Aktionswoche - Mannheimer Hilfseinrichtungen wünschen sich bessere Finanzierung und weniger Stigmatisierung Abhängiger Sucht der Eltern belastet Kinder

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Timo Schmidhuber
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Kinder von suchtkranken Eltern (unser Foto ist gestellt) sind oft sich selbst überlassen und müssen sogar häufig Aufgaben von Vater und Mutter übernehmen. © dpa

Mannheim. Ein Vater, der Heroin spritzt. Eine Mutter, die trinkt. Wenn ein Elternteil an einer Sucht leidet, leiden immer auch die Kinder mit. Auf ihre Situation will eine bundesweite Aktionswoche aufmerksam machen, die am Sonntag gestartet ist. In Mannheim gibt es ein gut funktionierendes Hilfsnetzwerk für Mädchen und Jungen aus Suchtfamilien, wie Vertreter entsprechender Einrichtungen betonen. Trotzdem sehen sie noch Verbesserungsmöglichkeiten.

Hier gibt’s Hilfe

Weitere Informationen zum Thema sowie zur Aktionswoche gibt es unter www.coa-aktionswoche.de.

Anders als in den vergangenen Jahren, als zum Beispiel ein Benefizkonzert im Capitol stattfand, muss die Aktionswoche dieses Mal Corona-bedingt ohne öffentliche Veranstaltungen auskommen. Der Drogenverein beliefert stattdessen rund 50 Kinder in betroffenen Familien mit Basteltipps und informiert auf seiner Facebook-Seite täglich über die Thematik.

Hilfe erhalten Suchtkranke bei den Beratungsstellen. Der Drogenverein (K 3, 11-14) ist unter Telefon 0621/15 90 00 erreichbar, die Fachstelle Sucht des Baden-Württembergischen Landesverbandes für Prävention und Rehabilitation (Moltkestraße 2) unter Telefon 0621/8 42 50 68 und die Beratung von Caritas und Diakonie (D 7, 5) unter 0621/12 50 61 30.

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So fordern sie zum Beispiel eine geregelte Finanzierung dieser speziellen Hilfsangebote. Denn oft würden die mit zeitlich befristeten Projektgeldern bezahlt, sagt Talina Tatomir-Yeboah vom Mannheimer Drogenverein. Auch wünschen sich die Helfer durch die Aktionswoche einen gesellschaftlichen Blick auf Sucht „ohne erhobenen Zeigefinger“, wie es Frederik Münkel ausdrückt, Sachgebietsleiter im Jugendamt. „Sucht ist eine Erkrankung, der man mit therapeutischer und anderer Hilfe begegnen kann.“

Ein solcher Blick auf das Thema Sucht ist für Tatomir-Yeboah wichtig, um zu verhindern, dass Betroffene aus Scham keine Hilfe suchen. Und darunter litten am Ende dann auch deren Kinder. Katja Samstag, die als Familienhelferin beim katholischen Kinderheim St. Josef in Käfertal arbeitet, findet: „Ohne eine Stigmatisierung der Sucht können auch Kinder viel offener darüber sprechen, was bei ihnen zu Hause passiert.“

Der Alltag von Mädchen und Jungen aus Suchtfamilien ist geprägt von der Unberechenbarkeit des abhängigen Elternteils – im schlimmsten Fall von Gewalt. Die Kinder sind sich oft selbst überlassen, manchmal müssen sie sogar Aufgaben übernehmen, die ihre Eltern nicht leisten können, und sich etwa um jüngere Geschwister kümmern. Schätzungen gehen davon aus, dass jedes fünfte Kind in einer Familie lebt, in der ein Elternteil – kurzzeitig oder längerfristig – abhängig ist von Alkohol, Medikamenten oder illegalen Drogen. In Mannheim wären das 9000 Jungen und Mädchen.

Drogenverein betreute 250 Kinder

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Im Jugendamt wird nicht gesondert ausgewertet, in welchen der betreuten Familien die Sucht der Eltern das zentrale Problem ist. Deshalb kann Frederik Münkel, der mit seinen 14 Kolleginnen und Kollegen für den sozialen Dienst im Mannheimer Norden zuständig ist, keine Zahlen nennen. „Aber bei den Familien, die Unterstützungsbedarf haben, ist Suchterkrankung auch ein Thema.“

Der Drogenverein als Anlaufstelle für die Konsumenten illegaler Drogen betreute im vergangenen Jahr laut Tatomir-Yeboah 180 Familien mit rund 250 Kindern. „Wenn Eltern illegale Drogen nehmen, ist das eine größere Belastung für Kinder und wird schneller bekannt“, sagt sie. „Eine Alkoholabhängigkeit lässt sich dagegen länger vertuschen und bleibt mehr im Dunkelfeld.“

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Für Familien, in denen es Schwierigkeiten gibt, bietet das Jugendamt ein umfangreiches Hilfsangebot – von der Erziehungsberatung über die Familienhelferin, die zwei Mal die Woche kommt, bis zur Möglichkeit des Kindes, in einer Tagesgruppe betreut zu werden. Das alles sind freiwillige Angebote. Ist das Wohl des Kindes gefährdet, kann das Familiengericht aber auch eine Unterbringung in einem Heim anordnen.

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In Familien mit Suchtproblematik versuche man zu erreichen, dass freiwillig Hilfe angenommen werde, sagt Münkel. Zum Beispiel, dass Eltern eine Therapie machen. Oder die Kinder bestimmte Hilfsgruppen wie „Kisiko“ von der Caritas oder „Maike“ von der evangelischen Kirche besuchen, in denen sie sich mit Jungen und Mädchen in einer ähnlichen Situation austauschen, aber auch einfach mal in Ruhe spielen können. „Die Eltern nehmen in den meisten Fällen Hilfe an – sie wollen ja gute Eltern sein“, sagt Katja Samstag.

Für die Finanzierung von Gruppen wie „Kisiko“ hat der Gemeinderat mit Beginn des vergangenen Jahres 50 000 Euro bereitgestellt. Erst kürzlich bewilligte er fürs laufende Jahr einen 170 000-Euro-Zuschuss für die vier unterfinanzierten Träger der Suchthilfe in Mannheim. Für die kommenden Jahre will man ein tragfähiges Finanzierungskonzept ausarbeiten. Aus Sicht von Tatomir-Yeboah sind in Deutschland noch zu viele Hilfsangebote für Kinder von Suchtkranken nicht in einer geregelten Finanzierung. Dabei wäre das auch mit Blick auf die langfristigen Folgen wichtig. „Denn wenn solche Kinder keine Hilfe bekommen, laufen sie Gefahr, selbst abhängig zu werden.“ Mehr finanzieller Einsatz in der Gegenwart könne deshalb auch zukünftige Kosten für das Gesundheitssystem reduzieren.

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Redaktion Redakteur in der Mannheim-Redaktion