Chancengleichheit - Organisation bietet für sozial benachteiligte Kinder Lernprogramm in den Ferien an / Zum ersten Mal in Mannheim Lernen in den Ferien

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Lisa Wazulin
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Lernen macht Spaß: Das wollen die Climb-Lehrer den Kindern aus der „Einhorn“-Gruppe in der Vogelstangschule spielerisch beibringen. © Wazulin

Als die Tür zum Klassenzimmer aufgeht, werfen die Kinder aus der „Einhorn“-Gruppe nur einen kurzen Blick auf die Besucher – schließlich sind die kleinen „Einhörner“ gerade mit wichtigeren Dingen beschäftig: Dürfen nun Sarah und Jacky in der Mitte des Stuhlkreises tanzen, oder doch alle auf einmal?

Chancengleichheit Start-up Climb: Lernen in den Ferien

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In der Vogelstangschule wird an diesem Tag aber nicht nur getanzt, sondern auch Mathe und Deutsch spielerisch geübt – und zwar mitten in den Sommerferien. Am Nachmittag dürfen die Grundschüler von der ersten bis zur vierten Klasse dann selbst ihr Programm auswählen: Entweder ein Insektenhotel bauen, im Geografieprojekt die USA erforschen oder beim Gärtnern im Schulkräuterbeet alles über Pflanzen erfahren. An zwei Ausflugstagen könne sich die Kleinen im Luisenpark, Planetarium oder im Speyer Kletterwald nach Herzenslust austoben.

Spielerisches Programm für mehr Chancengleichheit

  • Die Lernferien sollen Kinder und Erwachsene fürs Lernen begeistern. Grundschulkinder von der ersten bis zur vierten Klasse werden von ehrenamtlichen Lehrern in Deutsch und Mathematik spielerisch unterrichtet. Das Programm soll Kinder nachhaltig fördern und an den Unterricht anknüpfen.
  • Die Lernferien dauern zwei Wochen und sind in Mannheim an zwei Schulen am Montag, 29. Juli, zum ersten Mal gestartet. Von Montag bis Freitag, 9 bis 16 Uhr, werden die Kinder in ihrer Grundschule betreut, warmes Mittagessen und Ausflüge inklusive.
  • Wohlhabende Eltern zahlen insgesamt 50 Euro. Für Kinder aus armen Familien ist die Teilnahme kostenlos.
  • Das Start-up Climb wurde 2012 in Hamburg gergründet. Seit 2013 gibt es die Lernferien in allen Ferien in Hamburg, seit 2014 in Dortmund, seit 2016 in Mainz.
  • Seit 2012 wurden 2451 Grundschulkinder und 443 junge Erwachsene mit den Lernferien erreicht. (Stand: 2018).
  • Die Lernferien richten sich auch an angehende Lehrer oder Studenten, die den Unterricht planen, leiten und erste Praxiserfahrungen sammeln. lia

Kein Wunder also, dass man hier traurige Kindergesichter vergeblich sucht. Und das, obwohl der Tag für die „Einhörner“ und „Raketen“, wie die Kinder ihre beiden Feriengruppen selbst genannt haben, schon um 9 Uhr startet.

Teamfähigkeit statt Einmaleins

Insgesamt 52 Grundschüler aus der Rheinauschule und der Vogelstangschule nehmen in Mannheim an den zweiwöchigen Lernferien vom Start-up Unternehmen Climb teil. Das Pilotprojekt findet vor Ort und zum ersten Mal in Mannheim statt. Finanziert werden die Lernferien durch Elternbeiträge, Fördergelder und die Stadt selbst. „Die Kinder lernen hier nicht das Einmaleins, sondern spielerisch Kompetenzen wie Durchhaltevermögen, Motivation, Rücksicht und Teamfähigkeiten“, erklärt Gründerin Charlotte Frey. Der Name ihres Start-ups steht für „Clever lernen, immer motiviert bleiben.“ Die Idee dahinter: Kindern beizubringen, wie richtiges Lernen funktioniert und davon abzuhalten, alles Gelernte in den Ferien wieder zu vergessen.

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Frey hofft, ähnlich wie in Mainz, Dortmund und Hamburg, ihr Programm auch in Mannheim und Bremen fest neben der Ferien- und Hortbetreuung zu etablieren. Eltern können dann selbst wählen, welches Angebot für sie passt. „Das ist hier ein bisschen wie Schule, macht aber mehr Spaß“, findet der siebenjährige Jermaine, der zu den Einhörnern gehört und am Rand vom Stuhlkreis sitzt. Der Zweitklässler mit den braunen Kulleraugen wohnt im Kinder- und Jugendhilfezentrum Wespinstift, seine Ferien verbringt er sonst bei seiner Oma. Es sind sozial benachteiligte Kinder wie der Siebenjährige, die von den Lernferien profitieren sollen – für sie ist die Teilnahme kostenlos. Noch immer sind Bildungschancen von Kindern abhängig vom Elternhaus. Besonders in den Fächern Deutsch und Mathe schneiden Kinder aus armen Familien schlechter ab als ihre reichen Altersgenossen. Das zeigen Ergebnisse der Lernstandserhebung, mit denen das Land Baden-Württemberg regelmäßig den Lernstand von Klassen und Schülern untersucht und mit Bildungsstandards vergleicht. Danach schaffen es solche Kinder oft nicht ohne Förderung, die entstandene Lernschere allein aufzuholen.

Auch die Stadt Mannheim will diese Lernlücke schließen. „Wir haben das Programm mit den Kinderhelden kombiniert, bei denen Ehrenamtliche ein Jahr lang Viertklässler für die weiterführende Schule vorbereiten“, erklärt Heike Fleischmann, Abteilungsleiterin für Schulentwicklung. Unterrichtet werden die Kinder bei Climb von ehrenamtliche Lehrern, die Juristen, Lehramtsstudenten, selbst Schüler oder Studenten aus Mannheim sind.

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„Ich habe die ganze Woche begeisterte Kinder und Eltern erlebt. Das ist eine tolle Ergänzung zum Bildungsangebot“, schwärmt Schulleiterin Martina Schmidt. Ihre Klassenlehrer hatten vor Ferienbeginn mit Climb-Mitarbeiterin Frederike Streese passende Kandidaten ausgewählt, Briefe an die Eltern verteilt und Schülern die Lernferien vorgestellt. „Wir finden es fair, den Kindern vorher zu sagen, dass sie hier lernen und wir ihnen zeigen, wie cool Schule sein kann“, sagt Streese.

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Am Ende des Tages dürfen sich die Einhörner gegenseitig Feedback-Briefe schreiben – da passiert es schon mal, dass alle einen Entschuldigungsbrief von ihrem Mitschüler erhalten – schließlich hatte der sich schlecht benommen.

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Redaktion Lokalredaktion,Online-Koordinatorin. Schwerpunkte: Polizei, Hochschulen, Frauen,