Porträt - Für seinen Beitrag über türkische Gastarbeiter erhält ein Mannheimer Schüler einen Landespreis beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten Spurensuche in der eigenen Familie

Von 
Fabian Busch
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Edip Sergen Uzun musste nicht lange nachdenken, als ihm sein Lehrer Wilhelm Kreutz vom Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten erzählte. Dass er mitmachen wollte, wusste er - und auch, was das Thema sein sollte. "Wir riefen Arbeitskräfte, es kamen Menschen" heißt das rund 50 Seiten starke Werk, das er zusammengeschrieben hat. Denn das Zitat von Schriftsteller Max Frisch beschreibt auch die Geschichte von Edips eigener Familie. Seine Großeltern kamen als Gastarbeiter aus der Türkei. Und sie blieben länger als ursprünglich gedacht, sie wurden Mannheimer, Freunde, Nachbarn. Für seinen Beitrag hat der Schüler des Karl-Friedrich-Gymnasiums gestern einen der 17 baden-württembergischen Landespreise des Wettbewerbs erhalten. Marion von Wartenberg, Staatssekretärin im Kultusministerium, überreichte die Urkunden im Technoseum.

Gestern erhielt Edip Sergen Uzun im Technoseum einen von 17 Landespreisen beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Sein Lehrer Wilhelm Kreutz unterstütze ihn als Tutor.

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Erinnerungen und Dokumente

Geschichtswettbewerb

Der Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten wurde 1973 von Gustav Heinemann und dem Hamburger Stifter und Unternehmer Kurt A. Körber ins Leben gerufen. Mit bisher rund 125 000 Teilnehmern ist er der größte historische Forschungswettbewerb für junge Menschen in Deutschland.

Menschen unter 21 Jahren sind aufgerufen, geschichtliche Themen in ihrem eigenen Lebensumfeld zu entdecken und zu erforschen.

Den Preis als landesbeste Schule in Baden-Württemberg erhielt in diesem Jahr das Nicolaus-Kistner-Gymnasium in Mosbach.

Außerdem wurden 17 Beiträge mit einem Landespreis prämiert. Darunter sind die Arbeiten des Mannheimer Schülers Edip Sergen Uzun sowie von Franziska, Anna-Katharina und Peter Müller und Raphael Mielke aus Heidelberg.

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Seit 1973 wird der Geschichtspreis von der Körber-Stiftung vergeben. Für den Wettbewerb 2012/2013 lautete das Motto "Vertraute Fremde - Nachbarn in der Geschichte". Wie es der Preis vorsieht, machte sich auch Edip Sergen Uzun ans Werk, indem er ein historisches Thema auf sein eigenes Lebensumfeld bezog. Er arbeitete einen Fragebogen aus und gab ihn 25 Menschen aus drei Generationen.

Anhand dieser Erinnerungen und Eindrücke erzählte er die Geschichte der türkischen Gastarbeiter nach. Seine Oma zum Beispiel erinnerte sich an eine Situation, als sie im Supermarkt ein Ei kaufen wollte, das deutsche Wort dafür aber nicht kannte. Nachdem die verbale Verständigung gescheitert war, setzte sie sich auf den Boden und gackerte. Daraufhin wusste der Verkäufer, was sie suchte. Etwas konsterniert reagierte dagegen die Hausbesitzerin, als Edips Oma sie zur Begrüßung auf die Hand küsste und die Hand dann zur Stirn führte - ein normales Begrüßungsritual in der Türkei. Solche Erinnerungen ergänzte der 17-Jährige mit Fotografien, Postkarten und historischen Dokumenten wie einem Antrag auf eine Arbeitserlaubnis. "Du hast damit ein Bild von 50 Jahren deutsch-türkischer Migration gezeichnet", sagte Moderator Franz Jungbluth von der Körber-Stiftung bei der Preisverleihung.

Edip selbst ist in Deutschland geboren, er hat sowohl einen deutschen als auch einen türkischen Pass. "Die ehemaligen Gastarbeiter und ihre Familien sind inzwischen gut integriert", sagt der Schüler, "die Türken, die erst später nach Deutschland kamen, haben es da oft etwas schwerer."

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Manche Teilnehmer des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten werden vor allem von ihren Lehrern animiert, mit- und weiterzumachen. Edips Tutor und Geschichtslehrer Wilhelm Kreutz dagegen ermutigte ihn zwar zu seinem Beitrag, ließ dem Gymnasiasten ansonsten aber relativ freie Hand. "Das war eine sehr selbstständige Arbeit", erzählt er. Schon ein paar Mal hatte der Pädagoge seine Schüler am Karl-Friedrich-Gymnasium zuvor animiert, beim Geschichtswettbewerb teilzunehmen. "Aber Edip ist der erste, der einen Landespreis gewonnen hat", so der Pädagoge. Mit seiner Auszeichnung auf Landesebene hat der Mannheimer jetzt auch die Chance, einen der 50 Bundespreise zu gewinnen.