Schriesheim - Am Montag beginnt an der Bundesstraße 3 die Bebauung des „Adler“-Areals / 130 Jahre stand hier ein beliebter Gasthof Ausflugslokal für die Region

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Konstantin Groß
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Der Gasthof „Adler“ in der Landstraße mit dem Saaltrakt links. Da dieser 1925 errichtet wurde, entstand das Foto irgendwann in den Jahren danach. © StadtArchiv

Wenn am Montag der symbolische erste Spatenstich auf dem Gelände des früheren Gasthofes „Schwarzer Adler“ gesetzt wird, beginnt an dieser für Schriesheim stadtbildprägenden Stelle an der B3/Ecke Talstraße ein neues Kapitel. Das frühere endet bereits im März vergangenen Jahres: Damals wird das alte „Adler“-Gebäude nach 130 Jahren abgerissen.

Schriesheim Von den früheren Höhenflügen des "Adler"

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Die Geschichte dieses Geländes – sie ist auch ein Stück Stadtgeschichte Schriesheims. Lange bleibt es unbebaut, weil es außerhalb der Altstadt liegt. Erst als die „Chaussee“ zwischen Weinheim und Heidelberg entsteht (die heutige B 3), wird es interessant. 1826 errichtet der Zimmermann Johann Georg Böckel das erste Haus auf diesem Grundstück.

Ende der 1880er Jahre entsteht der Gasthof, dessen charakteristische Sandsteingesimse an Fenstern und Türen die Fassade bis zum Abriss prägen. In die Hauswand eingelassen sind Ringe, an denen die Gäste ihre Pferde anbinden können.

Die Ära Schuhmann

1923 beginnt die Ära Schuhmann. Und es ist ein glücklicher Umstand, dass dessen Enkelin Friedhild Näher-Rensland im Jahrbuch 2020 des Stadtarchivs eine umfassende Darstellung über diese Zeit verfasst.

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Sie berichtet:1923 erhält ihr Opa Wilhelm Schuhmann das Schankrecht – kein guter Zeitpunkt: Die Inflation tobt. Als diese überwunden ist, legt er los: Im Januar 1925 wird ein Anbau eingeweiht – im Erdgeschoss mit einer Turnhalle und darüber einem Saal, holzvertäfelt und mit Platz für bis zu 300 Gäste.

In der Turnhalle stehen Barren, Reck und Pferd, an der Decke hängen Ringe und Strickleitern. Die Handballer trainieren hier, wechseln danach in die Gaststube. Nicht selten landet ein Bier im Klavier.

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Im Saal halten Vereine ihre Bälle, Chöre ihre Konzerte ab. An Mathaisemarkt und Kerwe wird hier kräftig gefeiert. Der „Adler“ ist eine Institution, nicht nur für die Schriesheimer. Für die Städter aus Mannheim, die mit ihren Autos, einem Opel Blitz oder einem DKW, in den Odenwald pilgern, gehört ein schmackhaftes Mittagessen in einem Landgasthaus dazu. Der „Adler“ liegt dafür ideal. Eine Speisekarte offenbart die Preise jener Zeit: Rumpsteak 1,20 Mark, Nierenbraten 1,50, Hähnchen 2,50, ein Viertel Wein um die 30 Pfennige.

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Die Töchter des Hauses räumen das Geschirr ab. „Wenn sie Trinkgeld bekamen, machten sie einen Knicks, nahmen es aber nicht an – mit der Begründung, dass sie zum Haus gehören“, erzählt Näher-Rensland.

Ab 1933 kommen andere Gäste. Etwa Soldaten vom Fliegerhorst in Mannheim. Es ist ein heißer Sommertag, der bestellte Kartoffelsalat wird sauer: „Wir mussten schnell grünen Salat beschaffen und Brot, verkauften das Essen zehn Pfennige billiger“, bilanziert die Wirtin in ihrem Tagebuch ein wenig bitter: „Eingenommen wurde nichts.“

Hauptquartier der Amerikaner

Doch das sollte sich noch als das geringste Problem erweisen. 1933 gehört die Macht der NSDAP, der Schuhmann schon zwei Jahre zuvor beitritt. Als der von ihm mitgegründete Reiterverein in die Reiter-SS eingegliedert wird, findet er sich auch in der SS wieder. Auf der anderen Seite werden im „Adler“ Juden noch zu einer Zeit bedient, als dies anderswo nicht mehr geschieht.

Als Schuhmann jedoch ein Schaf „schwarz“ schlachtet, wird er denunziert. Zehn Monate Haft und Partei-Ausschluss sind die Folge. Das hilft ihm nach 1945 nicht viel: Wegen der SS-Zugehörigkeit wird er von den Amerikanern für 22 Monate in Kornwestheim interniert.

Als diese mit ihren Panzern über die Landstraße in Schriesheim einrücken, ist der „Adler“ das erste große Gebäude, das sie sehen. Es wird zu ihrer Kommandantur. GIs lassen die Beine aus den Fenstern baumeln, locken Kinder mit Schokolade und „Fräuleins“ mit Zigaretten.

Flüchtlinge und Krawattenfabrik

Später werden Flüchtlinge aus dem Osten einquartiert. Bis zu 500 Menschen drängen sich im Saal. Eine Frau bringt einen Sohn zur Welt, die Tochter der Wirtsleute wird Patin.

An die Wiedereröffnung des Lokals ist dabei nicht zu denken. Der Saal wird an die Krawattenfabrik Feller vermietet, die hier den von Edmund Feller erfundenen „Eloga“ fertigt – einen Schlips, den man nicht binden muss, sondern mit einem Clip oben am Hemd befestigt.

Die Gastwirtschaft steht leer, wechselt dann oft den Pächter. 1964 verkauft die Brauerei den „Adler“ an die Wirte-Dynastie Grüber. Matthias Grüber verhilft ihm zu neuer Blüte. 60 Betten stehen nun bereit. In den 1960er Jahren nächtigen hier Caterina Valente und die Jakob-Sisters, 1982 Nationaltorwart Sepp Maier.

Zu Gast sind auch Polit-Größen wie Holger Börner (SPD), Hans-Dietrich Genscher (FDP) und ein gewisser Christian Wulff. Damals 41 Jahre jung und Oppositionsführer im niedersächsischen Landtag, referiert er hier am 18. März 2001 zum Thema „Moral in der Politik“ – und sagt Sätze, die sich nach seinem Sturz als Bundespräsident skurril anhören.

2009 ist für Matthias Grüber und seine Frau Ellinor aus Altersgründen Schluss. Ein halbes Dutzend Investoren interessieren sich für das Areal und springen wieder ab. Zehn Jahre steht das Gebäude leer, bis der jetzige Investor Peter Ujjobbagy zugreift.

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