Gericht - Staatsanwaltschaft wertet Vorfall im Juli auf der Südtangente als vorsätzliche Gefährdung des Straßenverkehrs Mit Vollgas auf Feuerwehrleute zugerast – jetzt angeklagt

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Peter W. Ragge
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Eine solche Schlauchhaspel wie im Bild hier ganz links wurde bei der Kollision durch die Luft geschleudert. © Markus Proßwitz

Mannheim. Sein Führerschein ist bereits beschlagnahmt, seit Juli 2020 muss der Mann laufen – wie lange noch, das entscheidet nun das Amtsgericht. Dort ist der 33-jährige Mann wegen vorsätzlicher Gefährdung des Straßenverkehrs und Unfallflucht angeklagt. Er hatte im Juli auf der Südtangente Feuerwehrleute beinahe überfahren und war davongerast, obwohl ein Polizist auf ihn geschossen hatte.

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Für die Feuerwehr ist der Einsatz zunächst unspektakulär. Die brennende Matratze am Straßenrand an der Unterführung der Konrad-Adenauer-Brücke auf der B 36 qualmt zwar heftig, gilt aber als „Kleinbrand“. Dazu rückt ein einziges Löschfahrzeug aus, regulär besetzt mit vier Mann und an diesem Abend mit einem weiteren Kollegen zur Ausbildung. Ein Streifenwagen und Verkehrsleitkegel sperren einen der Fahrstreifen der an dieser Stelle zweispurigen Südtangente ab.

Dann nähert sich laut Anklagebehörde der 33-jährige Autofahrer. Erst will er, so die Ermittlungen, „durch mehrfaches Beschleunigen und Abbremsen“ einen vor ihm fahrenden Pkw überholen. Nachdem beide Fahrzeuge den Streifenwagen passiert haben, soll der Mann sein Fahrzeug nach links auf den gesperrten Fahrstreifen gezogen und – trotz der dort befindlichen Einsatzkräfte – mit Vollgas versucht haben, das andere Auto noch vor Erreichen des auf der gesperrten Fahrbahn abgestellten Löschfahrzeugs zu überholen.

Als das nicht gelingt, macht der Angeklagte eine Vollbremsung, „wobei er neben einem Feuerwehrmann zum Stehen gekommen sein soll, welcher zuvor instinktiv einen Ausfallschritt zur Seite getätigt hatte“, heißt es in der Anklage. Trotz der sofortigen Intervention mehrerer Einsatzkräfte habe der Angeklagte den Rückwärtsgang eingelegt. Dann sei er „ohne Rücksicht auf die vor Ort befindlichen Einsatzkräfte mit Vollgas zurückgefahren“.

Polizist schießt zwei Mal

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Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft verliert der Angeklagte kurzzeitig die Kontrolle über sein Fahrzeug, kommt von der Fahrbahn ab und kollidiert mit der Schlauchhaspel der Feuerwehr, die „mehrere Meter weit durch die Luft geschleudert“ wird. Das Ergebnis: Totalschaden. Ein Feuerwehrmann habe nur durch einen Sprung zur Seite verhindern können, von dem umherfliegenden Teil getroffen zu werden.

Erneut mit Vollgas versucht der Mann die Flucht, gerät laut Anklagebehörde „massiv“ mit seinem Fahrzeug ins Schlingern, rast aber „mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit“ davon. Einsatzkräfte hätten ihn nicht nur „wiederholt lautstark“ zum Anhalten aufgefordert. Ein Feuerwehrmann wirft sein Handfunkgerät gegen die Windschutzscheibe, um ihn zu stoppen, ein Polizeibeamter feuert zwei Schüsse aus seiner Dienstwaffe ab – nichts hilft.

Kein Tötungsvorsatz

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Weil der Mann hinter dem Lenkrad vermutlich von einem Geschoss getroffen ist, startet die Polizei eine Suchaktion – vergeblich. Nur sein Fahrzeug wird noch nachts im Jungbusch gefunden. Erst am Morgen sucht er verletzt Zuflucht in einem Krankenhaus der Stadt. Polizisten vernehmen ihn, aber er macht aber keine Angaben zum Tatmotiv.

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Zunächst ermittelt die Polizei auch wegen eines versuchten Tötungsdelikts. Nach Zeugenvernehmungen „konnte die ursprüngliche Annahme, der Beschuldigte sei gezielt, zumindest aber mit eventuellem Tötungsvorsatz, auf die Einsatzkräfte zugefahren, nicht aufrechterhalten werden“, so Justizminister Guido Wolf. Er habe „allein um seines schnellen Vorankommens willen eine äußerst riskante Fahrweise“ gewählt, so der Minister in einem Schreiben an den SPD-Landtagsabgeordneten Boris Weirauch.

Weirauch hatte sich im Januar an den Minister gewandt und nach dem Sachstand der Ermittlungen gefragt. „Mir ist es wichtig, dass nach Angriffen auf Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste nicht einfach zur Tagesordnung übergegangen wird, sondern solche Straftaten mit angemessener Härte verfolgt werden,“ so Weirauch. Es sei gut, nicht nur lediglich einen Strafbefehl zu erlassen. „Angriffe gegen Einsatzkräfte gehören immer vor Gericht“, begrüßt Weirauch das Vorgehen. Der Abgeordnete hatte sich bereits 2018 bei der Landesregierung dafür stark gemacht, dass das „Offenburger Modell“, wonach bei Straftaten gegen Ordnungs- und Einsatzkräfte immer öffentliche Anklage erhoben werden soll und von allen Verfahrenseinstellungen abzusehen ist, auf ganz Baden-Württemberg ausgeweitet wird – ohne Erfolg, das Land lehnte ab.

Laut Feuerwehr-Kommandant Karlheinz Gremm ist seine Mannschaft erleichtert, dass zumindest der Vorfall von der Südtangente nun vor Gericht kommt. Den betroffenen Kollegen gehe es gut, sie hätten die Attacke vom Juli gut verkraftet. „Aber das war schon eine sehr kritische, sehr gefährliche Situation“, so Gremm. „Angesichts der zunehmenden Tendenz von Aggressivität gegen Einsatzkräfte, wenn wir Gaffer zurückweisen oder wenn Leute unwirsch auf unsere Straßensperrungen reagieren“, berichtet der Kommandant, sei es gut, dass es zu einer öffentlichen Verhandlung komme: „Wir sind gespannt, was dabei herauskommt“, so Gremm.

Redaktion Chefreporter