Amoklauf: Schüler und Lehrer besprechen die Tragödie im Unterricht und versuchen zu verstehen, wie es so weit kommen konnte "Mehr miteinander reden"

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Simone Kiß-Epp

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"Wir haben Angst." Erste Unterrichtsstunde am Morgen danach in einer neunten Klasse an der Tulla-Realschule: Sofort meldet sich ein Mädchen und spricht aus, was es empfindet. Schulleiter Peter Schmid und seine Kollegen sind darauf vorbereitet: "Wir haben in einer Kurzkonferenz vor Schulbeginn beschlossen, dass die Klassen- und Fachlehrer sich Zeit für die Schüler nehmen und auf ihre Fragen eingehen." Egal ob Deutsch, Mathe oder Englisch - an den meisten Schulen in der Stadt stand gestern erst einmal die Verarbeitung der schrecklichen Ereignisse in Winnenden auf dem Stundenplan.

Stuhlkreis und Kerzen

Die Tulla-Schulseelsorgerin Annette Krings-Weghmann stellt in einer siebten Klasse die Stühle zu einem Kreis zusammen, steckt Kerzen an und beginnt den Unterricht mit einem Gebet, in das die Schüler die Opfer und alle, die um sie trauern, mit einbeziehen. Wie konnte es so weit kommen? Was können wir tun, um eine solche Tat bei uns zu verhindern? Antworten schreiben die Kinder auf kleine Zettel und hängen sie auf. "Wir dürfen keine Gerüchte in die Welt setzen", ist darauf zu lesen, und "Wir müssen mehr miteinander reden". Dieser Punkt bewegt auch die Zehntklässler von Lehrerin Vanessa Fries. Nicht ausreichend miteinander sprechen, zu wenig vom anderen wissen - das zählen die Jugendlichen immer wieder auf. "Ihr seid das eigentliche Frühwarnsystem, das am besten greift", macht die Pädagogin ihrer Klasse deshalb deutlich und schlägt auch ein Patensystem vor: "Das muss keine Freundschaft sein, sondern jeder soll einen anderen aus der Klasse im Blick behalten." Denn nicht immer bekommen die Lehrer alles mit, gerade in den Pausen oder nach Schulende. "Ich kann bei 32 Schülern nicht immer wissen, was bei jedem los ist", hat auch Annette Krings-Weghmann "Angst, etwas zu übersehen".

Der Zeitpunkt war Zufall - aber es passt: Die Schülersprecher an der Tulla-Schule haben gerade eine schriftliche Umfrage in allen Klassenstufen zum Thema Gewalt gestartet, um dem Problem besser begegnen zu können. Wurdest du schon einmal gemobbt? Hast du Angst, zur Schule zu gehen? Und findest du, man sollte mehr gegen Gewalt an Schulen machen? "Wir wollen wissen, wie sich die Schüler hier fühlen", sagt die 15-jährige Moana, eine der Initiatorinnen der Aktion. Dass "Formen von Aggression" nämlich vorhanden seien, bestätigt Schulleiter Schmid, und er weiß auch, wo die Provokationen, die dann in Schlägereien an der Schule enden, meist ihren Anfang nehmen: in Internetforen wie etwa dem "schüler VZ". "Da geht's um Mobbing bis hin zur infamsten Beleidigung", so Schmid. Jeden Anrempler, jedes gemeine Wort sofort thematisieren, aber auch jedem offensichtlich isolierten Schüler mehr Aufmerksamkeit schenken - das wollen die Schülersprecher Moana, Steven (15) und Dennis (16) erreichen. "Wenn einer in der Pause so still dasitzt, dann frag' ich mal 'Ey, was geht'", sagt Moana.

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Auch an der Humboldt-Hauptschule ist der Amoklauf Thema. "Wir haben in der ersten Stunde versucht, das Ereignis altersgerecht zu besprechen", sagt Schulleiter Harald Leber. "Manche Schüler hat's erschreckt, andere haben es gar nicht registriert", schildert er seinen Eindruck. Darum gibt es auch erst eine Gedenkminute, wenn alle über die furchtbaren Geschehnisse informiert und darauf vorbereitet sind.

Dass verschlossene Eingänge und bestimmte Einlass-Systeme wie etwa Chips keine Antwort auf die Tat sind, haben die Schüler am Elisabeth-Gymnasium ihrem Schulleiter Michael Hohenadel gesagt. Deshalb sind Videokameras für ihn keine Lösung: "Wenn ich sehe, dass da ein früherer Schüler reinkommt, dann bin ich doch nicht alarmiert. Uns besuchen oft Ehemalige."