Landgericht - Prozessbeginn gegen Raser, der im November 2018 mit einem Laternenmast kollidierte / War 27-Jähriger wegen einer Schizophrenie unzurechnungsfähig? Luisenring-Geisterfahrer: „Bin in Panik geraten“

Von 
Roland Schmellenkamp
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Mit mehr als 100 Stundenkilometern über den Luisenring, entgegen der Fahrtrichtung – ein schwerer Unfall an der Kurpfalzbrücke mit Totalschaden: Beim Prozess am Landgericht gegen einen jungen Autofahrer geht es nicht um eine Strafe, sondern darum, ob der Mann dauerhaft in einer geschlossenen Einrichtung untergebracht werden soll. Das Gericht geht davon aus, dass der Südpfälzer wegen einer paranoiden Schizophrenie bei seiner rasanten Autofahrt unzurechnungsfähig war.

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An die verhängnisvolle Fahrt am 27. November könne er sich kaum noch erinnern, erklärt Michael B. beim Prozessauftakt. Er war laut Zeugen als Geisterfahrer unterwegs. Als er einen Polizeiwagen sah und kurz darauf Blaulicht sah und die Sirene hörte, „bin ich in Panik geraten“. B. gab Gas, ein entgegenkommendes Auto musste auf den Gehweg ausweichen. Dann verlor er auf Höhe der Kurpfalzbrücke die Kontrolle über seinen Opel Corsa, prallte gegen einen Laternenmast und einen Baum. Dabei zog er sich eine Prellung zu, stieg aus und wehrte sich heftig gegen seine Festnahme. Und verletzte zwei Polizisten.

Im Gericht spricht der junge Mann offen über seine Krankheit: Die sei erst am Wochenende vor der Fahrt ausgebrochen, sie „hat sich davor nicht gezeigt“: Er habe nicht schlafen können, wirre Gedanken gehabt, Stimmen gehört und geglaubt, dass seine Familie ihn umbringen will. Er wohnte damals im Elternhaus, stieg gegen 16 Uhr ins Auto seiner Mutter und fuhr zuerst nach Mainz, „um den Kopf freizukriegen“. An die Stadt habe er gute Erinnerungen, weil er dort als Musiker aufgetreten war. Dann fuhr er nachts noch nach Mannheim.

Mann räumt Drogenkonsum ein

Drogen könnten ein Auslöser für die Krankheit sein – und die konsumierte der 27-Jährige: In drei Jahren habe er sechs mal LSD eingenommen, zuletzt einen Monat vor dem Unfall: „Die veränderte Realitätswahrnehmung war ein positives Erlebnis.“ Außerdem habe er ab dem 16. Lebensjahr Cannabis geraucht – mal ein, zwei Monate täglich, dann wieder Monate lang nicht. Alkohol trinke er selten, mit 13 lag B. allerdings nach einem Wetttrinken mit Schnaps wegen einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus.

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Bei der Beschreibung seines Lebens erklärte Michael B., dass er in der Grundschule „nie Probleme mit Noten hatte. Aber Mitschüler mobbten mich, weil ich still und zurückgezogen war“. Auch im Gerichtssaal tritt er zurückhaltend auf und antwortet meist nur kurz, aber präzise auf Fragen. Die Hände hält er dabei oft ineinander verschränkt vor dem Kinn zusammen. Nach einem Schulwechsel habe das Mobbing aufgehört, „aber ich war ein Außenseiter“. Das Abi bestand er durchschnittlich, sei danach aber wegen einer Depression ein Jahr bei seinen Eltern geblieben. Zwei Studiengänge fing er an, beide brach er ab. Sein großes Hobby ist die Musik. Jetzt versuche er, einen Studienplatz zu bekommen. Aktuell ist der 27-Jährige in einer geschlossenen Einrichtung untergebracht. Laut Anwalt Helmut Schneider könnte B. sofort einen Platz in einer Wohngruppe haben. Ob das klappt, hängt auch vom psychiatrischen Gutachten ab.