Interview: Professor Karl Mann über die Rolle der Gene, Behandlungskonzepte und neue Forschungsfelder Wenn Spielleidenschaft Leiden schafft

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Waltraud Kirsch-Mayer

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Abhängigkeit - ob von Alkohol oder Nikotin - ist für Professor Karl Mann vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) keine Charakterschwäche, sondern eine Krankheit, bei der Vorgänge im Hirn eine große Rolle spielen. Wir befragten den Wissenschaftler zu jüngsten Erkenntnissen der Suchtmedizin.

Ist Sucht schicksalhaft - weil vererbbar?

Karl Mann: Daran wird seit über 30 Jahren intensiv geforscht. Zusammengefasst lässt sich sagen: 50 bis 60 Prozent der Veranlagung, eine Abhängigkeit zu entwickeln, wird tatsächlich vererbt. Dies gilt für Alkohol- wie für Tabakabhängigkeit, und nach jüngeren Untersuchungen auch für die Spielsucht. Dieses Ergebnis bedeutet auch: Chronische Stresssituationen, Erziehungsstile, Übernahme von Rollenmodellen wirken ebenfalls mit.

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Gibt es so etwas wie ein Suchtgen?

Mann: Nein, wir haben es mit einem multigenetischen Geschehen zu tun - wobei jedes Gen nur einen kleinen Anteil des Risikos vermittelt. Neben diesen "Risikogenen" gibt es aber auch Schutzgene.

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Welche Auswirkungen haben solche Gene auf die Therapie?

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Mann: Neueste Entwicklungen zu dieser Frage sind zentrales Thema unserer Tagung in Mannheim. Erbfaktoren spielen offenbar auch beim Ansprechen auf bestimmte Therapien eine Rolle. So haben wir erste Forschungsergebnisse, die signalisieren: Das individuelle genetische Profil entscheidet darüber, ob ein Patient auf ein bestimmtes Medikament positiv anspricht oder nicht.

Ist es einfacher von Alkohol oder von Nikotin loszukommen. Anders ausgedrückt: Sind Suchtpotenziale unterschiedlich stark?

Mann: Es gibt weltweit Studien zu Therapieerfolgen. So haben wir bei Alkoholabhängigen etwa nach sechs Monaten eine etwa 50-prozentige Erfolgsrate - während sie bei Tabak- und bei Heroinabhängigen höchstens bei 25 Prozent liegt.

Gibt es bei der Behandlung von Suchtpatienten neue therapeutische Ansätze?

Mann: Neu ist die qualifizierte Entzugsbehandlung. Diese kann bei allen Abhängigkeiten eingesetzt werden. Entsprechende Evaluationsstudien wurden in Deutschland durchgeführt - auch durch unsere eigene Arbeitsgruppe. Die früher übliche rein körperliche Entgiftung von Alkohol, Medikamenten oder Heroin wird durch psychotherapeutische Elemente ergänzt. Sowohl in Einzelsitzungen wie auch in Gruppen. Es geht darum, sich die existenzielle Erschütterung eines Abhängigen - der vielleicht zum ersten Mal notfallmäßig wegen eines Alkoholentzugs stationär aufgenommen wurde - zunutze zu machen, um ihm zu vermitteln: Dein Lebensstil muss verändert werden! Natürlich soll eine weiterführende Behandlung folgen - das kann in Ambulanzen, Beratungsstellen oder in geeigneten Kurkliniken geschehen.

Ist dieser Entzug erfolgreich?

Mann: Das kann man in aller Bescheidenheit mit einem "Ja" beantworten. Wir haben ein "Manual zur qualifizierten Entzugsbehandlung bei Alkoholabhängigen" publiziert, was sehr großen Anklang gefunden hat. In den letzten drei bis vier Jahren ist es gelungen, diesen Ansatz fast flächendeckend deutschlandweit umzusetzen. Dabei ist den Krankenkassen zu danken, die sich nach intensiven Bemühungen in Mannheim davon überzeugen ließen, dass die Verlängerung der stationären Behandlungszeit mittel- und langfristig Kosten spart.

Wie lief es davor?

Mann: Nach der körperlichen Entgiftung von vier bis fünf Tagen traten häufig und kurzfristig Rückfälle auf. Manche Patienten kamen dadurch in ihrem Leben auf 50 bis 80 körperliche Entgiftungen, ohne dass eine durchgreifende Verhaltensänderung eintrat.

Zu einem aktuellen Thema: Komasaufen bei Jugendlichen.

Mann: Das ist schockierend! Aber mit Bedauern und Beklagen wird man nichts bewegen. Eine klare Konsequenz wäre beispielsweise eine Einschränkung, möglichst sogar eine komplette Abschaffung der Werbung für Suchtstoffe. An manchen Orten geschieht aber genau das Gegenteil. So wurden in einer großen Stadt in Südwestdeutschland kürzlich die Werbeflächen für Alkoholika verdoppelt.

Vor Jahren wurde Sucht vor allem mit Rauschgift assoziiert.

Mann: Glücklicherweise ist die Zahl der Rauschgiftsüchtigen nicht in der Weise angestiegen, wie wir das vor einigen Jahren noch befürchtet hatten. Dieser Erfolg ist vor allem darauf zurückzuführen, dass sich die politische Debatte versachlicht hat. Wurden vor zehn, 15 Jahren Methadonprogramme im Rahmen einer Substitutionsbehandlung noch weitgehend abgelehnt, so sind sie heute flächendeckend auf gutem Niveau umgesetzt. In Deutschland ist rund die Hälfte aller Heroinabhängigen tatsächlich in einer Substitutionsbehandlung. Die Stadt Mannheim zeigte sich hier sehr aufgeschlossen.

Gibt es in der Suchtforschung neue Felder und Herausforderungen?

Mann: Ja. Mit dem verstärkten Angebot von Casinospielen, aber auch von Automatenspielen beobachten wir eine Zunahme der Spielsüchtigen. Dabei handelt es sich häufig um dramatische Fälle: Erfolgreiche Menschen, die mitten im Leben stehen, Familien haben, verschulden sich in kürzester Zeit mit Beträgen, die häufig zwei-, drei- oder vierhunderttausend Euro betragen. Oft endet eine solche Entwicklung im Selbstmord. Hier müssen neue Behandlungs- und Beratungsangebote geschaffen werden. Deshalb haben wir Anfang des Jahres am ZI eine Spielsuchtambulanz eröffnet. Zugleich führen wir im Auftrag des Landes Baden-Württemberg ein großes Forschungsprogramm durch.

Wenn eine Fee dem Suchtforscher einen Wunsch erfüllen würde?

Mann: Dann würde ich mir wünschen, dass die Tabakabhängigkeit als Krankheit anerkannt und damit die Behandlung von den Krankenkassen übernommen wird. Dies würde dem entsprechen, was 1968 für Alkoholabhängige erreicht wurde und zu einem enormen Fortschritt mit großen Therapieerfolgen und letztlich auch zu Einsparungen im Gesundheitswesen geführt hat.