen lässt, ist im Sinne des Gesetzgebers ja noch lange nicht hilfsbedürftig.

Zu der gegenseitigen Hilfe sind längst auch Projekte gekommen. Die Mitglieder sind Lesepaten in der Schule, sie lesen im Kindergarten vor. Im Projekt Großeltern/Kind betreuen die Mitglieder kleine Kinder, um den Eltern ein paar Stunden Freiraum zu geben. Es gibt Treffen zu Gesellschaftsspielen oder Gymnastik für Senioren.

Dauerbrenner Stammtisch

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Die Menschen wollten sich heute nicht mehr in festen Vereinsstrukturen binden, sagt Ulrike Haas. Man müsse die Formate immer wieder überdenken. „So überlegen wir uns oft neue Angebote und schauen, wer anbeißt.“ Ein Dauerbrenner allerdings ist der monatliche Stammtisch. Da ist immer volles Haus. „Das ist so ein freudiges und angeregtes Durcheinandergequassel, da geht mir das Herz auf.“

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Gut, dass wir gesprochen haben.

Redaktion Reporter.