Corona-Vorgaben und Handicaps - Sehbehinderte haben Schwierigkeiten, die Distanzregeln zu befolgen Suche nach richtigem Abstand

Von 
Julia Brinkmann
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Hilfe beim Abstand halten: Supermarkt-Mitarbeiterin Petra Zarske gibt Karlheinz Schneider Bescheid, wenn er weitergehen kann. © Julia Brinkmann

Nach und nach geht es voran in der Warteschlange an der Kasse eines Supermarkts auf dem Lindenhof. Alle Kunden halten 1,50 Meter Abstand. Auch Karlheinz Schneider steht an, um seine zwei Tafeln Schokolade zu bezahlen. Er kann die Abstände jedoch nicht einschätzen – denn er ist blind. Supermarkt-Mitarbeiterin Petra Zarske hilft ihm – so wäre es auch ohne Corona gewesen – doch in der neuen Situation führt sie zudem den Einkaufswagen für ihn, um im Markt Abstand halten zu können. Sie lotst ihn beherzt: „Ein Stückchen dürfen Sie noch kumme.“

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Wie alle Blinden steht Karlheinz Schneider, Vorsitzender des Badischen Blinden- und Sehbehindertenvereins (BBSV), durch die Abstandsvorgaben vor Herausforderungen: „Ich kann mit meinem Blindenstock sachte nach vorne fühlen. Ansonsten wird es schwierig.“ Schneider wünscht sich daher, dass sehende Mitmenschen Verständnis zeigen, Rücksicht nehmen und Blinden Hinweise geben, damit sie problemlos die Abstände einhalten können. „Die Dame hat immer wieder gesprochen, das war gut“, lobt er beispielsweise Zarske. Vor Corona war beim Einkaufen für Schneider vieles unkomplizierter: Kein Warten beim Einlass, keine Abstände an der Kasse, im Zweifelsfall konnte er sich an Supermarktmitarbeitern festhalten und durch das Geschäft führen lassen. Außerhalb der Stoßzeiten einzukaufen ist der 67-Jährige jedoch bereits gewohnt. Größere Einkäufe erledigt seine sehende Frau. Für alleinstehende Blinde sei es noch mal etwas anderes, sagt Schneider.

Blinde sind auf ihre anderen Sinne angewiesen, um sich in ihrer Umgebung zurechtzufinden. Insbesondere der Tastsinn ist wichtig: „Als Blinder müssen Sie viel mehr fühlen, das geht gar nicht anders“, sagt Schneider. „Bis ich einen Kasten an einer Ampel oder eine Türklinke hab, muss ich tasten.“ Schneider hat Handschuhe dabei, aber benutzt sie selten, weil er dadurch schlechter fühlt. Er versucht, so wenig wie für ihn möglich im öffentlichen Raum anzufassen – und hält sich noch bewusster als vor der Corona-Krise an Hygienerichtlinien. Seine Hände wäscht er regelmäßig, den Knauf seines Blindenstocks desinfiziert er.

Auch das Straßenbahnfahren hat sich für Blinde erschwert. „Wenn ich hundertprozentig sicher gehen will, muss ich andere Menschen am Bahnsteig fragen, welche Linie einfährt“, erzählt Schneider. Aber: „Es waren viel weniger Menschen an den Straßenbahnhaltestellen. Ich stand auf den Planken und hab gefragt – und keine Antwort bekommen.“ Schneider vermutet, dass auch die Maske dafür mitverantwortlich war: „Die Kommunikation wird schwieriger, der Schall wird geschluckt.“ Eigentlich besteht mit der Rhein-Neckar-Verkehr GmbH (RNV) die Vereinbarung, dass Straßenbahn- und Busfahrer Liniennummer und Fahrtziel über die Außenlautsprecher ansagen, wenn sie eine Person sehen, die sich als blind zu erkennen gibt. „Viele Fahrer halten sich nicht daran. Dabei wäre es gerade jetzt wichtig“, so Schneider. Moritz Feier, Sprecher der RNV, erklärt auf Anfrage, dass sie die Fahrer dafür nochmals sensibilisieren wollen. „Es gab jedoch keine Beschwerden darüber“, so Feier.

„Ich komme wieder ins Leben“

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Als Vorsitzender des BBSV ist Schneider normalerweise viel in Mannheim und Umgebung unterwegs – im Lockdown hatte sich dies abrupt verändert. Nun wird die Vereinsarbeit nach und nach wieder hochgefahren. „Was unseren Mitgliedern vor allem fehlt, gerade den Senioren, das sind die geselligen Veranstaltungen“, beklagt Schneider. Der Verein hofft, in absehbarer Zeit in kleinen Gruppen und mit Abstand arbeiten zu können. Für persönliche Einzel-Beratungen ist bereits ein Hygienekonzept entwickelt worden. „So langsam geht es wieder los. Ich habe das Gefühl, ich komme wieder ins Leben“, beschreibt Schneider. Und damit geht es ihm nicht anders als allen Sehenden.

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