Soziales - Verband wünscht sich für Betroffene einen leichteren Zugang zur städtischen Übernachtungsstelle / Ausführungen von Richard Brox ein „Schlag ins Gesicht“ Obdachlose: Caritas kritisiert das Rathaus

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Timo Schmidhuber
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Am Böckler-Platz lagern auch bei Kälte Obdachlose. © Timo Schmidhuber

Mannheim. Die Stadt Mannheim ist zu streng bei der Vergabe von Schlafplätzen in ihrer Übernachtungsstelle für Obdachlose in der Neckarstadt-West. Das jedenfalls findet der Caritasverband. Die Stadtverwaltung werte die Schlafplätze in der Unterkunft als Sozialleistung, kritisiert die Wohlfahrtsorganisation. Wer – wie etwa manche Ausländer – nicht sozialleistungsberechtigt sei, fliege schnell wieder raus. Die Betroffenen würden gegebenenfalls der Ausländerbehörde gemeldet und müssten das Land dann verlassen. Die Caritas wünscht sich hier eine hilfsbereitere, bedingungslosere Haltung der Stadt. Gerade wenn es – wie zuletzt – draußen kalt sei.

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Der Wohlfahrtsverband hatte am Dienstag den Jahresbericht über die Arbeit seiner Tagesstätte für Wohnungslose in D 6 vorgestellt. Caritas-Vorstandsvorsitzende Regina Hertlein, ihre zuständige Abteilungsleiterin Stefanie Paul und Tagesstätten-Leiterin Stefanie Schweda wiesen dabei nicht nur auf die schweren Folgen der Corona-Pandemie für den Alltag von Obdachlosen hin. Sie kritisierten auch unerwartet massiv die Stadtverwaltung. Die behaupte immer, in Mannheim müsse niemand draußen schlafen, sagte Stefanie Paul. „Aber es gibt einen Unterschied in Aussagen und Handeln.“ Die längerfristige Nutzung der Übernachtungsstelle sei an Bedingungen geknüpft.

Mit der Kritik konfrontiert, erklärte das Rathaus am Dienstag auf Anfrage, man biete mit der Notübernachtungsstelle und dem Kältebus „ein niederschwelliges Angebot zur Versorgung wohnungsloser Menschen“. Die Übernachtungsstelle sei jedoch „kein rechtsfreier Raum, das heißt, dass dort selbstverständlich die Identität der Übernachtenden geprüft wird“. Der Bezug von Sozialleistungen sei „ausdrücklich nicht“ Voraussetzung für die Hilfe. „Die in der Notübernachtungsstelle angebotenen Beratungsleistungen und die weiteren Hilfemaßnahmen beruhen jedoch auf den in der Sozialgesetzgebung festgelegten Hilfen für Menschen in besonders schwierigen Lebenslagen.“

Unterschiedliche Ansichten gibt es – wie bereits berichtet – auch bei der geschätzten Zahl der Obdachlosen in Mannheim. Die Caritas geht auf Grundlage der Nutzung ihrer Tagesstätte von mehr als 120 Personen aus. Die Stadt hatte zuletzt mit Blick auf ihre Erfahrungen von maximal 50 gesprochen – was sie am Dienstag auch nochmal bestätigte.

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Die beiden Lockdowns haben das ohnehin schwere Leben von Menschen auf der Straße noch schwieriger gemacht, wie die drei Caritas-Vertreterinnen berichteten. Sich auf Toiletten von Kaufhäusern und Bibliotheken zu waschen sei genauso wenig möglich wie das Zusammensein in Gruppen, das der Infektionsschutz verbiete, oder das Sammeln von Flaschen, was nur wenig Geld einbringe, wenn kaum Menschen unterwegs seien.

„Kein Teil der Teststrategie“

Die Tagesstätte in D 6 sei fast immer offen gewesen. Außer wenige Wochen im Frühjahr – da wurden die Obdachlosen laut Leiterin Stefanie Schweda über ein Fenster mit Es-senspaketen und Wäsche versorgt, auch die Sozialberatung lief auf diese Weise. Den Vorwurf des ehemaligen Obdachlosen und Buchautors Richard Brox hat die Caritas deshalb als „Schlag ins Gesicht“ empfunden, so Regina Hertlein. Brox hatte vergangene Woche in einem Beitrag für diese Redaktion kritisiert, die Anlaufstellen für Obdachlose seien „nur vermindert erreichbar“. Er ist außerdem der Ansicht, in Mannheim fehlten „der Wille und die Einigkeit zur flächendeckenden Unterstützung“ von Obdachlosen. „Ich frage mich, ob er in letzter Zeit überhaupt mal in Mannheim war“, sagte Hertlein dazu.

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Das vergangene Jahr, so Abteilungsleiterin Stefanie Paul, sei geprägt gewesen von „ständigem Abwägen“ zwischen Schutz vor dem Virus und dem Wunsch, für die Menschen da zu sein. In diesem Zusammenhang kritisiert sie, dass Obdachlose und diejenigen, die sich um sie kümmern, „bis heute kein Teil der Corona-Teststrategie“ seien. Die Caritas teste ihre Mitarbeiter jetzt einmal die Woche auf eigene Kosten.

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Überhaupt sei durch die Pandemie die Hilfe für Obdachlose aufwendiger geworden, so Paul. Man müsse etwa Fieber messen und zur Kontaktverfolgung die Namen notieren. Das sei wichtig. „Aber dadurch geht auch die Niedrigschwelligkeit unserer Arbeit verloren.“

Redaktion Redakteur in der Mannheim-Redaktion