Quartiermanager: "Die Bezeichnungen für die Neckarstadt-West waren sehr oft nicht angemessen"

Von 
Anke Philipp
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Die Lichtmeile (hier 2017 in der Waldhofstraße 8 mit illuminierter Papierkunst) ist seit 2007 eines der Großprojekte des Quartiermanagements in der Neckarstadt-West. Das Kulturfestival bringt Kulturschaffende zusammen. © Thomas Tröster

Mannheim. Gabriel Höfle war 13 Jahre Quartiermanager in der Neckarstadt-West. Jetzt verlässt er den Stadtteil und fängt als Koordinator für Soziale Stadtteilentwicklung bei der Stadt Heidelberg an.

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Herr Höfle, Als No-go-Area wurde die Neckarstadt-West einst bezeichnet. Was macht den Stadtteil eigentlich aus?

Gabriel Höfle: Die Bezeichnungen für die Neckarstadt-West waren sehr oft nicht dem wahren Leben im Quartier angemessen. Bereits 2008 sprach ich von einem vielfältigen Quartier, das sowohl hinsichtlich der Bebauungs-, Bevölkerungs- als auch der kulturellen Situation höchst vielfältig ist. Diese Vielfalt aufzuzeigen und gleichzeitig die Potenziale des Quartiers hervorzuheben war stets mein Bestreben. So galt und gilt es auch jene Kräfte zu unterstützten, die dem Quartier einen Mehrwert geben und jenen Kräften und Ereignissen entgegenzuwirken, die für diese Vielfalt eine Gefahr darstellen.

Was sind die besonderen Herausforderungen?

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Höfle: Die Herausforderungen liegen in der Vielfalt und den unterschiedlichen Interessen. Es sind insbesondere die globalen Ereignisse und eben nicht die Binnenentwicklung, die die Entwicklung überschatten - zum Beispiel die Zuwanderung aus Südosteuropa (2007), der Drogenhandel am Neckarvorland (2015) oder die sich in der Coronakrise andeutende Verschlechterung der Bildungschancen insbesondere der Grundschulkinder.

Was kann da Quartiermanagement bewirken?

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Höfle: In vielfältigen Stadtteilen mit hohen brachliegenden Potenzialen, in den es nur marginale bewohnerschaftsgetragenen Strukturen gibt, in den ein hoher Anteil der Menschen keinen Zugang zu jenen Informationen hat, die eine Teilhabe oder eine Mitgestaltung der eigenen Lebenswelt erlauben, ist ein Quartiermanagement unverzichtbar. Entscheidend für eine erfolgreiche Quartierentwicklung sind jedoch weitere Faktoren. So muss sich Quartiermanagement als Leistungserbringer für die Bewohner verstehen, Netzwerke und Ressourcen zur Verfügung stellen und die bürgerschaftlichen Interessen im Rahmen von Strukturen und Projekten bündeln. Hierauf aufbauend kann es Projekte derartig begleiten, dass diese nicht durch Individualinteressen geprägt sind. Darüber hinaus bedarf es eine grundsätzliche Bereitschaft in Verwaltung und Politik, Stadtteilentwicklungsprozesse zu begleiten.

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Welche Rolle spielt Öffentlichkeit?

Höfle: Eine öffentliche, am besten kleinteilige Begleitung der Projekte ist dann unabdingbar, wenn es sich um sehr heterogene Bevölkerungsstrukturen handelt. Öffentlichkeit ist hier ein Garant für eine transparente Arbeitsweise und stellt in Folge dessen auch eine Verbesserung der Teilhabe dar. In diesem Sinne darf aber Öffentlichkeit nicht nur die Medien vor Ort einbeziehen, sondern muss als ein breites Netzwerk aus Bewohnerschaft, Institutionen und Politik verstanden werden.

Haben Sie das Gefühl, dass jetzt in der Krise die Menschen informiert sind und die Regeln beachten?

