Wissen - Ehrenamtliche Autoren der Online-Enzyklopädie und Wissenschaftler treffen sich in der Universität Wikipedianer diskutieren offline

Von 
Anne-Kathrin Jeschke
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Hannah Puchelt und Simon Henn nicken einträchtig: Klar schauen sie bei Wikipedia nach, wenn sie schnelle Informationen brauchen. "Das gehört dazu." 21 und 29 sind sie, studieren Germanistik an der Mannheimer Universität. In einem Seminar haben sie sich mit der Online-Enzyklopädie befasst, sie wissenschaftlich untersucht. Nun sind sie zum Schloss gekommen, um diejenigen zu treffen, die das Lexikon befüllen: die Wikipedianer. So nennen sich die Ehrenamtlichen, die die Online-Enzyklopädie hegen und pflegen. Der Berliner Sebastian Wallroth hat in privater Initiative das "Wikidach- Barcamp" organisiert: ein Treffen von rund 50 Autoren und Interessierten mit Seminaren und Diskussionen rund um die Plattform.

Wikipedianer im Gespräch: Jakob, der seinen Nachnamen nicht veröffentlicht sehen möchte, kommt aus Frankfurt am Main. Der 23-Jährige freut sich, dass er andere Autoren auch in der realen Welt kennenlernt.

© Jeschke
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Die Teilnehmer fragen sich etwa, wie sie mehr - und vor allem diversere - Autoren von dem Projekt überzeugen können: "Das Know-how, das dort abgebildet ist, ist vor allem weiß und männlich, das reicht einfach nicht", kritisiert Dozentin Sandra Becker. "Es ist unser Auftrag, das zu ändern." Erhebungen gehen davon aus, dass mehr als 80 Prozent der Autoren Männer sind - viele von ihnen aus dem naturwissenschaftlichen Bereich. Das spiegelt sich entsprechend in den Inhalten wider.

Wikipedia - Sammlung kollektiven Wissens

Wikipedia ist eine freie, kollektiv erstellte Online-Enzyklopädie.

Mehr als 39 Millionen Einträge enthielt die Plattform im vergangenen Jahr weltweit, davon mehr als zwei Millionen in deutscher Sprache.

Die Inhalte können von Nutzern nicht nur gelesen, sondern direkt im Browser verändert werden.

Rund 5500 Wikipedianer arbeiten dem Berliner Verein Wikimedia zufolge mindestens fünfmal pro Monat aktiv an Beiträgen der deutschen Ausgabe des Internet-Lexikons.

Das gemeinnützige Projekt, das von der US-amerikanischen Wikimedia Foundation getragen wird, finanziert sich über Spenden.

"Dröge Faktenaufzählung"

Ein Teilnehmer würde gerne mehr Handwerker als Wikipedianer gewinnen - und die Plattform mit deren "praktischem Wissen" bereichern. "Die Anzahl der Leute, die gerne lange Texte schreiben, ist sehr begrenzt", glaubt Dirk Franke. "Warum muss Wikipedia nur aus Texten bestehen?" Handwerkliches etwa lasse sich besonders gut in Videos darstellen. Der Philosoph aus Berlin ist zwar überzeugter Wikipedianer - kritisiert aber durchaus einzelne Regeln. Auch das Neutralitätsgebot: "Wissenschaftliche Texte haben eine These, Wikipedia versucht, keine zu haben." Ihm missfalle diese "dröge Faktenaufzählung".

Alice Chodura sitzt vor dem Laptop, auch sie ist aus Berlin angereist. Die 25-Jährige schreibt über Vögel, heimische Pflanzen und Naturkundemuseen. "Mich fasziniert, dass man bei Wikipedia auch zu exotischeren Themen Informationen findet, die man sonst nur in Fachbüchern nachlesen kann." Und sie seien so aufbereitet, dass man sie auch dann verstehe, wenn man das entsprechende Fach nicht studiert hat.

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Jakob, 23, aus Frankfurt schätzt es, mit Menschen weltweit an einem "so spannenden Projekt" zu arbeiten. Das laufe natürlich nicht immer konfliktfrei. Viele Wikipedia-Nutzer kennen nur die klassischen Artikelseiten, dabei gibt es zu den Beiträgen auch Diskussionsseiten, auf denen es teilweise ganz schön zur Sache geht. Wikipedianer streiten hier durchaus mal über die Qualität oder Relevanz von Beiträgen. Auch damit haben sich Hannah Puchelt und Simon Henn im Uni-Seminar beschäftigt: "Der Ton bei Wikipedia ist höflicher als auf anderen Kanälen wie etwa Youtube", sagt Henn. "Kritik kommt hier nicht so direkt, sondern eher auf etwas überheblichere Art", ergänzt seine Kommilitonin.

Die Wikipedianer erfahren gerne, wie sie beforscht werden, sagt Veranstalter Sebastian Wallroth. Und Wissenschaftler freuten sich, ihre "Forschungsobjekte" zu treffen: Auf Einladung von Mannheimer Sprachwissenschaftlern um Eva Gredel waren am Freitag bereits Experten zum Workshop "Linguistische Wikipedistik" gekommen.

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"Wikipedianer beherrschen mehrere Sprachstile", nennt Gredel einen Untersuchungsaspekt. Auf den Artikelseiten schreiben Autoren korrekt, auf den Diskussionsseiten nutzen viele die typische Internet-Ausdrucksweise. "Wikipedia zeigt, dass Sprache im Internet nicht zugrunde geht, sondern dass sie differenzierter wird", so die Dozentin.

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Das Verhältnis von Wikipedia und Wissenschaft ist nicht ganz einfach: Es gibt Streit um die Zitierfähigkeit, Diskussionen um den freien Zugang zu wertvollem Wissen, Kritik an der Fehleranfälligkeit von Projekten, bei denen jeder mitmachen darf. Eva Gredel will ihren Studierenden wie Hannah Puchelt und Simon Henn aber nicht verbieten, mit Wikipedia zu arbeiten - sondern sie darin unterstützen, die Online-Enzyklopädie richtig zu lesen.

Freie Autorin Seit 2014 freie Journalistin in Mannheim. Davor: Journalistik-Studium in Leipzig, Volontariat beim "Mannheimer Morgen", Redakteurin beim "MM" und beim "Öko-Test-Verlag" in Frankfurt.