Lesung - Der Mannheimer Autor Richard Brox beschreibt in seinem Buch eindringlich sein Leben auf der Straße – und wie es dazu kam Schonungsloser Blick eines Aktivisten

Von 
Waltraud Kirsch-Mayer
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Der Verein „Mannheim sagt Ja!“ lädt zu einer Diskussion mit dem Mannheimer Autor Richard Brox ein. Im Bild: Dr. Angela Wendt (Moderation), Richard Brox (Autor) und Hedwig Franke (Schauspielerin, liest aus dem Buch). © Blüthner

Richard Brox weiß, wie es ist, als Obdachloser in der Unsichtbarkeit zu verschwinden. Wer ihn bei einem seiner Diskussionsabende – wie gerade in der Lutherkirche auf Einladung des Vereins „Mannheim sagt Ja“ – erlebt, dürfte künftig weniger achtlos an jenen Menschen vorbei hasten, die am Straßenrand Alkohol trinken, in Abfallbehältnissen nach Pfandflaschen wühlen, auf einer Parkbank schlafen. Vermutlich geht einem durch den Kopf, was wohl dazu geführt haben mag, dass „kein Dach über dem Leben“ ist, wie die Bestseller-Biographie des in Mannheim aufgewachsenen Mittfünfzigers heißt.

„Kein Dach über dem Leben“

  • Das vom Verein „Kunst hilft geben - für Arme und Wohnungslose in Köln“ geförderte Buch „Kein Dach über dem Leben“ erschien Anfang 2018 im Rowohlt Taschenbuchverlag und kostet zehn Euro.
  • Albrecht Kieser wirkte als Co-Autor.
  • Dirk Kästel, ebenfalls Journalist, steuerte Nachforschungen bei über die Mutter, eine polnische Zwangsarbeiterin, die das KZ Ravensbrück überlebte, über den Vater, der auch von Nazis verfolgt wurde. Außerdem sammelte er Dokumente über Heime, die Richard Brox durchlief und durchlitt.
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Richard Brox spricht und schreibt von seinem ganz persönlichen „Dreißigjährigen Krieg“. Wie es zu diesem kam, schildert er in seinem Buch so: Ob „mütterliches Unvermögen, ihre Gewalt und ihre Einsamkeit, die Entwürdigung und Missachtung in Heimen, die körperliche und seelische Brutalität der Erzieherinnen und Erzieher, die Vergewaltigungen, die ich erleiden musste“ – all dies habe er mit Drogen nicht zu verarbeiten vermocht.

Übertragung ins Netz

Bei dem in soziale Netzwerke übertragenen Diskussionsabend liest Schauspielerin Hedwig Franke zunächst die beiden ersten Buchkapitel vor. Diese erzählen davon, wie Richard Brox als junger Sozialhilfeempfänger nach dem Tod seiner Eltern alles verlor – die vertraute (Miet-)Wohnung auf der Schönau als letzten Rückzugsort, das Klavier, an dem die Mutter gespielt und gesungen hatte, die „heilige“ Trompete des blinden Vaters .

Und weil ihm in der U-5 Übernachtungsstelle seine zwei Plastiktüten mit dem gesamten Hab und Gut während des Schlafs geklaut wurden, waren obendrein die bei der Pfändung überlassenen Eheringe seiner toten Eltern und die Alben mit den wenigen Fotos seiner Kindheit für immer weg.

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Moderatorin Angela Wendt vom Verein „Mannheim sagt Ja“ - nämlich Ja zu Vielfalt statt Hass und Angst – stellt Richard Brox vor, weist auf seinen Blog als Überlebensratgeber mit Tipps und über tausend Adressen für Obdachlose hin. Als das Publikum einbezogen wird, ermuntert der „Kurpfälzer Wandersmann“, wie er sich manchmal ironisch nennt, vor Fragen keine Scheu zu haben. Er hat schließlich den „langen und schwierigen Weg“ zur eigenen biographischen Wahrheit beschritten und, wie Günter Wallraff in einem Vorwort schreibt, jene Legenden hinter sich gelassen, mit denen sich Obdachlose „vor den Blicken der anderen wie vor den eigenen Augen zu schützen versuchen“. Richard Brox gehört nicht zu denen, die rückblickend das Leben auf der Straße glorifizieren – im Gegenteil. Er schildert es als „brutal und hart“, vor allem als „entwürdigend“. Auch wenn er „kaltes Brot und harte Nächte“, wie eines der Buchkapitel heißt, hinter sich gelassen hat, so rumort noch vieles in ihm - auch dass er von Einrichtungen, die ihn bevormundeten statt ihm zu helfen, nie eine Entschuldigung oder zumindest Bedauern gehört hat.

Ein selbstbewusster Mann

Heute versteht sich Richard Brox als Aktivist für Männer und Frauen, deren „Bürde tiefster Traurigkeit“, deren „grausiges Scheitern“ er nicht nur als Einzelschicksale kennengelernt hat. Er plädiert dafür, dass jeder das Recht auf Arbeit und Wohnraum eingeräumt bekommt. In einer Gesellschaft des Überflusses dürfe es nicht sein, dass Menschen am Rande als überflüssig empfunden würden. „Ich habe die Fähigkeit verloren, mich fest zu binden“, sagt Richard Brox. Gleichwohl empfindet er Mannheim als „meine Stadt“.

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In der Lutherkirche präsentiert sich ein hochintelligenter, inzwischen auch selbstbewusster Mann, der nur wenige Jahre die Schule besucht hat. Ein Buch, das gerade in achter Auflage erschienen ist und vom Goethe-Institut Taiwan in Mandarin übersetzt wurde. Welch ein Autor kann sich solch einer Bestseller-Geschichte rühmen?! Wer weiß, vielleicht folgt sogar ein Theaterstück. Jedenfalls kann sich Richard Brox vorstellen, an einem szenischen Projekt über die Situation von Obdachlosen mitzuwirken.

Freie Autorin