Krise - Laut Kinderschutzbund deutlicher Anstieg bei Beratungen / ZI: „Therapeuten ausgelastet“ „Leben vieler Familien durcheinander“

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Lea Seethaler
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„Wir bekommen die Kinder und Jugendlichen nicht mehr bei den niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychotherapeuten unter“, sagt Yvonne Grimmer, Oberärztin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim (ZI). Die niedergelassenen Psychotherapiepraxen von Mannheim bis Heidelberg seien durch hohe Nachfrage in der Krise ausgelastet. Und ja, beim Blick auf die Internetseiten der Mannheimer Therapeuten liest man unter den aktuellen Corona-Informationen von bis zu neun Monaten Wartezeit.

Ein Schild weist in der Kinder und Jugendpsychiatrie des Uniklinikums in Tübingen auf den Abstand im Warteraum hin. © DPA
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Doch besonders in der Phase, in der eine psychische Erkrankung noch ambulant behandelt werden könne, sieht Grimmer jetzt eine Verschärfung. Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen am ZI diagnostizieren normalerweise die Krankheitsbilder und überweisen die Kinder dann zu Therapeuten. Es sei besonders diese „mittlere Phase“, noch vor einer stationären Behandlung, in der sich die Situation jetzt zuspitze. „Viele Patienten kommen auch wieder zu uns zurück und brauchen dann doch eine medikamentöse Behandlung, weil sich der Zustand verschlimmert hat“, so die Oberärztin. Oder sie müssten stationär in der Psychiatrie des ZI aufgenommen werden: „Unsere Stationen sind nach wie vor voll“, sagt Grimmer.

Kontakt zu Beratungen

Die Beratungsstelle des Mannheimer Kinderschutzbundes (Tel. 0621/22011 oder E-Mail info@kinderschutzbund-mannheim.de) ist täglich geöffnet, persönliche Beratungsgespräche in allen Arbeitsbereichen und Begleiteter Umgang werden nach Voranmeldung unter Hygienemaßnahmen durchgeführt. Kontakt zum Elterntelefon, Kinder- und Jugendtelefon sowie zur Onlineberatung gibt es unter www.kinderschutzbund-mannheim.de

Um die vermehrten telefonischen Beratungsanfragen zu bearbeiten, hatte man die Beratungszeiten erweitert. „Die Online-Beratung hat um 40 Prozent zugenommen“, sagt Iris Krämer vom Kinderschutzbund Mannheim.

Weitere Ansprechpartner sind: Psychologische Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der Stadt Mannheim (Infos unter www.pb-mannheim.de)

Psychologische Beratungsstelle des Caritasverbandes (Kontakt per Tel. 0621/1 25 06-0 (Mo-Fr 9-12 Uhr, Mo-Mi 13-16 Uhr, Do 13-17 Uhr, Fr 13-15 Uhr) oder E-Mail an erziehungsberatung@caritas-mannheim.de.

Psychologische Beratungsstelle der Evangelischen Kirche (Telefon 0621/28-000, Informationen im Internet (www.ekma.de/Psychologische_Beratungsstelle).

Ehe-, Familien- und Lebensberatung der Katholischen Gesamtkirchengemeinde (Infos im Internet unter www.eheberatung- mannheim.de). see

Depression und Angst

Neben Depressionen und Angststörungen, litten insbesondere jüngere Kinder auch an psychosomatischen Beschwerden wie Bauch- und Kopfschmerzen. Isolation, Bedrohung, Ängste, fehlende Kontrolle über die Situation triggerten Depressionen, Angststörungen und teilweise auch Essstörungen. Gerade bei letzteren gäbe es zahlreiche Fälle, die bei Jugendlichen durch Corona bereits im ersten Lockdown begonnen hätten, so Grimmer. Auch diese verschärfen sich nun im zweiten Lockdown.

Die Perspektivlosigkeit, die dieser mit sich bringt, sieht Grimmer als sehr problematisch an. Was man neben einer geregelten Tagesstruktur und viel Bewegung selbst tun könne, sei sich selbst die kleinen Ziele zu setzen, die aktuell etwa aus der Politik fehlten: „Und sei es, dass man sagt, in dieser Woche bringe ich mir per Youtube etwas bei, was ich schon immer lernen wollte“, so Grimmer. „Zum Beispiel ein paar Akkorde auf der Gitarre lernen.“ So wandle man die Hilf- und Perspektivlosigkeit in die sogenannte Selbstwirksamkeit um. Das so entstehende Gefühl, Kontrolle zu erlangen, sei auch in der Behandlung und Vermeidung psychischer Erkrankung ein wertvolles und bewährtes Mittel, sagt Grimmer.

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Indes ist auch der Beratungsbedarf am Kinder-und Jugendtelefon und am Elterntelefon des Kinderschutzbundes deutlich angestiegen. „Während der Corona-Krise haben wir am Kinder- und Jugendtelefon in Mannheim sehr viel mehr Anrufe angenommen als in den Jahren zuvor“, so Iris Krämer, Vorsitzende des Deutschen Kinderschutzbundes Mannheim.

Seit Krisenbeginn habe man, auch per E-Mail, trotz geschlossener Schulen und Freizeiteinrichtungen weiter beraten. Das fände„sehr großen Zuspruch“, so Krämer. Immer wieder höre das Beratungsteam auch jetzt im zweiten Lockdown, „dass Eltern häufig sehr ungeduldig sind und Kinder und Jugendliche sich isoliert fühlen, unter den Kontaktbeschränkungen leiden.“

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Hier versuchen die Beraterinnen und Berater einen Rahmen zu schaffen, in dem Kinder und Jugendliche einen Ansprechpartner finden, mit dem sie „ohne Zeitdruck“ über ihre Sorgen, Probleme oder auch mal verstörende Gefühle sprechen können. Ebenso entwickle man gemeinsame Ideen und Strategien zur Entlastung ihrer bedrückenden Erfahrungen und Empfindungen“. Denn Anrufende machten sich große Sorgen und sprächen über Ängste: „Kinder haben oft Ängste und Schuldgefühle, ihr Leben und auch das vieler Familien ist vollkommen durcheinander geraten“, sagt Krämer. Je höher die Belastung der Eltern sei, desto eher komme es zu Stress in der Familie bis hin zu Gewalt gegen Kinder.

Erst Überforderung, dann Gewalt

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Gewalt sei Ausdruck der Überforderung und der Not der Erwachsenen. Für Kinder sei das eine kaum aushaltbare Situation: „Wenn das eigene Zuhause kein sicherer Ort mehr ist – umso mehr, wenn sie nicht ausweichen können.“ Also kein Kindergarten, keine Schule, kein Besuch bei einem Freund, kein Spielplatztreffen mit den Nachbarskindern. „Da ist es nicht überraschend, dass es häufiger Unterstützungsbedarf gibt, um Konflikte zu beruhigen und Krisen besser managen zu können.“

Manche Kinder wüssten auch nicht, an wen sie sich wenden sollen, wenn sich die unbearbeiteten Arbeitsblätter bei ihnen stapeln. Weil sie niemanden haben, der ihnen hilft und sie „alleine gelassen“ sind. „Jugendliche wiederum nehmen nicht wahr, dass ihre Sorgen gehört und sie in Gestaltungsprozesse eingebunden werden“, berichtet Krämer indes. Sie fühlten sich in der Diskussion um Corona und die damit verbundenen Maßnahmen auf ihre Rolle als Schüler, Azubis oder Studis reduziert.

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Redaktion Redakteurin und Online-Koordinatorin der Mannheimer Lokalredaktion