Justiz Sektflaschen-Mordprozess: Gutachter schließt Affekt aus

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Martin Tangl
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Mannheim. Husam A. war schuldfähig, als er am 13. Juli 2020 sein Opfer Gabriel V. mit einer vollen Sektflasche mit großer Wucht erschlagen haben soll. Hartmut Pleines, Facharzt für forensische Psychiatrie in Heidelberg, beurteilte am Mittwochvormittag die Lebensumstände und psychischen Belastungen des 34-jährigen Angeklagten im Mordprozess vor der Schwurgerichtskammer am Landgericht. Es gebe keine Hinweise auf eine Persönlichkeitsstörung oder eine dauerhafte krankhafte psychiatrische Störung, so der Neurologe. Auch sei es keine alkohol- oder drogenabhängige Tat gewesen. Ein Tötungsdelikt im Affekt schloss Pleines auf Nachfrage von Verteidiger Steffen Kling ebenfalls aus.

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Mit dem Gutachten schloss der Vorsitzende der Ersten Strafkammer, Richter Gerd Rackwitz, die Beweisaufnahme, bei den anschließenden Plädoyers war die Öffentlichkeit nicht zugelassen. Ein Urteil im Sektflaschen-Mordprozess soll am 25. Februar erfolgen. Über drei Tage hat der Facharzt die Verhandlung verfolgt, um sich ein Bild von Husam A. zu machen, der vor Gericht weiterhin schweigt.

Symbolbild. © dpa

Pleines berichtet, dass er im September 2020 in der JVA ein längeres Gespräch mit dem Angeklagten gehabt habe, in dem ihm Husam A. die Tat geschildert habe. Doch der Psychiater erklärt vor Gericht immer wieder, dass ihm die Entwicklung der Persönlichkeit des Irakers über weite Strecken unklar geblieben sei. Die Selbstdarstellung des 34-Jährigen, die unterschiedlichen Angaben zu seiner Biografie, zu einer Familie, zur eher unauffälligen Kindheit in Bagdad, dann zur möglichen geheimdienstlichen Tätigkeit im Irak, zum Drogen- und Alkoholkonsum – „diese Diskrepanzen konnten nicht aufgeklärt werden“, betont Pleines.

Treffen aus finanziellen Aspekten

Auch die sexuelle Orientierung könne nicht abschließend beurteilt werden. Fakt sei, dass Husam A. homosexuelle Beziehungen gepflegt habe. Die Hypothese des Gutachters: Diese Kontakte könnten möglicherweise wirtschaftliche Hintergründe gehabt haben, seien keine Liebesbeziehungen gewesen, sondern Treffen aus finanziellen Aspekten. Deutlich macht der Psychiater, dass das Asylverfahren des Angeklagten nach seiner Flucht 2014 aus dem Irak über die Türkei nach Deutschland bei ihm zu einer deutlichen Destabilisierung geführt habe. Diese Unwägbarkeiten hätten zur Perspektivlosigkeit, Überforderung, zu unstetem Lebenswandel, teilweiser Obdachlosigkeit sowie auch zu Alkohol- und Drogenkonsum geführt.

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Mit Gabriel V. hat Husam A. in Mannheim und Ludwigshafen über Monate eine Art Freundschaft mit homosexuellen Kontakten gehabt. Am Endpunkt stand dann die Tat in der kleinen Wohnung in der Laurentiusstraße. Im Appartement, so die Erzählung des Angeklagten gegenüber dem Psychiater, sei er davon ausgegangen, dass er dort übernachten könne. Doch als ihm der Freund mitgeteilt habe, er müsse nach dem Duschen wieder auf die Straße, habe er aus Verärgerung mit der Sektflasche zugeschlagen. „Die Situation war sicher alles andere als entspannt“, so der Gutachter. Die Verweigerung der Übernachtung, die Zurückweisung, einfach vor die Tür gesetzt zu werden, kein Arrangement einer möglichen Partnerschaft, das alles habe Husam A. als Provokation empfunden.

Im Gespräch habe ihm der Angeklagte noch erklärt, nach dem ersten Schlag habe er seinen Freund durch weitere wuchtige Schläge „von seinem Leiden erlösen wollen“. Gegen eine Affekttat spreche aber, dass der Iraker danach Laptop, Mobiltelefon und Geld mitgenommen habe. Auch seine organisierte Flucht vom Tatort bestätige das.

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