Nachts allein zu Hause: Was die Ausgangssperre mit uns macht

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stp
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So leer hat man die Stadt und den Wasserturm selten gesehen: Seit dem 4. Dezember gibt es in Mannheim eine nächtliche Ausgangssperre zwischen 20 und 5 Uhr. © dpa/istock

Um 20 Uhr ist Schluss – auch für uns. Pünktlich daheim zu sein, gelingt nicht immer und lässt manche sogar kreativ werden. Von der Brot-Notlieferung bis zum Länder-Hopping – Eindrücke aus der Lokalredaktion.

Plötzlich nur noch Stille

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Man hört aus dem Gullydeckel, wie dort unten das Wasser fließt. Das ist einem vorher nie aufgefallen. Dann hustet jemand. Ein Rollladen wird heruntergelassen. All das hat man nie wahrgenommen am Rathausplatz, im Ortskern von Wallstadt. Aber jetzt: Stille.

Man steht zehn Minuten, 15 Minuten. Nichts. Kein Auto kommt vorbei, kein Mensch. Das italienische Lokal, aus dem sonst Stimmengewirr dringt: geschlossen. Die DJK-Halle, aus der oft das Rollen der Kugeln der Kegelbahn, das Dopsen der Bälle hörbar ist: dunkel. Nur von der Ferne dröhnt ein bisschen der Lärm der Autobahn. Auf dem Weg nach Hause, knapp einen Kilometer westlich vom Rathausplatz, sieht man weit entfernt einen einzigen Menschen, der einen Hund ausführt. Sonst: nichts.

Hier ist auch von der Autobahn nichts mehr zu vernehmen. Und auch das permanente Rauschen von der Süd- und Westumgehung, das man hier meistens wahrnehmen kann, fehlt völlig. In einem Ort, der sonst ohnehin ruhig ist, herrscht seit den Ausgangsbeschränkungen einfach nur Stille. pwr

Wenn die Pizza mal länger dauert

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Zeit für ein Geständnis: Samstags läuft im Ersten bis kurz vor acht eine Sendung, die bei uns allen männlichen Familienmitgliedern sehr am Herzen liegt. Daher fragten wir bei einer Essen-Bestellung Mitte Dezember den Wirt: „Ist Abholen um 20 Uhr okay?“ Er antwortete: „Sie wissen schon, dass ab da die Ausgangssperre gilt?“ Wir versicherten wahrheitsgemäß, nur fünf Geh-Minuten entfernt zu wohnen. Klappte dann zwar alles prima mit dem Abholen. Aber beim eiligen Gang durch plötzlich menschenleere Feudenheimer Straßen kam uns schon ein schlechtes Gewissen.

Einen Monat später: Anderes Lokal, gleiche Frage. Doch dieser Wirt antwortete: „Gar kein Problem. Wenn Sie kontrolliert werden, sagen Sie einfach, die Pizza war nicht früher fertig.“ Diesmal waren die Straßen in Feudenheim kurz nach 20 Uhr noch ziemlich belebt.

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Auch auf spätabendlichen bis nächtlichen Gassirunden sehen wir neuerdings wieder vermehrt Menschen ohne Hund. Aber das ist natürlich alles rein subjektiv – und ausdrücklich nicht zur Nachahmung empfohlen! sma

Knobelei mit abruptem Ende

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Als wir kurz davor sind, den entführten Jungen aus dem Labyrinth zu befreien, fällt der Blick auf die Uhr: „Oh Mist, wir haben noch 20 Minuten!“ Jetzt herrscht Zeitdruck, schließlich wollen wir mit unseren zwei Freunden das Rätsel lösen – und zwar so, dass es beide noch rechtzeitig vor der Ausgangssperre nach Hause schaffen.

Aber Zeit, den Rätselsieg zu feiern, bleibt nicht. Weil die Minuten immer schneller verstreichen, wir aber nicht auf die Lösung kommen, muss der Entführte im Labyrinth ausharren. Es folgt ein hastiger Abschied ohne Umarmung, dann fällt die Tür ins Schloss. Wir bleiben zurück, irgendwie froh, dass wir nicht noch raus müssen in die Kälte. Und sehnen uns nach den Abenden, die früher nie enden wollten.

