Jugendhilfe - Corona-Krise stellt Erzieher, Jugendliche und deren Eltern vor Herausforderung / Besuche der Eltern ausgesetzt und Wochenendausflüge gestrichen Nähe und Kontakt statt Homeoffice

Von 
Lisa Wazulin
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Lehrer, Ersatzeltern und Erzieher in einem: Mannheimer Sozialpädagogen sind auch in der Corona-Krise weiter für ihre Schützlinge da – trotz extrem langer Arbeitszeiten und vieler Sorgen um Kinder und Jugendliche sowohl im Heim als auch zu Hause in Problemfamilien. © dpa

Mannheim. Unsolidarisch, unverschämt und dreist – diese Vorwürfe müssen sich Erzieher und ihre Wohngruppen beim Einkauf im Supermarkt in diesen Tagen oft anhören. „Obwohl wir extra eine Bescheinigung der Stadt haben, glauben das Kunden oft nicht. Dabei müssen unsere Mitarbeiter für einen Zehn-Personen-Haushalt einkaufen“, sagt Tanja Serka, Leiterin des Johann-Peter-Hebel-Heims in der Gartenstadt.

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Ähnlich wie ihr geht es auch anderen Mannheimer Einrichtungen, die Kinder und Jugendliche zuhause oder vor Ort betreuen. Denn auch in der Jugendhilfe hat die Corona-Krise den Alltag stark verändert: Besuche der Eltern sind oftmals ausgesetzt, Wochenendaufenthalte zuhause wurden gestrichen. Wer mit den Verantwortlichen spricht, merkt: Die neuen Regeln zur Eindämmung des Coronavirus verlangen nicht nur den Erziehern, sondern auch Kindern, Jugendlichen und deren Eltern einiges ab. Abstand halten oder ins Homeoffice zu wechseln, kommt nicht infrage.

Arbeitsgesetz gelockert

„Wir arbeiten viel über Beziehungen. Den Kontakt einstellen geht nicht“, erklärt Leiterin Serka. Trotzdem mussten die meisten Heime ihre Mitarbeiter aus der ambulanten Familienhilfe abziehen. Der Grund: Weil Kitas und Schule geschlossen sind, müssen die Erzieher ihre Schützlinge auch morgens betreuen und als Lehrer einspringen. Und so werden die Kräfte vor allem für die Kinder und Jugendlichen gebraucht, die im Heim wohnen. Dafür hat die Regierung das Arbeitszeitgesetz für Erzieher gelockert. Überstunden werden aufgeschrieben und können nach der Krise ausgeglichen werden.

Neben den neuen langen Arbeitstagen und -wochen kommt bei den Erziehern eine weitere Sorge hinzu: Die Angst, dass ihren Schützlingen, die nun zuhause bleiben müssen, ohne ständigen Kontakt etwas Schlimmes zustößt. Nur wenige Familien können die Sozialpädagogen in diesen Tagen noch besuchen, um sicherzugehen, dass es den Kindern gutgeht. „Für unsere Erzieher ist das sehr belastend, aber wir brauchen sie in der stationären Betreuung“, sagt Andrea Knerr, Leitern des Kinder- und Jugendhilfezentrum Wespinstift auf der Vogelstang.

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Kontakt halten die Sozialpädagogen trotzdem – per Skype, WhatsApp oder am Telefon. In Ausnahmefällen besuchen sie dann doch die Familien, versuchen aber, Abstand zu halten. Für Jugendliche, die auf der Straße leben, sieht man bei Freezone noch keine große Gefahr. Die Mannheimer Anlaufstelle samt Aufenthaltsraum ist zwar geschlossen. „Die meisten sind aber bei Freunden untergekommen oder anderswo“, berichtet ein Sozialarbeiter am Telefon. Die Freezone-Mitarbeiter sind weiterhin per Hotline für die Straßenkinder erreichbar – sei es auch nur, um sich auszutauschen.

Selbstgenähte Masken gespendet

Wo aber noch vor wenigen Wochen der Mangel an Schutzkleidung groß war, herrscht heute Erleichterung in den Einrichtungen. „Wir erhalten jede Woche Masken, Handschuhe und Desinfektionsmittel von der Feuerwehr. Das hat uns sehr beruhigt“, sagt Petra Weber, die das Katholische Kinder- und Jugendheim St. Josef in Käfertal leitet. Ähnlich geht es auch anderen Heimen, wie die Sprecherin der Fachgruppe für Erziehungshilfe der freien Träger der Stadt berichtet. „Wir haben von der Gemeinde auch viele selbstgenähte Masken bekommen“, sagt Weber. Im „St. Josef“ soll der Betrieb der Tagesgruppen langsam wieder hochgefahren werden – wechselt die Gruppe, werden alle Flächen desinfiziert. Sollte ein Kind an Covid-19 erkranken, müsste Weber trotzdem die gesamte Wohngruppe samt Erzieher für zwei Wochen in Isolationsräumen unterbringen.

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Und die Kinder und Jugendlichen: Wie erleben sie die Sanktionen? „Wer sich noch erinnern kann, wie es war, 16 zu sein, der weiß: Die Jugendlichen fühlen sich eingesperrt“, erklärt Hebel-Heimleiterin Tanja Serka. Trotzdem erlebt sie in ihrer Einrichtung ganz neue Seiten an ihren Jugendlichen: Statt zu rebellieren, packen sie lieber mit an, pflanzen Bäume auf dem großen Außengelände oder helfen bei Ausbesserungsarbeiten am Haus.

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Auch die Erzieher selbst opfern ihre Freizeit, legen Sonderschichten ein, um tatsächlich rund um die Uhr für ihre Schützlinge da zu sein. „Gerade Kleinkinder brauchen eine Umarmung und Nähe. Wir arbeiten alle weiter, weil uns die Kinder und Jugendlichen wichtig sind“, erklärt Serka. Sie ist überzeugt: Die Krise hat alle zusammenwachsen lassen.

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