Schriesheim - Vor 30 Jahren wird schon einmal ein Mathaisemarkt abgesagt / Rückblick auf eine kontrovers diskutierte Entscheidung Golfkrieg verhindert Fest 1991

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Konstantin Groß
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11. Februar 1991: Die Schausteller versammeln sich im Ratssaal, um gegen den Gemeinderatsbeschluss zur Absage des Mathaisemarktes zu protestieren. © Schwetasch

Als vor genau einer Woche die Nachricht bekannt wird, dass der Mathaisemarkt 2021 wegen Corona ausfällt, da erinnern sich viele in Schriesheim und in der Region an das Jahr 1991. Auch damals wird das erste Volksfest der Region im Jahresablauf abgesagt, wegen des Golfkrieges. Im Unterschied zu 2021 sind damals aber einzelne Programmpunkte möglich.

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1579 wird der Schriesheimer Mathaisemarkt ins Leben gerufen. Doch auch wenn er offiziell durchgezählt wird – 2020 war der „441.“ –, so findet er auf weiten Strecken seiner Geschichte gar nicht statt. Zumeist sind es Kriege und die durch sie verursachte Not, die das Feiern verhindern, so im 20. Jahrhundert der Erste und Zweite Weltkrieg. Aber auch Krankheiten wie die Maul- und Klauenseuche in den 1920er Jahren, die dem damaligen Vieh- und Pferdemarkt besonders zusetzt.

1991 jedoch ist es ein Krieg fernab der eigenen Grenzen. Damals geht es um Pietät und um Solidarität, nicht zuletzt mit Israel, das von irakischen Waffen bedroht und beschossen wird.

Alles beginnt am 2. August 1990, als der irakische Diktator Saddam Hussein das benachbarte Emirat Kuwait überfällt und besetzt. Als alle Appelle der Weltgemeinschaft für einen Rückzug verblassen, beginnt am 16. Januar 1991 unter Führung der USA eine internationale Militäraktion gegen den Irak.

Winzer contra BdS

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Bereits kurz danach werden in Deutschland alle Faschingsveranstaltungen abgesagt. Und natürlich kommt in Schriesheim die Frage auf, ob vor diesem Hintergrund der Mathaisemarkt überhaupt gefeiert werden kann. Im Rathaus wird die Marschroute festgelegt: „Wenn zum Festtermin noch Krieg herrscht, wird es keinen Mathaisemarkt geben“ – so Bürgermeister Peter Riehl am 21. Januar in dieser Zeitung.

Vor Ort entbrennt die Diskussion. Strikt gegen einen Verzicht ist die Winzergenossenschaft. „Den Mathaisemarkt abzusagen“, so warnt ihr Vorsitzender Friedrich Ewald, „das wäre doch nur eine vordergründige Gewissensberuhigung nach dem Motto: Wir sagen den Mathaisemarkt ab, also leisten wir damit unseren Beitrag zum Frieden.“ „Unsere Straußwirtschaft ist ein Bestandteil unseres Lebensunterhalts“, betont der Winzer Karl-Heinz Wehweck.

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Anders dagegen der Bund der Selbstständigen (BdS), dem als Veranstalter der Leistungsschau und der Mittelstandskundgebung eine zentrale Rolle beim Mathaisemarkt zukommt. „Es ist ethisch-moralisch nicht zu vertreten, hier High Life zu machen, während woanders Menschen sterben“, mahnt Vorsitzender Willi Hessenauer, der den Weltkrieg noch miterlebt hat, in seiner Stellungnahme, die jedoch nicht von allen Mitgliedsbetrieben geteilt wird.

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Am 8. Februar kommt der Gemeinderat zusammen, um das Thema zu beraten. Der Ratssaal ist überfüllt wie selten zuvor. Auf dem Boden hocken Schüler der Klasse 9c der Kurpfalz-Realschule; im Unterricht nehmen sie gerade „Kommunalpolitik“ durch und wollen daher eine Ratssitzung live miterleben.

„Ja oder nein zum Mathaisemarkt ist keine Frage von Gut oder Böse“, mahnt Bürgermeister Riehl und fordert, jeden Gemeinderatsbeschluss, in welcher Richtung er auch ausfällt, zu respektieren. Er selbst geht mit dem Antrag in die Beratungen, den Mathaisemarkt abzusagen.

Knappe Mehrheit 13:11

Die Meinungen laufen quer durch die Parteien. Ein Paradebeispiel ist die damals größte Fraktion, die CDU. Für die Fraktionsmehrheit warnt Horst Schütze, selbst im Organisationskomitee des Festes, vor einer möglichen unerträglichen Situation, dass in Schriesheim gefeiert werde, während sich die Kriegslage am Golf dramatisch zuspitze. Für die Minderheit erinnert Siegfried Schlüter an 150 Kriege seit 1950, von denen keiner zu einer Absage geführt habe. Als Beispiel nennt er den Einmarsch der Sowjets in Afghanistan 1980, aber auch den Volksaufstand in der DDR vom 17. Juni 1953: „Wo war damals der Aufschrei?“, fragt er. FDP-Stadtrat Bernhard Scharf wendet sich gegen „verordnete Trauer“.

Nach langer, ernster, zumeist sachlicher Diskussion beschließt das Gremium mit der denkbar knappen Mehrheit von 13 gegen elf Stimmen bei drei Enthaltungen die Absage des Festes. Dafür votiert die Mehrheit von CDU und SPD sowie die Grüne Liste geschlossen, dagegen stimmen sämtliche Freien Wähler, einige wenige Stadträte von CDU und SPD sowie der FDP-Rat. Riehl enthält sich.

Schausteller-Protest im Rathaus

Doch damit ist die Sache nicht erledigt. Bald nach der Gemeinderatssitzung marschieren die Schausteller vor dem Rathaus auf und verlangen, den Bürgermeister zu sprechen. Riehl kneift nicht, sondern stellt sich der wütenden Menge, die als Ersatz die Abhaltung eines Frühlingsfestes fordert; das lehnt Riehl jedoch kategorisch ab. Darauf werden rechtliche Schritte bei der Aufsichtsbehörde, dem Landratsamt, angekündigt.

Doch der Kreis gibt der Stadt Recht, auch wenn Landrat Jürgen Schütz persönlich gegen die Absage ist. „Die Markt-Festsetzung war nach § 69 b, Absatz 3, Satz 2, Gewerbeordnung aufzuheben, weil die Durchführung des Marktes der Stadt Schriesheim als Veranstalterin nicht mehr zugemutet werden kann.“

Die Kosten der Absage für die Stadtkasse betragen – ohne entgangene Einnahme von Schaustellern, Festzelt und Straußwirtschaften – etwa 90 000 Euro. Davon alleine 80 000 Euro für die bereits verpflichteten Musiker, allen voran die damals beliebte Spider Murphy Gang („Skandal um Rosi“).

Unklar ist zunächst, was mit den bereits gewählten Weinhoheiten geschehen soll. Die Winzer fordern, dass Heike Höfer mit ihren Prinzessinnen Martina Eichhorn und Sigrid Moos ihre Amtszeit antreten, also eine Krönung stattfinden soll. Diese erfolgt am 2. März – anstatt im Festzelt allerdings im kleineren Rahmen des Historischen Zehntkellers. Das war‘s dann zunächst auch schon mit dem Mathaisemarkt-Geschehen 1991. Am 12. April endet der Golfkrieg, Weinfeste und andere Veranstaltungen finden wieder statt. Doch Heike Höfer geht als „Weinkönigin ohne Mathaisemarkt“ in die Annalen ein.

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