Selbstversuch Plastikfreies Leben: Diese Alltagshelfer machen's möglich

Von 
Lisa Wazulin
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Spüllappen aus Leinen und Schwämmchen aus Kürbisfasern. © Lisa Wazulin

Das Wichtigste in Kürze

Viele wiederverwandbaren Produkte gibt es auch im Supermarkt oder der Drogerie

Reinigen und wiederverwenden statt ständig neu kaufen ist die Devise

Lebensmitteleinkauf als zentrale Herausforderung

Mannheim. Angefangen hat alles mit der kaputten Mikrowellen-Haube. Als ich eine Neue bestellen will, fällt mir auf: Die ist ja aus Plastik, muss das denn überhaupt sein? Wie schier unmöglich es ist, eine Alternative dafür zu finden, dämmert mir nach der stundenlangen Suche im Netz, ohne echte Erfolge zu verzeichnen. Denn viele Hersteller werben mit „BPA-freien“-Plastik-Produkten.

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Was aber steckt dahinter und was ist dran an der Verteufelung von Kunststoffprodukten? Antworten finden sich bei der Verbraucherzentrale: So steht die Abkürzung BPA für Bisphenol A. Es ist ein Grundbaustein des Kunststoffs Polycarbonat und findet sich in Campinggeschirr, Hartschalenkoffern, auf Kassenbons, Fahrkarten und lange Zeit auch in Babyflaschen – was seit 2011 verboten ist. Was der Stoff im Körper anrichten kann, ist erschreckend: „BPA kann das Hormonsystem stören und in sensiblen Entwicklungsphasen von Kindern Schäden anrichten. Mögliche Folgen sind eine gestörte Geschlechtsentwicklung und Zeugungsunfähigkeit“, so die Verbraucherzentrale. Die Kennzeichnung "BPA frei“ etwa auf Getränkeflaschen oder Mixern, bedeutet aber nicht automatisch Entwarnung. Teilweise würden Ersatzstoffe wie Bisphenol S oder Bisphenol F eingesetzt, die in Zellkultur- und Tierversuchen vergleichbare schädigende Wirkung zeigten.

Vom Kürbisschwamm bis zur Edelstahlrasierer

Grund genug also für mich, nach natürlichen Alternativen zu suchen – auch außerhalb der Mikrowelle. Als ich mit neuem Blick durch die Wohnung streife, fällt mir so einiges auf: Da wäre der riesige Berg an Tupperboxen, den ich mir für später aufhebe. In der Küche stechen sofort die Einweglappen an der Spüle ins Auge, besonders der kleine gelbe Schwamm löst Unbehagen aus. Sollte man den nicht regelmäßig wechseln, weil sich durch die Feuchtigkeit Keime wunderbar vermehren können? Schnell wird mir klar: Das Schwämmchen ist deutlich zu alt und bei jedem Waschgang lösen sich hier Flusen und Partikel. Also: Schwamm und Lappen müssen weg! Sie werden ersetzt durch Tücher aus Baumwolle und Leinen, die sich unkompliziert bei 60 Grad in der Waschmaschine desinfizieren lassen. Fürs Schrubben und Rubbeln gibt es eine Bürste aus Holz mit Naturfasern, die ich überraschenderweise im Drogeriemarkt finde. Und einen Schwamm aus Kürbisfasern, an dem das Wasser einfach abtropft. In einem nachhaltigen Online-Shop  lasse ich mich weiter inspirieren: Etwa von Bienenwachstüchern als Ersatz für Frischhaltefolie.

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Und zahlreichen, wirklich hübschen und hoffentlich langlebigen Edelstahlprodukten: Eine Lunchbox, Strohhalme und einen Rasierer. Besonders der Rasierer macht mir Sorgen, schließlich habe ich noch nie zuvor echte scharfe Klingen benutzt. Beim ersten Duschen setzte ich den Rasierer zaghaft an, auch weil er deutlich schwerer wiegt als die gängigen Einwegrasierer. Klappt aber dann doch erstaunlich gut und ist offenbar reine Gewöhnungssache. Mission plastikfreier Haushalt also abgeschlossen?

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Ganz weit gefehlt. Denn das Feld „Einkauf“ ist so riesig problematisch, dass da eigentlich nur der Gang in den Unverpacktladen hilft. Alles ein wenig übertrieben, oder doch nicht? Ein Blick auf die Seite der Verbraucherzentrale erschreckt mich weiter: „Oft ist nicht der Kunststoff selbst gesundheitsschädlich, sondern dessen Zusatzstoffe wie bestimmte UV-Stabilisatoren, Weichmacher oder Flammschutzmittel. Leider bleiben diese Zusatzstoffe häufig nicht einfach im Kunststoff, sondern werden wieder freigesetzt und gehen in die Raumluft, den Hausstaub oder sogar in Lebensmittel über. Auf diese Weise oder über Hautkontakt gelangen sie in unseren Körper. So wurden beispielsweise Abbauprodukte von Weichmachern im Urin von Kindergartenkindern nachgewiesen.“

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Nicht überall wo Öko draufsteht, ist Öko drin

Allerdings gibt es auch hier Regularien, die den Herstellern nur einen gewissen Grenzwert in ihren Produkten erlaubt. Weil Nachhaltigkeit und umweltbewusstes Leben mittlerweile im Trend liegt, ist es aber gar nicht mehr so schwer, alternative Produkte zu Plastik und Kunststoff zu finden – die obendrein nicht wirklich teurer sind. Beim Streifzug durch den Drogeriemarkt entdecke ich Zahnbürsten aus Bambus, Zahnpasta-Tabletten oder Tuben aus recylebaren Rohstoffen. Bei den Putztabletten für Glasreiniger werde ich aber misstrauisch. Denn der Hersteller bietet dazu eine Sprühflasche aus Plastik an, die sich wieder befüllen lässt. Ist Glas da nicht die bessere Alternative? Tatsächlich zählt das nur, wenn es dazu ein bestehendes Mehrwegsystem gibt. Gerade kleinen Kosmetikfläschchen können leicht gereinigt und wieder befüllt werden.

Was aus dem Problem mit der Mikrowellenhaube geworden ist? Ich benutze jetzt einfach einen Teller als Abdeckung. Das muss fürs Erste reichen. Schließlich warten auf mich noch weitere Baustellen, wie etwa nachhaltige Mode – oder der Berg an Tupperboxen.

Redaktion Lokalredaktion,Online-Koordinatorin. Schwerpunkte: Polizei, Hochschulen, Frauen,