AdUnit Billboard
Menschen in Viernheim - Martin Bosold arbeitete 30 Jahre beim Ordnungsamt / Viele Begegnungen und einige brenzlige Situationen

Beharrlicher Helfer in der Not

Von 
Kathrin Miedniak
Lesedauer: 

Viernheim. „Die verteilen Knöllchen“ – das, sagt Martin Bosold, würden sicher die meisten Viernheimer denken, wenn es um das Ordnungsamt gehe. Aber wenn der 65-Jährige von seinen 30 Jahren im Dienst der Behörde erzählt, fallen auch andere Wörter: Mafia, Handwerker-Kartell, Reichsbürger. Und dann ist da noch die Geschichte mit der scharfen Handgranate auf seinem Schreibtisch. „Ich habe öfter brenzlige Situationen erlebt“, sagt er kurz vor Antritt seines Ruhestandes nachdenklich. Trotzdem habe er seinen Job gern gemacht. „Ich bin ein Helfertyp“, sagt er schulterzuckend. „Ich habe versucht, das auch in meiner Arbeit zu leben.“

AdUnit Mobile_Pos2
AdUnit Content_1

Der Liebe wegen umgezogen

Die größte Schwierigkeit am Beginn seiner Karriere im Ordnungsamt: Bosold ist kein Viernheimer. Der Liebe wegen zieht er 1985 in die Stadt, damals ist er noch Polizist und tritt eine Stelle bei der Viernheimer Polizeistation an. 1991 wechselt er ins Ordnungsamt – und hört anfangs immer wieder die skeptische Frage: „Wo sind Sie denn her?“ Aber das legt sich schnell, denn Bosold sucht den Kontakt zu den Bürgern. Er will nicht nur am Schreibtisch sitzen, auch wenn zu seinem Job viel Büroarbeit gehört, vor allem als stellvertretender Amtsleiter. „Zuletzt hatte ich bis zu 90 E-Mails am Tag und rund 40 Anrufe“, erzählt er. Aber er geht raus, sooft er kann. „Ich mag den Kontakt zu Menschen“, sagt er schlicht.

Martin Bosold kann auf bewegte 30 Jahre beim Ordnungsamt zurückblicken. © Kathrin Miedniak

Es ist eine von zwei Eigenschaften, die für seinen Job nötig sind, findet er: „Man muss mit Menschen können, sich Zeit nehmen, erstmal zuhören.“ Auf diesem Weg, so Bosold, hätten sich viele Beschwerden direkt klären lassen. Aber manchmal eben auch nicht. Und dann, sagt der 65-Jährige und unterstreicht seine Worte gestenreich, brauche es die zweite Eigenschaft: „Beharrlichkeit!“ Sowohl beim Verfolgen von Ordnungswidrigkeiten – oft bis vor Gericht – als auch beim Lösen von Rätseln – wie etwa der Quelle des Geräusches, das einige Bewohner der Beethovenstraße um den Schlaf brachte. „Es war Intraschall, ausgelöst von einem Klimagerät am Rhein-Neckar-Zentrum“, erzählt Bosold begeistert. Es habe einiges Kopfzerbrechen und sogar Experten des Immissionsschutzes gebraucht, um diese Nuss zu knacken – und das Lärmen abzustellen. „Das“, sagt er und lächelt, „mache ich sehr gern: Lösungen finden.“

Gelegenheit dazu hat er im Laufe der Jahre ausreichend, denn die Liste der Aufgaben des Ordnungsamtes ist lang. Sie reicht von der Verfolgung von Ordnungswidrigkeiten über die Verkehrsüberwachung, Nachbarschaftsbeschwerden, Katastrophenschutz, Tierschutz, Obdachlosenhilfe, Genehmigungen rund um das Gewerbe bis hin zur Unterbringung psychisch Kranker – und das ist nur ein Bruchteil.

AdUnit Mobile_Pos3
AdUnit Content_2

Im Gedächtnis bleiben Bosold davon vor allem die exotischen Vorfälle. Wie die Tage im Jahr 2009, als ein Viernheimer sich in einer verminten Wohnung verschanzte und ein ganzer Stadtteil evakuiert werden musste. „Für einige Bürger, die nirgends unterkamen, mussten wir eine Unterkunft besorgen, die Kostenübernahme klären und vieles mehr“, erzählt Bosold. Die nervenaufreibenden Stunden, das Hasten von Tür zu Tür, die Anrufe bei Richtern, um alles abzuklären, haben sich tief in das Gedächtnis gegraben. Genau wie der Tag, an dem ein Viernheimer in sein Büro spaziert und eine scharfe Handgranate auf seinen Tisch legt. „Die hatte er zuhause auf dem Dachboden gefunden“, weiß Bosold noch genau. „Wir hätten alle sofort rausrennen sollen“, sagt er heute. Stattdessen hätten er und seine Kollegen die Granate in den Rathauskeller getragen und dann den Kampfmittelräumdienst gerufen.

Viele Streitigkeiten geschlichtet

Über diese Situation kann er heute lachen, bei anderen wird Bosolds Gesicht ernst. „Am gefährlichsten waren private Streits, zu denen wir gerufen wurden“, erzählt er. „Mehr als einmal haben sich die Parteien bei meinem Eintreffen verbündet – gegen mich.“ Gerade seine Ausbildung als Polizist hilft ihm dabei immer wieder, vor allem seine dort gelernte Fähigkeit, das Erlebte „nach Feierabend abzulegen“, wie er sagt. Auch wenn das gar nicht so einfach ist, wenn ihn Viernheimer auch in seiner Freizeit auf Dienstliches ansprechen. Bosold lacht: „Das muss man in dem Job einfach abkönnen.“ Viel schwieriger, sagt er, sei es, stets motiviert zu bleiben. Egal, wie viele Ordnungswidrigkeiten er aufgedeckt habe – es höre nie auf. „Manchmal fühlt es sich an wie ein Kampf gegen Windmühlenflügel“, sagt er seufzend.

Deshalb freut er sich jetzt auf den Ruhestand, auf Reisen, Zeit mit der Familie. „Es langt jetzt auch“, sagt Bosold und lacht. Sein offizieller letzter Tag ist der 31. August. Aber schon jetzt, obwohl er eigentlich nur Überstunden abbaut, hat ihn die Behörde aus dem Telefonregister gelöscht. „Es haben jeden Tag Leute angerufen und nach mir gefragt“, sagt Bosold. Aus dem einst skeptisch beäugten Neuen ist längst ein Viernheimer Urgestein geworden.

Freie Autorin

AdUnit Footer_1
AdUnit Mobile_Footer_1