Verschlepptes Problem

Von 
Lea Seethaler
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Normalerweise erkranken innerhalb eines Jahres in Deutschland rund 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen an einer psychischen Störung. Das geht aus Daten der Bundespsychotherapeutenkammer hervor. Und jetzt kommt auch noch Corona dazu.

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Schon ein gesunder Mensch, der sich um irgendeinen Termin bemüht, und keinen bekommt, gerät oft an den Rande des Wahnsinns. Das sehen wir aktuell auch bei Impfterminen. Ein ähnliches Problem gibt es aber seit Jahren in der deutschen Psychotherapie-Landschaft – und die Krise hat das massiv verschärft: Hohe Nachfrage an (dringenden) Behandlungsterminen, aber kein Platz. Dass eine Depressive hier vielleicht schon nach einem Versuch aufgibt, erklärt sich aus dem Krankheitsbild. Das ist fatal. Und macht die Situation brandgefährlich. Weil es hier um die Gesundheit und das Leben eines Menschen geht.

Noch brandgefährlicher wird diese Situation aber jetzt: Psychisch kranke Kinder und Jugendliche hängen im Lockdown fest, Symptomatiken werden von Tag zu Tag schlimmer. Doch das Problem mit Wartelisten und Ablehnungen bei den Psychotherapeuten ist immer noch da. Zwar vermitteln die Kassenärztlichen Vereinigungen im Notfall mittlerweile Erstgespräche und Akuttherapien. Doch für die eigentliche Therapie muss man weiter warten. Bis zum Start dieser sogenannten Richtlinientherapie vergehen schon im Normalfall im Durchschnitt fast 20 Wochen, gibt die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde an.

Fachleute befürchten Ansturm

Leider muss man feststellen: Auch hier ist durch die Pandemie eine Wunde aufgerissen, die sich lange vor der Krise durch Nachlässigkeit gebildet hat. Die präventive und ambulante Versorgung beim Thema psychische Gesundheit – sie wurde, insbesondere im ländlichen Raum, in den vergangenen Jahren zu wenig beachtet. Das rächt sich jetzt. Es gibt zwar Anstrengungen für Veränderungen, aber die kommen zu spät. Insbesondere weil uns die Krise wieder Lichtjahre zurückwirft. Denn die Psychotherapeutinnen und -therapeuten warnen schon jetzt vor einer „Welle“, einem Ansturm auf ihre Praxen, wenn der Lockdown endet. Denn wer lange still gelitten hat, hat auch seine psychische Krankheit oft verschleppt. Das verletzte Seelenwohl: eine Wunde, die während der Corona-Krise zur klaffenden Verletzung wurde – und die nun eine ganze Generation vernarbt.

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Redaktion Redakteurin und Online-Koordinatorin der Mannheimer Lokalredaktion