Bildung - Hochschulen und Universität setzen hauptsächlich auf Online-Prüfungen / Zusatzsemester und Zusatzversuche wegen Pandemie sollen entlasten Wissenstest im Wohnzimmer

Von 
Lisa Wazulin
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Auch die Klausuren haben sich in der Pandemie ins Digitale verlagert. Gelernt und geprüft wird am heimischen Schreibtisch im Wohnzimmer. © dpa

Mannheim. Es bleibt bis zur letzten Minute spannend: Klappt das Abfotografieren der gelösten Matheaufgaben? Und hält die Internetverbindung durch, bis die Aufgaben hochgeladen sind? Es sind Fragen, die Studenten wie der 20-jährigen Nele Görlitz durch den Kopf gehen, als sie ihre Klausur im Fach Wirtschaftsingenieurwesen an der Hochschule Mannheim schreibt – vor dem Bildschirm. Denn seit der Pandemie ist an den Hochschulen und Universitäten nicht nur der Unterricht digital, sondern eben auch die Prüfungen.

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Das stellt nicht nur die Prüflinge vor Herausforderungen, sondern auch ihre Professorinnen und Dozenten. Weil schließlich jeder und jede die Klausur an das Studienfach anpasst, ist das Schreiben der Prüfung so unterschiedlich wie die Lehrer selbst. „Das ist manchmal ein ziemliches Hin und Her. Es kann immer was schieflaufen, etwa die Internetverbindung abbrechen“, sagt Görlitz, deren Mutter als Redakteurin beim „Mannheimer Morgen“ arbeitet.

Aufgaben per Post einschicken

Wie also laufen solche Klausuren überhaupt ab? Gemeinsam mit ihrer Kommilitonin Tamina Eiser gibt Görlitz Einblicke in ihre Prüfungsphase, in der sie sechs Tests innerhalb von drei Wochen schreiben: Vor dem Start erhalten alle eine Tabelle mit genauem Ablauf der Prüfung. Dann loggen sich alle in eine Videokonferenz ein. Zu Beginn kann jeder und jede aufgefordert werden, den Studentenausweis in die Kamera halten, die während der gesamten Zeit zur Überwachung eingeschaltet bleiben muss.

Zugeschaltete Hilfskräfte sollen die Studierende in 80 Minuten Prüfungszeit beobachten und verhindern, dass getrickst wird. Der Lehrende eröffnet mit ein paar Worten die Klausur, die Zeit wird gestoppt. Die Aufgaben werden mal von einer Lernplattform heruntergeladen. Mal online beantwortet. Mal als Multiple-Choice-Test per Word-Dokument verschickt, wo sich verschiedene Anwort-Möglichkeiten ankreuzen lassen. Gerade bei physikalischen oder mathematischen Formeln können die Studierenden die Aufgaben handschriftlich aufschreiben und sie später abfotografieren, hochladen oder per Mail und per Post an die Dozenten schicken, alles innerhalb einer bestimmten Zeit.

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„Wenn eine Fehlermeldung kommt, müssen wir die Professoren direkt anrufen, das hat bis jetzt aber gut geklappt“, weiß Görlitz aus Berichten von anderen in ihrem Studiengang. Dass eben nicht immer alles reibungslos über die Internetverbindung funktioniert, haben die zwei Studentinnen selbst einmal miterlebt: Bei einer Klausur mit 100 Teilnehmer versagte ausgerechnet die Verbindung des Kursleiters. Um die Prüfung in seinem Beisein durchführen zu können, mussten alle Teilnehmer ihre Kameras ausschalten – Überwachung ausgehebelt. Auch an der Universität Mannheim finden Klausuren hauptsächlich digital statt. Hier weiß man ebenfalls, wie wichtig eine zuverlässige Internetverbindung ist. Deshalb bietet die Uni auf ihrer Homepage einen „Speedtest“ an, der vorab prüft, wie stabil und schnell der Kontakt zum Netz ist.

Für diejenigen, die weder technische Geräte wie Smartphone, Laptop oder Tablet oder zuverlässiges Internet haben, gibt es eine Notlösung. Sie dürfen ihren Test in der Uni schreiben. Einzige Bedingung dafür ist die rechtzeitige Anmeldung eine Woche vorher. Wer also vor Ort sein Können unter Beweis stellen muss, dem wird vorher ein fester Sitzplatz im Raum zugewiesen. Aber bieten digitale Klausuren allein vor dem Bildschirm nicht doch Chancen fürs Schummeln? Auch dafür haben sich die Hochschulen etwas einfallen lassen und nutzen die sogenannte Open-Book-Technik. Dabei dürfen die Prüflinge alle Lernmaterialien wie Nachschlagewerke, Spickzettel oder Formeln zum Lösen der Aufgaben benutzen.

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„Klar könnte man googeln oder sich über WhatsApp austauschen“, sagt Studentin Tamina Eiser. Allerdings müssen die Prüflinge vorher sich per eidesstattliche Erklärung dazu verpflichten, genau das nicht zu tun. „Und bei Open-Book-Klausuren bringt das alles nichts, das sind Transferaufgaben, dafür muss man das Thema verstanden haben“, findet Eiser. An der DHBW Mannheim werden die meisten Prüfungen digital abgehalten, allerdings wollen sich manche lieber nicht im Wohnzimmer filmen lassen und bevorzugen laut Rektorat das Schreiben vor Ort. Auch hier setzt man auf Open-Book-Klausuren und will in Zukunft weg von Tests, die stumpf das auswendig Gelernte abfragen.

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Ob das digitale Prüfen ihre Noten oder das Lernverhalten verändert hat? „Man braucht viel mehr Selbstdisziplin. Sich im Arbeitszimmer richtig zu konzentrieren, muss man üben. Aber meine Noten hat es überhaupt nicht beeinflusst“, sagt die 20-jährige Görlitz. Sie und ihre Freundin sind froh, dass wegen der Pandemie zu den bisherigen drei Prüfungsversuchen ein weiterer dazu gekommen ist. „Das ist ein Freischuss, ein geschenkter Versuch. Da kann jeder einfach probieren, ob es fürs Bestehen am Ende nicht doch reicht“, sind sich die beiden einig.

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