Wir schaffen das auch!

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Tanja Schmidt, Pfarrerin
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Vom Hirtenjungen zum Gründer einer Dynastie – dieses Leben war wie ein amerikanischer Traum. Doch am Ende hat eine Pandemie sein größtes Projekt durchkreuzt. Und er musste sich fragen: Wie stehe ich jetzt da? Was ist mein Leben wert, wenn ich Bilanz ziehe? Vor den andern? Vor mir selbst?

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An ihn, David, denke ich in diesen Monaten öfter.

David hütet die Schafe. Er ist der Jüngste von acht Brüdern. Ein hübscher Junge. Clever. Trickreich. Ein musikalischer Typ. Dieses Talent bringt ihn zum Königshof. Er wird Musiktherapeut. Dem König Saul spielt er die Harfe, wenn der seine depressiven Schübe bekommt. Und der König macht ihn zu seinem Waffenträger.

Sein größter Auftritt ist bis heute bekannt. Wie er den Hünen besiegt. Den riesengroßen Goliath, den Hauptkämpfer der Feinde. Mit einer kleinen Steinschleuder, die David schon beim Schafehüten geholfen hat. Damit beginnt ein Leben, das auf Netflix eine Serie mit zwölf Staffeln füllen könnte. Spannender noch als House of Cards.

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Eine Geschichte von Freundschaft und Verrat. Von Liebe und Intrigen. Von Kampf und Macht. Am Ende ist David König von Israel. Jerusalem hat er zur Hauptstadt gemacht. Und er träumt davon, seinem Gott dort einen Tempel zu bauen. Dem Gott, der ihn so weit gebracht hat.

Vorher lässt er jedoch sein Volk zählen. Kaum ist die Zählung beendet, bricht die Pest aus. David quält sich mit der Frage, ob er schuld ist an der Pandemie. Hat er seinen Gott verärgert, weil er das Volk Gottes zählen ließ? So, als ob es sein eigenes wäre? Der Tempelbau scheitert jedenfalls an der Pest. Und David muss akzeptieren lernen, dass aus dem Höhepunkt seines Lebenswerks nichts wird. Seinen größten Lebenstraum kann er nicht verwirklichen.

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An diese Geschichte muss ich denken, wenn heute Träume platzen. Weil wieder eine Pandemie wütet. Viele, die einen Laden besitzen, müssen aufgeben. Wirte schließen für immer ihre Türen. Kulturschaffende müssen ihre Projekte begraben. Manche brechen ihr Studium ab, weil sie unter diesen Bedingungen nicht durchhalten. Seuchen sind die Zeit geplatzter Lebensträume. Am Jahresbeginn wird das besonders deutlich. Wenn man Bilanz zieht und Ziele absteckt.

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David konnte nicht als der Erbauer des Tempels in die Geschichte eingehen. Aber dennoch kennt ihn fast jedes Kind. Als mutigen Kämpfer gegen Goliath. Und als Liederdichter. Zum Beispiel vom Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Und ob ich auch wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück.“ Auch in Krisen ist Gott bei mir. Das ist Davids Erfahrung. Davon will er singen. Und damit anderen Menschen Mut machen.

Den Tempel hat dann sein Sohn gebaut. König Salomo. Das finde ich gleich doppelt schön: Irgendwie gibt es meistens jemanden, der eine liegen gebliebene Aufgabe dann doch verwirklicht. Und nicht selten sind Kinder dankbar, wenn ihre starken Eltern ihnen etwas übriglassen. Etwas, womit auch die nächste Generation zeigen kann: Wir schaffen das auch!

Tanja Schmidt, Pfarrerin Evangelische Kirchengemeinde Leutershausen