Serie „Fasnacht fällt aus“ (Teil 6) - Die vier Vereine im Mannheimer Norden gehen ganz unterschiedlich mit der Absage der Kampagne um Von Online-Training bis Hexen-TÜV

Von 
Peter Ragge
Lesedauer: 
„Wir konnten Fitness und Gemeinschaft immerhin etwas aufrechterhalten“, kommentiert CCW-Vorsitzender Stefan Höß das hier gezeigte Online-Training seines Vereins. © Vereine

Von einer „Schockstarre“ spricht zunächst Stefan Höß, Vorsitzender des Carneval Club Waldhof (CCW). Aber schnell wird klar, dass der über 600 Mitglieder zählende Karnevalsverein durch die Corona-Pandemie doch nicht völlig lahmgelegt worden ist. Auch fast alle anderen Fasnachter in den nördlichen Stadtteilen versuchen, irgendwie aktiv zu bleiben.

AdUnit urban-intext1

Der „positive Vereinsgeist“ sei unverändert spürbar, Austritte gebe es nicht, freut sich Höß. Wichtige Einnahmequellen wie Veranstaltungen, Kampagnenheft und Spenden seien aber leider „weggebrochen“, räumt er ein, „und dennoch laufen die Kosten für Versicherungen und andere Fixkosten weiter“, so Höß.

„Alles auf Null gefahren“

Man habe versucht, für die Kinder und Jugendlichen das Training weiterlaufen zu lassen, „um Fitness und Gemeinschaft immerhin etwas aufrechtzuerhalten.“ Das sei im Sommer bis zum Oktober unter Beachtung der Hygieneregeln, dann per Onlinetraining zu normalen Trainingszeiten und zudem mit Sparten- und altersübergreifenden Einheiten gelungen. „Das empfinden wir zur Stärkung der Vereinsbindung als immens wichtig“, sagt der Vorsitzende. Zu Weihnachten hätten die Abteilungs- und Gardeleitungen den Mitgliedern ein Weihnachtsgeschenk nach Hause gebracht.

Gerne beteilige sich der CCW an der Feuerio-Fernsehfasnacht auf RNF sowie der Onlineveranstaltung im Rhein-Neckar-Theater. Das gilt ebenso für die Sandhofener „Stichler“. Doch ansonsten sei der Verein „in einem kompletten Kampagne-Lockdown“, so Vizepräsident Oliver Strübbe. Dies habe der Vorstand bereits im April beschlossen, „und das hat sich, wenn man die Situation heute betrachtet, als richtig erwiesen“, so Strübbe. Veranstaltungen im kleinen Format habe man zwar geprüft, „aber gegenüber den Mitgliedern nicht kommuniziert, um hier keine große Erwartungshaltung aufkommen zu lassen – und durch die Kontaktbeschränkungen wurden die Planungen leider hinfällig“, so der Vizepräsident.

AdUnit urban-intext2

Orden, Jahresheft und Ehrungen gebe es nicht, „also ist bei uns tatsächlich alles auf Null gefahren“, so Strübbe. Elferrat Heiko Stasch bespielt aber die sozialen Netzwerke. „Da keine Kampagne geplant war, ist kein finanzieller Verlust in nennenswerter Größe entstanden“, so der Vize, da die laufenden Kosten durch die Mitgliedsbeiträge gedeckt seien und die „Stichler“ ja nur eine von elf Sparten des Sport- und Kultur-Vereins Sandhofen (SKV) darstellen.

Für die Garde sei es aber „in der Tat gerade sehr schwierig“, berichtet Trainerin Erna Hartig. Im Sommer habe man auf dem Freigelände des SKV mit einem eigens erstellten Hygienekonzept trainieren können.