Höfle: Im Großen und Ganzen bin ich positiv überrascht, wie sich die breite Mehrheit an die geltenden Regeln hält. Ich hätte mit stärkeren Verstößen gerechnet. Der Informationsstand war eine Zeit lang sehr unterschiedlich und es herrschte große Unsicherheit. Eine entscheidende Frage wird sein, wie lange jene Haushalte noch unter den Einschränkungen leben müssen, die in sehr beengten Verhältnissen wohnen. Der Sommer wird sicherlich zu einer Bewährungsprobe, da der Aufenthalt in Wohnungen bei über 30 Grad auf längere Zeit schwer ertragbar sein dürfte. Als Quartiermanagement haben wir in den letzten Wochen kleinteilig beobachtet, wo Handlungsbedarfe bestehen und man kurzfristig agieren kann. Dies funktioniert aber nur durch die Zusammenarbeit mit allen Partnern im Quartier.

Quartiermanagement soll ja helfen, Stadtteile mit besonderen Herausforderungen gut zu entwickeln. Was ist gelungen, was eventuell nicht?

Höfle: Der Stadtteil hat sich deutlich positiv entwickelt ohne einzelne Bevölkerungsgruppen abzuhängen oder gar zu verdrängen. Die Anzahl der Projekte, die wir in den letzten 13 Jahren initiiert, realisiert und unterstützt haben ist umfangreich. Als besonders gelungen kann die stetige Einbeziehung der Bewohner bezeichnet werden - und zwar unabhängig von der Projektart und Größe. Ob das Kulturfestival Lichtmeile oder das Altes Volksbad, der Schülerladen oder die begonnene Neckarvorlandaufwertung, das Entwicklungskonzept Neumarkt oder die urbanen Gärten, alle Projekte wurden mit und durch die Bewohner getragen und entwickelt. Nur bedingt ist es gelungen, zeitnahes, adäquates kommunales Handeln für jene Herausforderungen zu erzielen, die von außen in den Stadtteil getragen wurden.

Bräuchte es mehr finanzielle Kapazitäten?

Höfle: Stadtteilentwicklung in Form von Quartiermanagement ist eine langfristige, eventuell sogar dauerhafte Aufgabe, insbesondere dann wenn die Potenziale der Art groß sind, aber auch brachliegen, wie es in der Neckarstadt-West der Fall ist und war. So betrachtet muss der Zeithorizont und damit auch die finanzielle Grundausstattung langfristig angelegt sein. Der Wunsch nach einer besseren finanziellen Ausstattung bestand auch stets in der Neckarstadt-West, wobei es im Kern aber immer um eine bessere personelle Ausstattung ging.

Was wünschen Sie dem Stadtteil für die Zukunft?

Höfle: Ich habe mir immer gewünscht, dass die innere Entwicklung nicht durch Ereignisse überdeckt wird, die in den Stadtteil getragen wurden. So wünsche ich dem Stadtteil eine Phase der Entwicklung in einem störungsfreien Umfeld, so dass sich die Kräfte des Stadtteils frei entfalten und deutlich zutage treten können. Ich wünsche den Bewohnern, dass die Entwicklungen nicht zu Verdrängungseffekte führen, sondern all jenen Menschen, die in schwierigen Verhältnissen leben, Chancen bietet.

Ganz konkret?

Höfle: Ich wünsche dem Stadtteil ein Wohnumfeld, welches zum Stadtteiljubiläum 2022 und ein Jahr vor der BUGA das Thema Neckargärten neu aufleben und die dichte Bebauung durch die Umsetzung des Begrünungskonzepts erblühen lässt. Ich wünsche der Bewohnerschaft, dass sie weithin die Kraft besitzt, sich für ihre Belange einzusetzen. Ich wünsche den Neckarstädtern Strukturen, die unterstützen und wahrhaftige Bürgerbeteiligung ermöglichen. Oder in wenigen Worten gesagt, ich wünsche dem Stadtteil nur das Beste.

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Redaktion Mitglied der Lokalredation, seit 1991 zuständig für den Bereich Mannheim-Mitte mit den Stadtteilen Innenstadt, Jungbusch, Neckarstadt-West und-Ost, Schwetzingerstadt, Oststadt, Neuostheim und Neuhermsheim.