Vesperkirche - Organisatoren sind froh, trotz erschwerter Bedingungen an der Essensausgabe für Bedürftige festgehalten zu haben / Ende am Sonntag Vesperkirche in Konkordien hat noch mehr Dankbarkeit als sonst gespürt

Von 
Waltraud Kirsch-Mayer
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Diesmal wurde in der Vesperkirche auch Essen zum mit nach Hause nehmen ausgegeben. © Diakonisches Werk

Mit dem Januar endet am Sonntag auch die Vesperkirche in Konkordien. Bilanz haben Diakonie und Evangelische Kirche bereits vor dem Schlusswochenende gezogen: „Freude“, „Erleichterung“, „Stolz“ – diese Worte ziehen sich einem roten Faden gleich durch die persönlichen Kommentare.

Weniger Essen und strenge Hygienemaßnahmen

Bei früheren Vesperkirchen sind in der´Konkordienkirche täglich 500 bis 600 Menschen versorgt worden. Diesmal speisen bis zu 180 Bedürftige verteilt auf drei Bewirtungsschichten im Kirchenraum.

Zwei Drittel der bedürftigen Besucher nutzen das Essen-Mitnahme-System.

Die Mahlzeiten für die Vesperkirche bereitet wieder die Küche des Thomas-Hauses in Neuhermsheim zu, Johanniter übernehmen den Transport.

Zu dem peniblen, mit dem Gesundheitsamt erarbeiteten Hygienekonzept gehört, dass vorab bei Besuchern die Temperatur gemessen wird.

Die rund 270 Ehrenamtlichen, die in der Vesperkirche mithelfen, wurden mit FFP-Masken ausgestattet. wam

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Dekan Ralph Hartmann blickt noch einmal auf die Wochen davor zurück, „als wir uns noch im Dezember überlegten, ob in Zeiten von Corona die Vesperkirche überhaupt stattfinden kann.“ Sie konnte. Und das sehr erfolgreich, wie Besucherzahlen zeigen. Am Sonntag werden wohl insgesamt um die 8000 warme Essen samt Kuchen und Getränke ausgegeben worden sein – davon rund zwei Drittel im „To go“-Mitnahmeverfahren.

Im Zeichen von „Vorsicht und Mut“

Das im Pandemie- Jahr von „Vorsicht und Mut“, so Dekan Hartmann, geprägte Konzept der Bewirtung als Zeichen von Wertschätzung erwies sich über strikte Hygiene- und Abstandsregeln hinaus als kreativ. So gab es erstmals ein gewärmtes Zelt als Wartebereich. Die aus Platzgründen diesmal schräg gegenüber in den Diakonie-Punkt verlegte Sozialberatung ist zwar etwas weniger als sonst genutzt worden – „aber dafür gingen die Gespräche mehr in die Tiefe“, berichtet Michael Graf, Direktor des Diakonisches Werks. Abgestellter Strom, Suche nach einer Unterkunft, drückende Schulden, Jobverlust, solcherart Probleme wurden besonders häufig den Fachberatern vorgetragen.

Rückblickend erklärt Pfarrerin Anne Ressel: „Ich bin froh, dass wir uns allen Bedenken zum Trotz dazu entschieden haben, die Vesperkirche nicht ausfallen zu lassen.“ Bei den Gästen habe sie noch mehr Dankbarkeit als schon zuvor gespürt. Ein Besucher habe von seiner Einsamkeit erzählt und wie wichtig es ihm sei, wahrgenommen zu werden: „Man ist doch kein Mensch, wenn keiner nach einem fragt.“

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Berührt hat die anpackende Seelsorgerin, dass sich langjährige Ehrenamtliche fortgeschrittenen Alters regelrecht entschuldigt haben, wenn sie sich diesmal nicht in die Liste der Helfer eintragen ließen. Aber ein Großteil der Stammhelfer sei trotz Corona gekommen – „im Vertrauen auf das Hygienekonzept, das wir zugesandt haben“, berichtet Anne Ressel und sagt: „Erfreulicherweise haben sich auch viele Jüngere gemeldet, die das erste Mal dabei waren.“

Ingeborg Schmidt, Frau der ersten Stunde, die schon bei der allersten Vesperkirche 1998 ehrenamtlich unterstützte, findet als „sehr angenehm“, dass es diesmal nicht die drangvolle Enge und weniger Trubel gibt. „Irgendwie ist alles ruhiger.“ Das genießen vor allem Wohnsitzlose oder auch Menschen mit psychischen Problemen, die sich im Kirchenraum an einen Sitz setzen statt Essen mitzunehmen.

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Erleichtert zeigen sich die Veranstalter bei der Abschlusspressekonferenz, dass trotz wirtschaftlicher Einbußen vieler Bürger das Spendenaufkommen nicht rückläufig war. Schließlich wird von den Gästen gerade mal ein Euro verlangt – sofern sie diesen aufbringen können. „Viele zahlen den Symbolbetrag ganz bewusst“, sagt Pfarrerin Ressel und berichtet von einem kleinen Päckchen, das täglich in der Kasse liegt: Fein säuberlich in Plastik eingewickelt finden sich darin Centstücke, die zusammen einen Euro ergeben.

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Natürlich hat die Vesperkirche angesichts von Corona auch Abstriche machen müssen. „Dass dieses Mal weder Gottesdienste noch Andachten möglich waren, schmerzt natürlich“, kommentiert Hartmann. Auch die beliebten Benefizkonzerte konnten nicht stattfinden.

Nächstes Mal ein Jubiläum

In den kommenden Wochen wollen alle Beteiligten überlegen, ob sich manche der Neuerungen auch ohne Corona anbieten. Da werde sicherlich diskutiert, so Pfarrerin Ressel, ob die „To go“-Essensausgabe in abgewandelter Form weiter geführt werden sollte. Und eines steht jetzt schon fest: Die nächste Vesperkirche wird ebenfalls eine besondere: Der 25. Geburtstag steht an.

Freie Autorin