Geburtstag - Wissenschaftler, Politiker, Unternehmer und Mäzen Jörg Ueltzhöffer wird 75 Mit Haltung und Pioniergeist

Von 
Roger Scholl
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Er ist sicher einer der wenigen Mannheimer, dessen Name selbst in den Vorstandsetagen internationaler Konzerne geläufig ist. Bekanntgeworden ist er als Wissenschaftler, als Politiker, als Unternehmer. Wer ihn näher kennt, der schätzt Jörg Ueltzhöffer als Mann mit Haltung, bescheiden, stets hilfsbereit – und als einen Gesprächspartner, der fesselnd und mitreißend erzählen kann, dessen Repertoire an Geschichten schier unerschöpflich scheint. An Mittwoch wurde er 75.

Jörg Ueltzhöffer vor der Schulbücherei in Haifa, die seinen Namen trägt. © Privat
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Als „Mannemer“ fühlt er sich – und doch ist er ein Kosmopolit: In alle Teile der Welt haben ihn seine Berufe schon geführt. Geboren wird Jörg Ueltzhöffer am 16. Oktober 1944 in Heidelberg, ein kriegsbedingter Ortswechsel, denn Mannheim ist die Heimat der Familie. Die Kindheit verbringt er in Seckenheim, den Vater lernt er nie kennen, er fällt noch vor seiner Geburt auf den Schlachtfeldern der Normandie.

Entwickler der Sigma-Milieus

Die Familie: sozialdemokratisch. Das prägt. Der junge Ueltzhöffer politisiert sich früh, hat klare Wertvorstellungen – schon am Lessing-Gymnasium, wo er 1964 Abi macht, ist er dafür bekannt. Dort kommt er auch in Berührung mit Frankreich. Seit einem der frühesten Schüleraustausche des deutsch-französischen Jugendwerks in Paris verbindet Ueltzhöffer, den alle damals nur „Jean“ nennen, eine lebenslange Liebe mit den westlichen Nachbarn.

Sein weiterer Weg führt ihn in die Wissenschaft, das Studium ist breit aufgestellt: Politik, Geschichte, Germanistik, Staatsrecht in Heidelberg. Zeitgleich engagiert er sich bei den Mannheimer Jusos, wird Stadtrat, und steigt auf zum Vize-Parteichef der SPD hinter dem legendären Herbert Lucy. Damals arbeitet Ueltzhöffer auch als Berater für Helmut Schmidts Kanzleramt. 1980 erringt der 35-Jährige das Landtagsmandat, zwei Legislaturperioden lang vertritt er, stets unbequem und kämpferisch, Mannheimer Interessen in Stuttgart – und zieht sich nach einer knappen Wahlniederlage 1988 aus der Politik zurück. Der Abschied mündet in eine wissenschaftliche Karriere. Ueltzhöffer wird Assistent bei Klaus von Beyme, dem Top-Politologen seiner Zeit, folgt ihm nach Tübingen, dann zurück nach Heidelberg. Bei einem Studienaufenthalt in Stanford, der Keimzelle des späteren Silicon Valley, lernt er Computerprogramme und ihren Wert für die Forschung kennen. Zurück in Deutschland wird Ueltzhöffer zum Pionier dieser neuen Technik, entwickelt mit einem Partner ein Modell, das Prognosen über zukünftige gesellschaftliche Entwicklungen, über Sozial- und Konsumverhalten ermöglicht – die weltbekannten Sigma-Milieus.

Namensgeber einer Bücherei

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Die Geburt einer Geschäftsidee. Zusammen mit dem Soziologen Carsten Ascheberg gründet er das Sigma-Institut, zu den Kunden zählen nahezu alle großen Autohersteller und die Lufthansa. Die Trendprognosen fußen auf internationalen Studien, und sie sind sehr genau. Das geht bis hinein in Farben und Formen, den Planungsetagen der Wirtschaft liefert Sigma damit recht klare Vorstellungen davon, was ihre Kunden zukünftig von ihnen erwarten.

Vom Front-Geschäft hat er sich inzwischen zurückgezogen, Jörg Ueltzhöffer arbeitet nur noch halbtags, vornehmlich in der wissenschaftlichen Beratung. So bleibt ihm mehr Zeit für die Kunst und die Musik, vor allem aber für sein soziales Engagement. Eine Schulbibliothek in Haifa trägt seinen Namen, viele andere Projekte der israelischen Wohlfahrtorganisation Keren Hayesod hat er finanziert.

Redaktion Lokalredaktion, Koordinator Stadtteilseiten