Später erreicht uns die Nachricht: Wir haben den Jungen befreit – ihr erratet nie, wie! Wir nehmen uns vor, beim nächsten Rätseln früher zu starten. Dann kommen neue Beschlüsse: private Treffen nur noch mit einer Person, Schluss mit Pärchenabenden. Einen Vorteil hat das Ganze: Keiner von uns muss nachts mehr in der Kälte nach Hause radeln. lia

Brot-Bestellung aus Berlin

Ein Notruf aus der Bundeshauptstadt. Unser bester Freund, der in Berlin wohnt, meldet sich und bittet um Hilfe. Sein Vater, er lebt in Sinsheim und kann nicht mehr selbst einkaufen, braucht dringend Brot. Die Pflegekraft, die den Papa betreut, hat sich gerade den Knöchel verstaucht, es ist nach 18 Uhr, zum Arzt kann sie erst am Morgen. Brot holen also – sonst kein Problem, schnell zum Bäcker rüber, ein Pfund Krustenbrot kaufen, ins Auto und ab auf die A 6. Normalerweise, aber jetzt zählt der Zeitfaktor mit. Feierabendverkehr, mindestens 45 Minuten Fahrt, eine Viertelstunde für den Einkauf gerechnet, da wären wir bei Sieben.

Wir mögen den Vater sehr, er freut sich immer, wenn wir kommen – einfach die Papiertüte in den Hausgang werfen? Nein, reden muss sein, wenn’s auch nur auf Abstand ist. Könnte knapp und knapper werden – Ausgangssperre! Vermutlich gibt es irgendeine Sonderverordnung für Not-Brot-Lieferungen, also losfahren jetzt! Am Ende reicht die Zeit, vier Minuten vor Acht sind wir wieder in Seckenheim. Kaum Feierabendverkehr – zum Glück ist Ausgangssperre! scho

Umweg über Südhessen

Unser Sohn kommt aus Nürnberg, um uns zu besuchen – mit der Bahn. Geplante Ankunft in Weinheim: 19.59 Uhr. Können wir es wagen, ihn abzuholen? Schließlich gilt in Baden-Württemberg ab 20 Uhr Ausgangssperre. Unser Sohn käme, falls die Bahn auch nur eine Minute Verspätung hätte, erst während der Ausgangssperre an.

Er dürfte zwar per Straßenbahn – höhere Ansteckungsgefahr im Zug?!!! – zu uns weiterfahren. Aber wir ihn nicht abholen. Es drohen hohe Bußgelder. Was also tun? Ihn trotzdem vor dem Bahnhof aufzugabeln, ist keine gute Idee. Die Polizeistation liegt genau gegenüber. Also heimlich hinter dem Bahnhof parken und auf Schleichwegen zurück ins heimische Viernheim? Auch nicht gesetzeskonform.

Wir überlegen hin und her. Dabei liegt die Lösung auf der Hand. Bevor der Zug von Nürnberg über Frankfurt am Weinheimer Hauptbahnhof ankommt, hält er in Bensheim. In Hessen! Keine Ausgangssperre! Als gesetzestreue Bürger nehmen wir den Umweg in Kauf. Sind ja hin und zurück gerade mal schlappe 28 Kilometer mehr. bhr

Date an der Straßenecke

Leise rieselte der Schnee – und laut sprachen die beiden Menschen, auf denen er sanft landete. Wenn man derzeit nach 20 Uhr aus dem Fenster schaut und Menschen ohne Hund sieht, bekommt man einen gewaltigen Schreck.

Und das Rätselraten beginnt: Was machen zwei Leute – Mann und Frau – in einer Nacht von Samstag auf Sonntag länger gemeinsam an einer Straßenecke in der Schwetzingerstadt? Von welcher Arbeit kommen sie? Haben sie sich zufällig getroffen oder gar verabredet – in der Hoffnung, dass es zu so später Stunde niemand mitbekommt? Um es vorwegzunehmen: Das Rätsel muss ungelöst bleiben. Kein Mensch in dem so friedlich unter einer Schneeschicht ruhenden Stadtteil brachte es offenbar fertig, den beiden die Ordnungshüter auf den Hals zu hetzen.

Vielleicht, weil sie wie zwei wirkten, die sich kürzlich kennengelernt haben und sich nicht so richtig trauen, den nächsten Schritt zu machen. Oftmals beugte sich der Mann vor, wenn er über irgendetwas lachte. Aber den ersten Kuss, den haben wir nicht gesehen. stp