Mannheimer Corona-Koordinator: Lage bei Intensivstationen weiterhin angespannt

Von 
Steffen Mack
Lesedauer: 
Jörg Krebs vor einer der beiden Corona-Intensivstationen im Klinikum. © Dirk Schuhmann/UMM

Mannheim. Jörg Krebs, Koordinator für die Corona-Intensivbetten in den Mannheimer Krankenhäusern, bezeichnet die Lage auf den Stationen als weiter angespannt. Über seine Kollegen und sich sagt er: „Allmählich sind wir schon alle müde.“

AdUnit urban-intext1

Herr Dr. Krebs, wie ist denn die aktuelle Lage bei Ihnen?

Der zentrale Koordinator

In der Corona-Krise arbeiten die Mannheimer Krankenhäuser sehr eng zusammen. Das Gesundheitsamt ist ebenfalls permanent eingebunden.

Koordiniert werden die Corona-Intensivkapazitäten – auch die im Theresien- und im Diakonissenkrankenhaus – zentral vom Universitätsklinikum aus.

Das ist die Aufgabe von Jörg Krebs (als Nachfolger des nach Bielefeld gewechselten Thomas Kirschning).

Normalerweise – also außerhalb der Pandemie – arbeitet der 43-jährige Oberarzt in der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin.

Dort heißt Krebs’ Funktion: Geschäftsfeldleiter Operative Intensivmedizin. sma

Jörg Krebs: Weiter angespannt. Es gibt nach wie vor zu viele Covid-19-Patienten in einem schweren, lebensbedrohlichen Zustand.

Wobei die Zahl zurückgegangen ist: Laut Gesundheitsamt liegen aktuell in Mannheim insgesamt 23 auf Corona-Intensivstationen. Im Dezember waren es rund 40.

AdUnit urban-intext2

Krebs: Ja, da erinnere ich mich an einen Wochenend-Dienst, in dem es in ganz Mannheim kein freies Covid-Intensivbett mehr gab. Die regionale Leitstelle in Heidelberg konnte uns auch weder dort noch im Rhein-Neckar-Kreis etwas vermitteln. Wir mussten uns an das Land wenden. Das hat uns dann Betten in Tübingen und Freiburg organisiert.

Von der Stadt heißt es ja immer, in Mannheim seien bis zu 150 Intensivbetten verfügbar, die bei Bedarf bereitgestellt werden könnten. War das Problem damals der sehr kurzfristige Bedarf?

AdUnit urban-intext3

Krebs: Ja, eine typische Situation an einem Wochenende. Es geht ja nicht um die Betten als solche, sondern um das intensivmedizinische Personal. Die Infektionsrate ist bei uns genauso hoch wie in der Gesamtbevölkerung. Da kam es gerade im Dezember sehr häufig vor, dass uns kurzfristig jemand ausfiel.

AdUnit urban-intext4

Sind Sie und Ihre Kollegen, die ständig Kontakt zu Corona-Patienten haben, nun alle geimpft?

Krebs: Bis auf ganz wenige Einzelfälle, die das aus individuellen Gründen nicht konnten oder wollten, sind wir nun alle zwei Mal geimpft, ja. Die Impfbereitschaft war bei uns unglaublich hoch.

Können Sie die beziffern?

Krebs: Zahlen habe ich nicht, würde aber vermuten: Auf den Covid-Stationen liegt die Impfbereitschaft bei Ärzten knapp unter 100 Prozent, bei sonstigem Personal über 90 Prozent. Die Leute sehen hier ja, was passieren kann. Wir hatten auch mal einen Arztkollegen zwei Wochen lang bei uns liegen, dem es sehr schlecht ging und den wir beatmen mussten.

Wie geht es ihm heute?

Krebs: Das war im Frühjahr, nach diversen Reha-Maßnahmen hat er sich gut erholt und arbeitet wieder.

Können Sie – bei aller Rücksicht auf den Persönlichkeitsschutz – grob das Alter des Mannes nennen?

Krebs: Unter 40. Er war als Notarzt im Einsatz und hat sich auf einer Patientenfahrt infiziert.

Ist das nur eine Ausnahme? Oder ist die Lesart falsch, Ihre Patienten seien fast ausschließlich Senioren?

Krebs: Auf Intensivstationen liegen generell überwiegend Senioren. An Corona können Sie zwar in jedem Alter erkranken, aber je älter Sie sind, desto größer ist auch das Risiko eines schweren Verlaufs.

