Uncle Sam hilft

Von 
Peter W. Ragge
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Mannheim. Sie kamen Ende März 1945 als Sieger. Aber schnell wurden aus den amerikanischen Soldaten Helfer im Kampf gegen Hunger und dann Freunde, die Spielplätze bauten und Fasnachter unterstützten.

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In den ersten Apriltagen 1945 wird im Odenwald noch geschossen. In Mannheim ist der Zweite Weltkrieg aber am 29. April zu Ende. Die Amerikaner besetzen Häuser, Plätze und Gastwirtschaften. In Feudenheim etwa den „Deutschen Michel“ in der Feldstraße oder das „Rote Schaf“ in der Scharnhorststraße. Sie dienen als Feldküchen für die Soldaten. Wenn sie satt sind, dürfen sich deutsche Frauen und Kinder Essensreste holen, wie sich alte Feudenheimer erinnern. Und das wird auch aus anderen Stadtteilen berichtet. Am 4. Juli 1946 werden Feudenheimer Schulklassen gar in Lastwagen in die Spinelli-Barracks gefahren und dort aus Anlass des Nationalfeiertages verpflegt.

Zwar haben die Amerikaner anfangs Angst, auf versprengte Wehrmachtssoldaten zu stoßen oder aus dem Hinterhalt angegriffen zu werden. Zunächst gilt ein striktes Fraternisierungsverbot, wonach sich Sieger den Besiegten nicht freundlich nähern dürfen. „Wenn Du einem blonden Kind über den Kopf streichst, streichelst Du die Ideologie, die für Tod und Verfolgung steht“, warnt der Soldatensender AFN. Aber das wird bei der US Army schon nach wenigen Monaten nicht mehr so eng gesehen.

Nun kämpfen die Soldaten gegen Hunger in der deutschen Bevölkerung. 1946 und 1947 gibt es Berichte über Proteste, gar Streiks von Arbeitern wegen der schlechten Versorgungslage. „Wir wollen Taten – Worte machen nicht satt“, mahnt ein an eine Ruine am Marktplatz gepinselter Spruch. Bereits zu Weihnachten 1945 werden in Kinderheimen, Kindergärten und einigen Vororten Lebkuchen verteilt – gebacken mit Zutaten der Amerikaner. Aus dem harten Winter 1946/47 gibt es Berichte, dass 20 Prozent der gesamten Transportkapazität der in Deutschland stationierten US-Armee dafür verwendet werden, Lebensmittel für Deutsche zu transportieren.

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Schon ab September 1946 kommen in Mannheim Care-Pakete mit Lebensmitteln, Kleidung oder Werkzeugen an, abgeschickt über amerikanische Wohlfahrtsverbände. Sie enthalten Lebensmittel im Wert von insgesamt 40 000 Kalorien und retten damit buchstäblich Leben. Hinzu kommt die – nach dem ehemaligen US-Präsidenten benannte – Hoover-Speisung, bei der erst Soldaten, dann das Rote Kreuz ab Mai 1947 bis 1949 auf Schulhöfen an die Kinder eine warme Mahlzeit, meistens Suppe, ausgeben.

Truthahn und Plumpudding

Immer mal wieder gibt es besondere Aktionen, an Ostersonntag 1947 vermerken Chroniken eine von Amerikanern vorbereitete Ostereiersuche für deutsche Kinder im Luisenpark, 1947 eine Nikolausfeier. Noch bis Anfang der 1960er Jahre sind Einladungen der US-Garnison an Waisenkinder zu Truthahn und Plumpudding bekannt. Einzelne Einheiten übernehmen Patenschaften für Kinderheime, spielen Weihnachtsmann, Gefangene im US-Militärgefängnis Sandhofen basteln oder reparieren Spielzeug, das amerikanische Familien ausrangiert haben.

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Sogar ein ganzes Waisenhaus wird mit Hilfe von amerikanischen Pionieren gebaut: 1959 St. Anton in Käfertal. Im klirrend kalten Winter 1962/63 sind Laster und Tankwagen der US Army auf Bitten der Stadt unterwegs, um für Krankenhäuser, Schulen und andere öffentliche Einrichtungen Kohle und Heizöl heranzuschaffen, da die Brennstoffhändler nicht nachkommen. Pioniere rücken zudem an, um einen gefrorenen Kohlenberg auf der Rheinau aufzulockern, und sie brechen gefrorene Wasserflächen am Bellenkrappen auf, damit die Fische wieder Sauerstoff bekommen.

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„Ohne Amerikaner geht es bei uns nicht“, titelt daher 1963 der „MM“ und lobt die Nachbarschaftshilfe von „Uncle Sam“. Ob beim Bau des Bonhoeffer-Gemeindehauses in Feudenheim, beim Fundament für das Jugendhaus Schönau, bei der Anlage von Sportplätzen oder 1964 des Turnierplatzes für das erste Maimarkt-Reitturnier – stets sind US-Soldaten mit schwerem Gerät zur Stelle. Und natürlich wird gerne gemeinsam gefeiert – ob bei den legendären Deutsch-Amerikanischen Volksfesten mit der Ice-Cream, die seinerzeit kein deutscher Supermarkt hat, oder dem beliebten Nikolausball des Deutsch-Amerikanischen Frauenarbeitskreises, bei dem die Offiziere ihre schmucken Galauniformen mit vielen Orden anlegen.

„Vereint in Freundschaft“

Selbst beim Fasnachtszug rollen US-Militär-Sattelzüge mit – weil sie deutschen Vereinen zur Verfügung gestellt werden. Zwischen zahlreichen deutschen Vereinen sowie der Truppe entstehen enge Kontakte, gerade in den Stadtteilen Feudenheim, Käfertal und Vogelstang. Oft sind nicht nur Kommandeure Ehrengast, auch einfache GIs feiern mit. Beim Harmonika-Club Käfertal gibt es sogar eine enge Kooperation zwischen seinen Orchestern sowie Square-Dancern der Amerikaner. An einem Konzertabend zieren die Fahnen aller US-Bundesstaaten die Bühne des Kulturhauses Käfertal.

Seit der Saison 1968/69 bis in die 1990er Jahre lädt der „1st German-American Fasching Club“ gar zu gemeinsamen Prunksitzungen in den Coleman-Barracks ein und inthronisiert eine Prinzessin. Selbst eigene Karnevalsorden verleiht die US Army: „Vereint in Freundschaft“ heißt es darauf, und „Uncel Sam“ schüttelt dem kurpfälzischen Löwen aus dem Stadtwappen die Hand. Doch in den 1990er Jahren endet das alles, nach den Attentaten des 11. September 2001 schottet sich die Army ab.

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