Glosse Übrigens war früher nicht alles besser

Von 
Thorsten Langscheid
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… ist die Ansicht, früher wäre alles besser gewesen, zwar weit verbreitet, aber meistens Quatsch. Beim Thema Kälte darf man sich aber doch mal auf die geballte Kraft der gefühlten Wahrheiten (und Temperaturen) verlassen: Früher war wenigsten der Winter noch ein richtiger Winter. Mit Eis und Schnee und allem drum und dran. Zum Beispiel, als wir so um die 15 Jahre alt waren und es uns unfassbar peinlich gewesen wäre, in anderen Klamotten als in cooler Jeans-Montur (Hose und Jacke) mit Cowboystiefeln (!) das Haus zu verlassen. Lange Unterhosen? Dicke Wollsocken? Gefütterte Schuhe? Undenkbar, sich irgendwo derart ausstaffiert sehen zu lassen. Gut, der Schulweg durchs tiefvereiste Mannheim war mehr ein Gleiten auf den glatten Ledersohlen, und die Stiefel waren dann auch bald hinüber, aber Hauptsache gechillt. Der Ausdruck war seinerzeit, wenn überhaupt, nur wenigen als Übersetzung des Worts „Erkältung“ geläufig. Man muss daher nicht gleich die kleine Eiszeit von 1708/09 als Beispiel für einen ordentlichen Winter heranziehen. Auch 1929, als auf dem zugefrorenem Rhein zehn Tage lang gefeiert wurde, war’s knackig kalt. Über das bisschen Frost dieser Woche können die Frauen und Männer vom städtischen Winterdienst nur kühl lächeln: Mit 55 Einsätzen und rund 1500 Tonnen verbrauchtem Streugut liegen die 240 städtischen Mitarbeiter zwar etwa 50 Prozent über den Zahlen der viel zu warmen letzten Jahre. Ein paar Tage lang leichte Minusgrade zur Mittagszeit ist für sie aber ein ganz normaler Winter. So wie früher, als alles viel besser war. Thorsten Langscheid

Redaktion schreibt als Reporter über Mannheimer Themen