Motivation schwierig

AdUnit urban-intext3

„Das war mit Abstand nicht in dem Umfang möglich wie in der Halle, in erster Linie ging es uns aber darum, den Gruppengedanken wieder zu stärken, sich zu sehen und etwas für den Sport zu tun“, so Erna Hartig. In der Halle habe man dann feste Bereiche für jeden einzelnen Tänzer abgeklebt, um die Abstände einhalten zu können. Reguläres Training sei das aber auch nicht, „die Tänzer durften sich ja nicht berühren oder sich zu nahe kommen“, macht sie das Problem deutlich. Mit der Verschärfung der Regelungen im Herbst sei das Team auf Online-Training umgestiegen. „Für die Kids war es größtenteils eine Freude, dass wir uns zumindest auf den Bildschirmen sehen und gemeinsam etwas trainieren konnten“, berichtet sie.

AdUnit urban-intext4

Mit der Zeit sinke aber leider auch hier die Motivation, einzelne Mitglieder seien abgesprungen. „Die Kids ohne Ausblick auf Turniere, Veranstaltungen und ein gemeinsames Wiedersehen zu motivieren, ist sehr schwierig“, räumt sie ein: „Wir sind sehr bemüht, alle bei Laune zu halten. Leicht fällt dies leider nicht“, so die Trainerin, und immerhin zwei Solisten dürften an Fernseh- und Onlinesitzung teilnehmen, „das bringt wenigstens für einen Teil der Tänzer etwas Abwechslung“. Die komplette Garde hätte auch gerne bei der Fernsehsitzung getanzt – aber das ist wegen Corona verboten.

Schönau komplett im Lockdown

Anders ist die Situation auf der Schönau. Die Karnevalsgesellschaft Grün-Weiss hat sich zu einem kompletten Lockdown entschlossen, so Schriftführerin Jessica Ellwanger: „Daraufhin haben wir schweren Herzens auch das Training für unsere Garde abgebrochen, da für uns die Fürsorgepflicht gegenüber unseren Mitgliedern an erster Stelle steht.“ Der Kampagnenausfall sei „für uns zumindest für dieses Jahr wirtschaftlich tragbar“, Austritte gebe es nicht, aber auch keine Orden, kein Vereinsheft. „Wir hoffen auf die nächste Kampagne“, sagt Ellwanger.

Mit Humor nehmen die Karlsternhexen, 1996 in der Gartenstadt als einziger Mannheimer Verein der schwäbisch-alemannischen Fastnachtstradition gegründet, den Ausfall der Kampagne. Zu Weihnachten bekamen die aktiven Mitglieder einen vom Vorstand selbst genähten „Corona-Jahresorden“ in Form einer Corona-Maske.

Neue Kraft schöpfen

„Eigentlich könnten die Hexen ohne Probleme Fasnacht feiern, denn wir tragen ja auch Masken“, scherzt Markus Schüpferling, der erste Zunftmeister: „Jedoch alleine auf der Straße unterwegs zu sein, macht keinen Spaß, und deshalb machen wir auch mal eine Pause“, so Schüpferling. Ganz untätig seien die Hexen aber dennoch nicht. „Wir nutzen die Zeit, das Häs und die Larve zu überprüfen und in Ordnung zu bringen, es werden neue Röcke, Halstücher, Hemden genäht, Strohschuhe und Glocken ausgebessert oder komplett erneuert. Und letztendlich müssen natürlich alle sonstigen Hexenutensilien überarbeitet und ertüchtigt werden“, zählt Schüpferling auf – er meint etwa seine Stelzen für die Figur des Luzifer, bei der er mit Hörnern und Pferdefuß einen 2,20 Meter großen, grimmigen Teufel darstellt: „Wir könnten fast sagen, es wird eine Art TÜV bei der Ausstattung einer jeder aktiven Hexe gemacht“, erzählt Schüpferling. Zudem konzipiere die Truppe einen neuen Auftritt für Prunksitzungen.

Natürlich fehle die Fasnacht emotional und es fehlten die Einnahmen durch Auftritte, bedauert er. „Aber vielleicht können wir durch die erzwungene Auszeit einfach ein wenig neue Kraft schöpfen, um mit neuen Elan in die nächste Kampagne zu starten“, sagt er optimistisch: „Wir regenerieren uns und starten umso stärker, sozusagen wie Phönix aus der Asche“, so Schüpferling.