Trauer ist systemrelevant

Von 
einheit Johannes XXIII.
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Systemrelevant ist wohl eines der am meisten verwendeten Worte des vergangenen Jahres und vermutlich auch eines von den Worten, die von vielen nicht mehr gehört werden können und wollen. Und dennoch ist es richtig und wichtig, in vielen Zusammenhängen und vor allem in Verbindung mit helfenden und pflegenden Berufen davon zu sprechen. Völlig zurecht!

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Was meint systemrelevant? Es geht um Aufgaben und Tätigkeiten, die das System also unsere Gesellschaft und ihr Gefüge notwendig tragen und am Laufen halten. Das gilt immer, aber in der Pandemie ganz besonders und auf herausfordernde Weise. Vor einer Woche ist der Bundesverband Trauerbegleitung mit einem offenen Brief an die Bundesregierung sowie einer Petition unter dem Titel „Trauer ist systemrelevant“ an die Öffentlichkeit gegangen. Über diesen Satz habe ich erst einmal intensiv nachdenken müssen. Ist Trauer systemrelevant?

Ja, sie ist es! Seit Monaten beklagen und beziffern wir unentwegt die Corona-Toten, die Insolvenzen, die wirklich einschneidenden und existenziellen wirtschaftlichen Auswirkungen von Lockdown und Kontaktbeschränkungen, das fehlende soziale Leben und Erleben, die bedrängenden Situationen von vereinsamten Menschen und Familien im kollektiven Homeoffice auf oft zu kleinem Raum. Eine Statistik jagt die nächste Dokumentation. Verständnis, Wut, Empörung, Verzweiflung, Hoffnung, all das wird in Wort und Bild gebracht. Aber die Trauer?

Herzlichkeit ohne Kontakt

Wohin können Menschen in diesen Zeiten, die einen nahen und lieben Angehörigen oder Freund verloren haben? Die ihren Sterbenden nicht begleiten und sich verabschieden konnten und durften, und die seit einer Beerdigung im nur ganz kleinen Kreis, womöglich nur am Grab, alle mit Maske und auf Abstand, nun alleine hinter ihren Wohnungstüren mit ihrer Trauer fertig werden müssen. Wer hört ihnen zu, hält ihre Nöte und Ängste mit ihnen aus, hält ihre Hand oder nimmt sie in den Arm?

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Was wissen wir denn tatsächlich voneinander in diesen kontaktarmen Zeiten, in denen praktisch nur noch über soziale Medien öffentlichkeitswirksam und aufmerksamkeitsheischend kommuniziert wird? Die geschützten Räume und Angebote, in denen die Menschen ihre oft so ganz unterschiedliche Trauer in Wort fassen können und sich Halt holen können, dürfen schon seit Monaten nicht mehr stattfinden.

Was bedeutet es für eine Gesellschaft, die so große kollektive Verluste erfahren muss und in der das Trauern und Abschiednehmen so existenziell erschwert ist? Zum Trauern braucht es die Gemeinschaft, braucht es Begleitung und Nähe, sind Rituale notwendig, damit ganz langsam wieder Perspektiven entstehen können. Es braucht Menschen, die sich mit ihrer professionellen Kompetenz einbringen dürfen und müssen, und es braucht Menschen wie dich und mich, die mit offenen Augen und Herzen ihren Alltag leben und dabei auch sehen, wo kleine Zeichen der Aufmerksamkeit, der Wärme und Nähe nötig und möglich sind. Und das geht auch auf eine kontaktarme, aber herzliche Weise. Die gute alte Postkarte, ein Telefonat oder der selbstgemachte Kuchen oder Eintopf vor der Tür können da schon so viel bewirken. Trauer ist systemrelevant!

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Barbara Heimes

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Katholische Gemeinde-

referentin der Seelsorge-

einheit Johannes XXIII.