Depressionen - Aktionsbündnis mit Mut-Tour in ganz Deutschland unterwegs, um über psychische Krankheit zu informieren – Halt auf Mannheimer Marktplatz gemacht Unsichtbar mitten in den Quadraten

Von 
Markus Mertens
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Mannheim. Als die Teilnehmer der Mut-Tour an diesem sonnigen Nachmittag auf dem Mannheimer Marktplatz eintreffen, sind sie nur der sichtbare Teil einer Stadtgesellschaft, die sich zu Depressionen bekennt. „Von den Menschen, die hier an uns vorbeilaufen, hat mit Sicherheit die Hälfte Depressionserfahrungen. Wir werden es ihnen nur nicht anmerken, weil sie glauben, sich damit verstecken zu müssen“, wie es Gisela Dorschmidt ins Wort fasst – und den Nagel damit auf den Kopf trifft. Denn auf der einen Seite regieren beim Thema Depression noch immer Angst und Scham die Debatten, auf der anderen Seite gibt es die Mut-Tour genau deswegen, um diesen verhängnisvollen Bann zu brechen.

Kein Pressefoto der Mut-Tour ohne Smiley – hier hält es sich Naomi Sommer vors Gesicht. Mit ihr radeln (v.l.) Antoniya Petkova, Martin – er will seinen Nachnamen nicht nennen –, Gisela Dorfschmidt, Kim Geißler, Jürgen Keil und Mathias Konrad. © Mertens
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Seit 2012 radeln Menschen auf Tandems quer durch die Bundesrepublik und werden so zu mobilen Botschaftern für mehr Aufklärung und Verständnis. Denn in Zweier-Teams organisiert, legen jeweils sechs Fahrer binnen Wochen nicht nur tausende Kilometer zurück, sondern werden durch die eigene Geschichte, aber auch mit profundem Informationsmaterial zu Experten in eigener Sache.

Die Mut-Tour gegen Depression

  • Die Mut-Tour ist ein Aktionsbündnis, das im Auftrag der Deutschen Depressionsliga bundesweit möglichst breit auf das Thema Depression aufmerksam machen will.
  • Dafür fahren jedes Jahr Dutzende depressionserfahrene Menschen quer durch die ganze Bundesrepublik und berichten von der Krankheit.
  • Die Teilnehmer sind dabei wahlweise auf Tandems oder zu Fuß unterwegs und legen die Strecke nach Witterungsverhältnissen und dem eigenen möglichen Tempo zurück.
  • Seit der Gründung im Jahr 2012 legten 241 Teilnehmer insgesamt 30 700 Kilometer zurück. In diesem Jahr stehen vom 15. Juni bis zum 1. September weitere 3675 Kilometer auf dem Programm.
  • Ziele der in Fulda gestarteten Rundfahrten sind Trier und Braunschweig.
  • Weitere Informationen gibt es unter www.mut-tour.de

Über Jahre hinweg schikaniert

So wie Jürgen Keil. Seit dem Projektstart 2012 gehört Keil zu den Mitorganisatoren der Mut-Tour und weiß ganz genau, wie wichtig der Einsatz für eine gesellschaftlich verankerte Empathie wirklich ist. Denn heute hat sich der gelernte Schreiner nach 23 Jahren Verhaltens- und Psychotherapie ein Instrumentarium an Methoden zurechtgelegt, mit dem er selbst den größten persönlichen Krisen begegnen kann - „doch als ich jung war, war die Ablehnung meiner Eltern und aus dem Bekanntenkreis fatal.“ Über Jahre wurden die künstlerischen Bestrebungen eines freien Geistes kleingeredet, die Emotionen des zartfühlenden jungen Mannes schikaniert: „Das hat so lange wehgetan, bis ich meinen Mund gehalten habe – und irgendwann keine Worte mehr hatte.“ Mühsam kämpft sich Jürgen Keil aus dem Tal der Tränen, hadert mit Kategorien wie Schuld und Verständnis, um vor allem in jenen Menschen Halt zu finden, die seine Situation nachhaltig verstehen können.

Offenheit schafft Bewusstsein

Es ist die Neugier von Menschen wie Gisela Dorfschmidt, die Keil wieder das Lachen lehren. Denn auch, wenn sie selbst nicht an Depressionen leidet – ihre Tochter und Freunde tun es. „Wenn man Menschen liebt, dann möchte man sie verstehen, und genau das konnte ich nicht. Also musste ich lernen, zu verstehen, was mir unerklärlich war, ohne dabei betroffen zu werden.“ Dass der Weg zu einem neuen Bewusstsein nicht über Mitleid, sondern Offenheit funktioniert, wurde auch der Seniorin erst nach und nach klar. „Doch wenn man diese Erkenntnis erst einmal hatte, dann wirkt sie auch. Dass es heute immer noch so viele ältere Menschen gibt, die glauben, Depressive sollten sich nicht so anstellen, ist mir unbegreiflich.“

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Doch auch die jüngere Generation nimmt Jürgen Keil von seiner Kritik nicht aus. „Man sollte heute doch meinen, dass es an Material, mit dem man sich über Depressionen informieren kann, nicht mangelt. Aber die Zeit ist so schnelllebig geworden, dass viele Menschen die Lust an der Auseinandersetzung verloren haben.“ Ein Fakt, der Keil keineswegs verbittert, wohl aber lehrt, klare Grenzen zu ziehen: „Früher wollte ich die Menschen auf Teufel komm raus überzeugen, heute merke ich schnell, ob jemand wirklich über das Thema sprechen will, oder nicht.“ So stehen sie zu sechst auf dem Marktplatz – mitten in den Quadraten und ein sichtbares Emblem einer Krankheit, die unsichtbar so viele betrifft, für die ein breites gesellschaftliches Bewusstsein mitunter alles ändern könnte. Selbst wenn sich am Ende nur eine Handvoll Menschen wirklich informiert, ist für Jürgen Keil klar: „Wenn ich nur einen zum Denken angeregt habe, ist schon vieles erreicht.“

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