Haben Sie auch immer wieder mal jüngere Patienten ohne Vorerkrankungen?

Krebs: Natürlich. Etwa Menschen, die bei einem Verkehrsunfall verletzt werden und bei denen sich erst im Krankenhaus herausstellt, dass sie Corona haben.

Wie lange bleibt man im Schnitt auf einer Covid-Intensivstation?

Krebs: Während der ersten Welle im Frühjahr waren es 16 Tage. Jetzt kenne ich noch keine Zahl, habe aber an den Eindruck, dass es länger ist.

Woran liegt das wohl?

Krebs: Zum einen waren die Corona-Zahlen in der zweiten Welle allgemein deutlich höher. Zum anderen wird man aus einer Intensivstation selten als geheilt entlassen, sondern kommt nach einer längeren Beatmung in eine Spezialklinik, die einen von der Beatmung entwöhnt. Gibt es da gerade keinen freien Platz, muss eben auch mal jemand länger bei uns bleiben.

Haben Sie aus der ersten Welle vielleicht Erkenntnisse über Behandlungsmethoden gewonnen, die Ihnen heute helfen?

Krebs: In einigen Punkten ja. Beispielsweise setzen wir nun verstärkt gerinnungshemmende Medikamente ein, um eine Thrombose zu verhindern. Eine solche hatte sich häufig als Todesursache erwiesen.

Ist das Sterberisiko Ihrer Patienten mittlerweile geringer?

Krebs: Das lässt sich so nicht sagen, man muss es auch in Relation zu den Corona-Zahlen sehen. Außerdem gilt für jede virale Atemwegserkrankung – egal, ob Influenza, Corona oder sonstiges: Sobald Sie auf einer Intensivstation an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden müssen, besteht ein Sterberisiko von etwa 30 Prozent. Zudem gibt es bei fast allen Patienten noch einen zweiten Grund, warum sie bei uns liegen: das Alter, eine Vorerkrankung oder ein Unfall. Da kann individuell ein höheres Sterberisiko bestehen. Das gilt auch bei der häufigen Kombination zweier Infekte, wenn etwa ein Corona-Patient gleichzeitig eine bakteriell verursachte Lungenentzündung hat.

Zurück zur Impfung: Gehen Sie danach jetzt mit einem besseren Gefühl zur Arbeit?

Krebs: Schon, wobei die Schutzvorkehrungen unverändert hoch sind. Wir tragen nach wie vor die komplette Schutzmontur, also Haube, Kittel, Handschuhe und FFP2- oder FFP3- Maske. Trotz unseres sehr stark geminderten Risikos, selbst zu erkranken, ist ja noch nicht geklärt, ob wir nicht noch weiter als Überträger in Frage kommen könnten.

Was macht diese Pandemie generell mit Ihnen? Stecken Sie persönlich als Profi alles problemlos weg?

Krebs: Das ist unser Job. Wobei wir allmählich schon alle müde sind. Allein von morgens bis abends diese Schutzkleidung, das ständige Hände Desinfizieren – das schlaucht automatisch mit der Zeit. Aber die Patienten sind nun mal da, und wir werden sie weiter versorgen.

Was halten Sie von den Debatten, angesichts sinkender Corona-Zahlen die Einschränkungen des öffentlichen Lebens zu lockern?

Krebs: Ich habe dafür zwar Verständnis, muss aber warnen: Die Zahlen sind noch zu hoch, bei uns in den Krankenhäusern stagnieren sie auch seit zwei, drei Wochen. Zunächst müssen die Gesundheitsämter erst wieder den Großteil der Kontaktketten nachverfolgen können. Außerdem sollten wir noch abwarten, wie gefährlich die mutierten Virusvarianten sind.

Sind Ihnen davon schon welche untergekommen?

Krebs: Bisher noch nicht. Nach dem, was wir etwa von Kollegen aus England hören, sind sie deutlich ansteckender. Hinzu kommen Berichte aus Brasilien, wonach gegen die dortige Variante womöglich bisherige Impfstoffe nicht so gut schützen. Das wäre eine gefährliche Kombination.

Infografik: So viele Corona-Patienten kommen ins Krankenhaus | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Redaktion Steffen Mack schreibt als Reporter über Mannheimer Themen