Klimawandel - Nach dem Kiefernsterben setzt die Forstverwaltung auf artenreiche Laubbaum-Mischkulturen / Pflanzaktionen beginnen Umbau in den Stadtwäldern

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Thorsten Langscheid
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Bei der Pfingstbergschule wurden Kiefern gefällt. Infoblätter der Forstverwaltung weisen auf die demnächst beginnenden Neupflanzungen hin. © Thorsten Langscheid

Mannheim. „Vom Kiefernwald zum Zukunftswald“ – so hatte die Stadtverwaltung bereits im Dezember Aufforstungsaktionen im Käfertaler und im Dossenwald für diese Saison angekündigt. In diesen Tagen schreckte schweres Gerät die Bewohner des Pfingstbergs und am Rheinauer Ring schon frühmorgens aus dem Schlaf. Nach weiteren Fällungen abgestorbener oder geschädigter Kiefern werden in den Forsten dort und im Käfertaler Wald in den kommenden Wochen auf insgesamt 6,5 Hektar rund 38 000 neue Bäume und Sträucher gepflanzt. Ein regelrechter „Umbau“ der Wälder, der bereits in vollem Gange ist.

Zahlen und Fakten

Die Mannheimer Stadtwälder – das sind Käfertaler und Rheinauer Wald sowie der Waldpark und die Reißinsel – umfassen rund 1425 Hektar und bestehen zu 47 Prozent aus den Laubbaumarten Eiche, Buche, Traubenkirsche und anderen sowie zu 43 Prozent aus den Nadelbaumarten Wald- und Schwarzkiefer.

Der Wald ist seit 2007 nach Paragraf 33 des baden-württembergischen Waldgesetzes ein Erholungswald, für den eine Konzeption mit Erholungs- und Freizeiteinrichtungen für die Naherholung sowie ruhigeren Bereichen festgelegt wurde.

Zudem steht der Stadtwald unter Natur- und Landschaftsschutz: 86 Prozent der Fläche sind Landschaftsschutzgebiet, 12 Prozent Naturschutzgebiet.

Hinzu kommen Vogelschutz- (12 Prozent) und EU-Naturschutzgebiete (58 Prozent), sowie Wasserschutzgebiete, Schonwald und Bannwald. lang

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Dies hatte der Chef der städtischen Forstbehörde, Stefan Wilhelm, so angekündigt, und die beiden zuständigen Revierleiter Norbert Krotz (Rotlochhütte) und Marco Kratz (Betriebshof Waldpforte) setzen die Forstmaßnahmen um. Die Fällungen jetzt sind aber vergleichsweise gering, der ganz große Kahlschlag in den Kiefernbeständen erfolgte bereits vor einigen Jahren. Die Forstbehörde hat sich vorgenommen, einen „Klimawald“ nachzupflanzen. Das ist ein „artenreicher Laubmischwald, der mit den Anforderungen des Klimawandels besser zurechtkommt als der bisherige Kiefernwald“ – so steht’s auf kleinen Infoschildern, die die Forstrevier-Mitarbeiter an den Stellen, an denen jetzt noch Bäume gefällt werden mussten, angebracht haben.

Traubenkirsche wird gerodet

Aus den Waldflächen entfernt – also gerodet – wird zudem die Spätblühende Traubenkirsche, eine Baumart, die sich nach Pflanzversuchen in den 1970er Jahren ausgebreitet hat und viele andere Baum- und Straucharten in den Stadtwäldern verdrängt. „Der Schwerpunkt bei den nun beginnenden Aufforstungen liegt bei der Eiche“, so teilte Sprecher Kevin Ittemann vom städtischen Umweltdezernat mit. Gepflanzt werde auf Flächen, auf denen die Waldkiefer bereits zu großen Teilen abgestorben ist.

„Aufgrund der flächig vorkommenden Spätblühenden Traubenkirsche können wir dort keine natürliche Verjüngung mit heimischen Baumarten erwarten“, erläutert Ittemann. In anderen Worten: Die Schösslinge gehen dort nicht an. Die Baumfällungen und die Pflanzvorbereitungen sind nun abgeschlossen: „Die Neupflanzungen beginnen in Kürze“, so Ittemann – und zwar im Käfertaler Wald auf zwei Flächen (zusammen vier Hektar) an der Panzerstraße unweit des Schützenhauses und einem kleineren Areal (0,5 Hektar) in der Nähe des Karl- sterns an dem Weg, der quer durch den Wald ins Sandtorfer Bruch (Höhe Eugen-Neter-Schule) führt.

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Im Dossenwald sind in der vergangenen Woche auf zwei künftigen Pflanzflächen (1,4 Hektar nahe der Pfingstbergschule und 0,6 Hektar am Rheinauer Ring) etwa 30 abgestorbene Kiefern gefällt worden. Noch lebende Kiefern und heimisches Laubholz wurde belassen und geschont. Teilweise mussten auch übermannshohe Brombeerhecken gerodet werden. Ittemann: „Im direkten Dialog mit der Bevölkerung haben wir viel Verständnis und Zustimmung erfahren“ – nicht zuletzt, weil sich die Spaziergänger durch die Schilder gut informiert fühlten.

Kritik am Vorgehen der Stadt

Keine Fäll- und Aufforstmaßnahmen sind derzeit im Waldpark und auf der Reißinsel vorgesehen – große Teile der Flächen dort sind ohnehin Bann- und Schonwald und stehen unter Naturschutz. Im Kollekturwald, dem etwa 111 Hektar umfassenden Waldstück im Mannheimer Norden, das der evangelischen Stiftung Schönau gehört, wurde mit einem kontrovers diskutierten Rodungs- und Aufforstungsprogramm (wir berichteten) noch nicht begonnen. Dazu Stadt-Sprecher Kevin Ittemann: „Wir befinden uns aktuell im Prozess der Genehmigungen.“ Seine Kollegin Christiane Flicker von der kirchlichen Stiftung bestätigt dies: „Es erfolgen allenfalls davon unabhängige Einzelmaßnahmen zur Verkehrssicherung.“ Wenn also beispielsweise ein morscher Baum an einem Weg umzufallen droht, wird er entfernt – auch im Kollekturwald.

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Im Forsteinrichtungswerk, einer Art Wald-Wirtschaftsplan bis 2029, ist vorgesehen, auf insgesamt 60 Hektar (in Käfertaler- und Rheinauer Wald) heimische Arten wie Traubeneiche, Stieleiche, Hainbuche, Spitzahorn, Feldahorn, Esskastanie und Linde sowie Roteiche und Schwarzkiefer anzupflanzen. Experimentiert wird auch mit Zedern, Baumhasel und Flaumeichen.

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Kritik am Vorgehen der Stadt übt die Bürgerinitiative „Waldwende jetzt!“. Mannheims Umweltbürgermeisterin Diana Pretzell (Grüne) macht indessen klar: „Wir stellen unseren Wald zukunftsgerecht und vor allem klimaresilient auf. Daher sind die Maßnahmen, auch wenn sie einen Eingriff in die Kiefernwälder darstellen, langfristig notwendig und sinnvoll.“

Redaktion schreibt als Reporter über Mannheimer Themen