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Städtepartnerschaft - Mannheim und das am Mittelmeer gelegene Toulon sind stolz auf ihren Austausch – nur sprachlich hapert es etwas

Neue Ideen für eine alte Freundschaft

Von 
Stefanie Ball
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Toulon, Mannheims Partnerstadt, liegt in der Nähe von Nizza. © Anja Görlitz

Arbeitsam, strukturiert, konsequent – dieses Klischee prägt nach den Erfahrungen von Virginie Jouhaud-Neutard das Bild, das viele Franzosen von den Deutschen haben. Guter Wein, gutes Essen und Kultur kommen den Nachbarn jenseits des Rheins eher nicht in den Sinn. „Wer aber erst einmal in Deutschland ist, ist ganz begeistert“, sagt Jouhaud-Neutard, die in Mannheim das Institut Français leitet.

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Mehr für Deutschland werben

Begeistert seien die Franzosen auch vom deutschen Wahlsystem. „Nach der Bundestagswahl im vergangenen September waren viele in Frankreich überrascht, dass die Regierungsbildung so lange dauerte und erst eine Koalition aus verschiedenen, auch kleinen Parteien gebildet werden musste“, so Jouhaud-Neutard. Ganz anders bei der Präsidentenwahl in Frankreich, die am vergangenen Wochenende Emmanuel Macron für sich entschieden hat. „Davon träumen die Franzosen, dass nicht nur die großen Parteien zum Zuge kommen, denn viele Leute sagen, ,die haben wir nicht gewählt, wir sind gar nicht vertreten‘.“

Ansonsten rät die Französin, die in den 90er-Jahren über ihr Studium der Wirtschaftswissenschaften erstmals nach Mannheim kam, mehr für Deutschland zu werben, um mit falschen Bildern aufzuräumen. „Haben Sie ein Tourismusministerium? Das brauchen Sie!“ Für das jeweils eigene Land werben, das geschieht auch über die Städtepartnerschaften. Mannheim ist seit 1959 auf diese Weise mit Toulon verbunden, und nach einem coronabedingt brach liegenden Austausch war am Mittwoch auch wieder eine Delegation aus der am Mittelmeer zwischen Marseille und Nizza gelegenen Stadt nach Mannheim gereist.

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„Wir freuen uns, bei Freunden zu sein und wollen diese Freundschaft weiter ausbauen“, betont Toulons Bürgermeisterin Magali Turbatte, während sie mit ihrem Bürgermeister-Kollegen Laurent Jerome und Mannheims Bürgermeister Christian Specht den französischen Markt auf den Kapuzinerplanken besucht.

„Wir müssen die deutsch-französische Partnerschaft auf ein neues Niveau heben“, erklärt Specht in perfektem Französisch. Das heißt: nicht nur Sonntagsreden schwingen, sondern auf verschiedenen Ebenen zusammenarbeiten. So kooperieren Mannheimer Existenzgründerinnen und -gründer mit ihren Kollegen am Mittelmeer, Gärtner aus Toulon und Mannheim gestalten gemeinsam ein Areal auf der Bundesgartenschau im nächsten Jahr und erstmals kommen Jugendräte der beiden Städte zusammen, um ein Beteiligungsprojekt anzustoßen. Specht verweist auf den Aachener Vertrag, den Frankreich und Deutschland vor drei Jahren geschlossen haben, um das Fundament der Zusammenarbeit zu erneuern. „Dem müssen jetzt auch konkrete Taten folgen.“

Neben der offiziellen Städtepartnerschaft gibt es auch Partnerschaftsvereine, 120 sind es in der Rhein-Neckar-Region. Ob die inzwischen überholt sind? „Die Älteren, die das Ende des Zweiten Weltkrieges miterlebt haben oder in der Nachkriegszeit geboren wurden, sind mit großem Stolz dabei. Die Frage ist, wie man die jüngeren Generationen einbindet“, meint Jouhaud-Neutard. Aber vielleicht sei dies auch gar nicht notwendig oder nicht mehr in dem Maße wie noch vor drei, vier Jahrzehnten, als die Gräben, die der Krieg auf beiden Seiten hinterlassen hatte, noch sichtbarer waren. „Früher musste man sich aktiv bemühen, heute stellt sich die Frage gar nicht mehr, die jungen Leute reisen in Europa umher, ohne Grenzen und Geldumtausch.“

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Diese Meinung vertritt auch der französische Honorarkonsul in Mannheim, Folker R. Zöller. „Dass sich Deutsche und Franzosen so gut verstehen, ist normal geworden“, betont Zöller. Die Städtepartnerschaft und Partnerschaftsvereine bildeten diese Freundschaften ab, es gehe inzwischen aber auch ohne sie oder vielmehr: Es sind durch sie, aber auch unabhängig davon Freundschaften und Kooperationen entstanden. „Die sind extrem lebendig und vor allem selbstverständlich“, so Zöller.

Wie fruchtbar der Austausch in den vergangenen Jahren geworden ist, sieht auch das Institut Français, wo mehr und mehr Kinder aus sogenannten binationalen Partnerschaften, bei denen also ein Elternteil französisch ist, Sprachkurse besuchen.

Beim Spracherwerb sieht Cosima Besse, Leiterin der Sprachkursabteilung, indes die größten Unterschiede zwischen Deutschen und Franzosen. „Die Deutschen lernen die französische Sprache meist aus privatem Interesse, weil sie die Chansons, die sie hören, verstehen wollen, oder weil sie im nächsten Sommer einen Frankreichurlaub planen.“ Die Lust der Franzosen aufs Deutsche sei dagegen gebremst, gelernt werde die Sprache häufig im beruflichen Kontext. „Dass ein Franzose sagt, ,oh, die deutsche Sprache klingt so schön‘, würde man eher nicht antreffen“, so Besse.

Austausch per Brief und Foto

Das dürfte dann auch der einzige Wermutstropfen im deutsch-französischen Verhältnis sein: In Toulon lernen weniger Schülerinnen und Schüler Deutsch als in Mannheim Französisch. Die Möglichkeiten zum Aufbau weiterer Schulpartnerschaften, an denen in Mannheim durchaus Interesse bestehen würde, sind begrenzt, wie die Stadt erläutert. Denkbar sei deshalb, jenseits des klassischen Schüleraustausches, Schularten bis hin zu Grundschule und Kindergarten für einfache Kontakte in das Nachbarland etwa mittels Briefen und Fotos zu gewinnen. Bonne idée!

Freie Autorin

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