Prozessauftakt - Irakischer Flüchtling soll einen 35-Jährigen in der Neckarstadt erschlagen haben / Leiche liegt eine Woche lang unbemerkt in der Tatwohnung Mord – mit einer Sektflasche?

Von 
Martin Tangl
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Mannheim. Husam A. soll Gabriel V. im Juli 2020 mit einer ungeöffneten Sektflasche erschlagen haben – und das auf besonders brutale Art und Weise. Dafür muss sich der 34-jährige Iraker seit Montag vor der 1. Strafkammer des Landgerichts unter Vorsitz von Richter Gerd Rackwitz verantworten. Die Anklage lautet auf Mord. Außerdem wird ihm ein Ladendiebstahl in Ludwigshafen zur Last gelegt.

Der Angeklagte Husam A. neben seinem Rechtsanwalt Steffen Kling beim Landgericht: Die Anklage lautet auf Mord. Er soll sein Opfer mit einer Sektflasche erschlagen haben. © Michael Ruffler
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In Handschellen wird der Mann in grünem Parka und hellblauem Sweatshirt aus der Untersuchungshaft in den Saal 5 vorgeführt. Alle Prozessteilnehmer mit Maske, hinter Trennscheiben. Dem Angeklagten steht ein Dolmetscher zur Seite, der die Verhandlung auf Arabisch übersetzt. Verteidiger Steffen Kling stellt gleich zu Beginn der Beweisaufnahme fest: „Mein Mandant macht Angaben zur Person, zur Sache schweigt er.“

Ladendiebstahl in Ludwigshafen

  • Husam A. ist vor dem Landgericht nicht nur wegen Mordes angeklagt, er muss sich auch wegen Ladendiebstahls verantworten.
  • Am 29. April soll er um 14.35 Uhr im Drogeriemarkt Müller in Ludwigshafen eine Flasche Eau de Toilette für 88,95 Euro gestohlen haben.
  • Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass sich der Iraker in Mannheim seinen Lebensunterhalt mit Ladendiebstählen finanziert hat.
  • Die 1. Strafkammer hat sieben Verhandlungstage angesetzt, der nächste Termin ist am 11. November um 9 Uhr am Landgericht. 

Blut überall im Zimmer

Oberstaatsanwältin Jeanette Zipperer hatte zuvor die Tat geschildert, wie sie laut Anklage am 7. Juli 2020 in dem Ein-Zimmer-Appartement des Opfers in der Laurentiusstraße in der Neckarstadt abgelaufen ist: „Ein Mensch wurde grausam getötet.“ Am späten Nachmittag hätten Husam A. und Gabriel V. die kleine Wohnung des 35 Jahre alten Studenten betreten, in der der Iraker übernachten wollte. Aus Verärgerung, dass das wohl nicht klappen sollte, habe er Gabriel V., der am Schreibtisch saß, mit einer Sektflasche den Schädel zertrümmert, so die Anklage. Doch damit nicht genug.

Immer wieder habe der Täter mit wuchtigen Schlägen mit der Flasche auf den Kopf des Opfers eingeschlagen, ja sogar kurze Pausen eingelegt, um sich an den Qualen des Schwerverletzten zu weiden, der mittlerweile auf dem Boden kniete. Als der Mann sterbend in seiner Blutlache lag, habe Husam A. ihm die Hose heruntergezogen, um eine homosexuelle Tat vorzutäuschen, erklärte die Oberstaatsanwältin. Bevor der Täter das Appartement verließ, soll er die Wohnung durchstöbert und Geldscheine, ein Mobiltelefon sowie einen Laptop mitgenommen haben.

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Erst am 15. Juli, also gut eine Woche später, wurde die Tat entdeckt. Wie die polizeilichen Ermittler vor Gericht berichten, war dem Hausmeister ein strenger Geruch im Gebäude aufgefallen, der wohl aus dem Appartement des Studenten kam. Der Ehemann des Opfers – das Paar lebte damals getrennt– wurde informiert. Er fand V. tags darauf in der Wohnung. „Hilflose Person“, so lautete die erste Meldung an die Rettungskräfte. Doch schnell stellte sich heraus, dass hier ein Tötungsdelikt vorliegt. Eine Kriminalkommissarin berichtet als Zeugin vor Gericht von „einer unglaublichen Dynamik“, von massiven Kopfverletzungen des Opfers, Blutspuren im gesamten Raum, an den Wänden, an den Vorhängen, am Schreibtisch.

Bier, Wein, Amphetamine

Husam A, äußert sich nicht zur Tat, schildert aber seinen Lebensweg. Er wurde in Bagdad geboren und ist mit Mutter, Schwester und Bruder in der irakischen Hauptstadt aufgewachsen. Er habe nach der Schule Journalismus studiert, dann aber bei der US-Armee gearbeitet und später auch bei den irakischen Streitkräften. Doch wegen Rassismus und religiöser Unterdrückung sei er in die Türkei geflohen, wo er seine Frau kennengelernt habe. „Haben Sie geheiratet?“, will Richter Rackwitz wissen. Das sei aus religiösen Gründen mit der Jesidin nicht möglich gewesen, so die Antwort.

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Zusammen mit seiner Partnerin flüchtet Husam A. übers Meer nach Griechenland, über Serbien, Kroatien und Österreich nach München und später nach Mannheim, wo er 2016 ankommt, so erzählt der Angeklagte. Er habe in Neckarau gewohnt, danach im Jungbusch und zeitweise als Leiharbeiter gejobbt. Er erhält einen Flüchtlingsstatus, es folgt die Trennung von seiner Freundin. „Wegen meiner Lebenssituation und psychischer Probleme habe ich Alkohol und Drogen konsumiert. Ich habe fast alles probiert, Bier, billigen Wein, Amphetamine“, lässt Husam A. den Dolmetscher übersetzen. Dann gerät er in seinen Schilderungen in die Nähe der Tatzeit. Im Hotel habe er da gewohnt, und eine Hautkrankheit gehabt. Da unterbricht ihn Anwalt Steffen Kling plötzlich: „Sie sagen jetzt nichts mehr!“ Auch Fragen der Staatsanwaltschaft werde sein Mandant nicht beantworten.

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