Unerwartetes tritt ein

Von 
Inge Reimann, Katholische Schuldekanin
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Alles läuft in gewohnten Bahnen – eintönig, langweilig, und wir überlegen uns, was wir etwa am Wochenende unternehmen könnten, um mal was anders zu sehen. Sofern dies alles in Freiheit geschieht, können wir mit solchen Situationen gut umgehen. Wenn aber wie jetzt unser ganzes Leben plötzlich auf dem Kopf steht, dann sieht das anders aus. Die oben aufgeführten Gedanken erscheinen unsinnig. Wir wünschen uns, dass möglichst schnell alles wieder so wird, wie es war, damit Angst und Unsicherheit aufhören.

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Wie mit solchen Situationen umgehen, wo plötzlich alles aus den Fugen ist und normale, erprobte Handlungsmuster von jetzt auf gleich nicht mehr funktionieren? Das Unerwartete ist eingetreten, und wir müssen uns dem stellen. Resilienz ist das moderne Wort dafür: Umgang mit Krisensituationen. Ein moderner Begriff – aber längst keine neue Erfahrung. Krisen sind so alt wie die Menschheit, und damit umzugehen war und ist schon immer die Aufgabe des Menschen.

Das Fest „Verkündigung des Herrn“, das wir am 25. März gefeiert haben, gibt uns ein Beispiel dafür. Es liegt – klar – genau neun Monate vor dem Weihnachtsfest. Die Erzählung handelt vom Engel Gottes, der einer jungen Frau in Israel vor 2000 Jahren die Botschaft bringt, dass sie zur Mutter des Messias werden könnte, so sie „Ja“ dazu sagt. Oder mit den Worten der Bibel in gerechter Sprache: „Freue Dich, du bist mit Gnade beschenkt, denn die (der/das – wenn gerecht, dann wirklich gerecht) Lebendige ist mit dir.“ Eine Zumutung, lebensgefährlich, stand damals für eine Ehebrecherin drohend die Todesstrafe durch Steinigung im Raum. Ihr Leben steht von jetzt auf gleich auf dem Kopf. Sie muss sich entscheiden – es geht um das Leben im wahrsten Sinn des Wortes. Eine Dynamik setzt ein – weil das Leben selbst ins Spiel kommt. Jedes Leben ist Entwicklung. Stillstand bedeutet Tod.

Wachsen an der Situation

In das Leben der Maria tritt also das Unerwartete ein – und sie erschrickt. Menschliche Reaktionen, wie wir sie ganz oft in der Bibel finden, wenn Gott ins Leben eines Menschen eingreift: Sarah lacht ungläubig, und Mose will sich dem Auftrag Gottes verweigern. Alle diese Reaktionen machen die Erzählungen in der Bibel so menschlich, so sympathisch. Maria erschrickt aufgrund der Botschaft des Engels, über das, was ihr da zugemutet wird – und sie zweifelt, sie fragt nach.

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Es braucht seine Zeit, bis sie wieder ins Handeln kommt – Resilienz: Überwinden einer Krisensituation durch den Rückgriff auf Erfahrungen und das Wachsen an dieser Situation. Maria bleibt nicht im Erschrecken, sie geht weiter. Schon wenige Verse weiter stimmt Maria das Magnifikat an. Auf das Erschrecken folgt das Handeln. Maria verkündet Gott das Lebendige mit einem revolutionären Lied, einem Lied voll Vertrauen auf seine Gerechtigkeit und Güte, einen Gott, der sich auf die Seite derer stellt, die bislang im Schatten standen, deren Leben bedroht war.

Die Corona-Krise hat uns erschreckt – und der Schrecken ist aller Voraussicht nach noch lange nicht vorbei. Resilienz ist gefragt, um aus der Angst und dem Erschrecken hinaus ins Handeln zu kommen, um uns auf unsere Stärken zu besinnen und darauf, was uns Mut und Kraft gibt, solche Zeiten gemeinsam zu überstehen. Vielleicht kann das Fest, vielleicht kann Maria Mutmacherin sein, der/die/das Lebendige nicht aus den Augen zu verlieren.

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Inge Reimann, Katholische Schuldekanin