Polizei - Reiterstaffel soll „perspektivisch“ ab 2021 aus dem historischen Hofgut nach Bruchsal verlegt werden Land will Straßenheim aufgeben

Von 
Peter W. Ragge
Lesedauer: 
Im Einsatz in der Innenstadt: Polizeireiter auf den Planken. Noch sind sie in Straßenheim stationiert. © Christoph Bluethner

Mannheim. Hier ist es so still, dass man als Spaziergänger oft das Hufgeklapper und Wiehern hört. Doch bald könnte es im idyllischen Voglerhof in Straßenheim noch viel ruhiger werden: Die Landesregierung will die Reiterstaffel der Polizei, die in dem Hofgut stationiert ist, aus Mannheim abziehen. Sie halte daran fest, die Einheit „perspektivisch nach Bruchsal zu verlagern“, bestätigt ein Sprecher des Stuttgarter Innenministeriums.

Stellen und Einsätze

  • Die Reiterstaffel Mannheim umfasst 22,5 Personalstellen (davon 4,5 Tarifbeschäftigte). Zum letzten Stichtag Ende 2020 tatsächlich im Dienst waren insgesamt 21 Personen (davon 15 berittene Polizeibeamte).
  • Die Reiterstaffel Stuttgart (Ostfildern) hat 31 Stellen (davon 5 Tarifbeschäftigte), tatsächlich da sind 25 (davon 18 Polizeibeamte).
  • Damit ganzjährig beide Staffeln über 24 einsatzfähige Polizeipferde verfügen, müssen insgesamt 30 voll ausgebildete Tiere zur Verfügung stehen – wegen Ruhezeiten und Krankheit. Polizeipferde können erfahrungsgemäß durchschnittlich zehn Jahre eingesetzt werden. Ihre Ausbildung dauert eineinhalb Jahre.
  • Die Tarifbeschäftigten (Pferdewirtschaftsmeister) kümmern sich um klassische Stallarbeiten wie die Fütterung und die Pflege der Tiere.
  • Vom 1. Januar bis 30. November 2020 hat die Polizeireiterstaffel Mannheim insgesamt 470 Einsätze durchgeführt, davon 251 im Zuständigkeitsbereich des Präsidiums Mannheim und hiervon 108 im Stadtkreis Mannheim.
  • Im gleichen Zeitraum hat die Reiterstaffel Stuttgart insgesamt 463 Einsätze durchgeführt, davon 251 in der Landeshauptstadt Stuttgart.
AdUnit urban-intext1

Sie schrecken selbst vor lodernden Flammen nicht zurück, scheuen nicht beim Geräusch von Krachern oder lautem Geschrei, durchbrechen im Galopp eine Wand aus Papier, ertragen duldsam Schüsse und wildes Getümmel: Polizeipferde bleiben gelassen. Dass sie ihren Reitern absolut vertrauen, lernen sie in Straßenheim. Hier sind nicht nur die Tiere und ihre Reiter stationiert. Hier findet auch die Ausbildung statt, bis die Pferde an akustische wie optische Reize gewöhnt sind und den Beamten blind gehorchen, obwohl ihr Instinkt eigentlich auf Flucht programmiert ist. Bei Demonstrationen und Fußballspielen werden sie ebenso eingesetzt wie als Streifen in Naturschutzgebieten oder Städten.

Seit 1920 gibt es Belege für die Existenz einer Mannheimer Reiterstaffel, untergebracht erst in der Kaiser-Wilhelm-Kaserne und dann neben dem Schlachthof. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Ställe in Feudenheim (Talstraße) und Käfertal sowie am Ulmenweg genutzt, ab 1952 wieder der Schlachthof. 1984 hatte der damalige Polizeipräsident Willi Menz die Idee, den ohnehin dem Land gehörenden Voglerhof in Straßenheim, benannt nach dem letzten Besitzer, vor dem Verfall zu retten. Er brachte daher dort Hundestaffel und Reiter unter.

Protest von Weirauch

Doch die sind keine gemeinsame Einheit mehr. Die Hunde unterstehen weiter dem Mannheimer Präsidium, die Reiter indes seit der Polizeistrukturreform 2014 der Bereitschafspolizeidirektion Bruchsal. Die wiederum führt ebenso wie die Stuttgarter Polizeireiter das Polizeipräsidium Einsatz in Göppingen, zu dem alle Spezialeinheiten (Wasserschutzpolizei, Hubschrauber) zählen. Der Landesrechnungshof hielt in seiner Denkschrift 2019 zwei Standorte für Reiterstaffeln für überflüssig. So könne das Land Kosten und Personalstellen sparen. Der Landtag hat sich dem am 12. März 2020 angeschlossen und die Landesregierung aufgefordert, „die organisatorische Zusammenlegung an einem einsatztaktisch günstigen Standort zu prüfen“.

AdUnit urban-intext2

Darauf hat die Landesregierung nun geantwortet. Sie beruft sich dabei auf die Evaluierung der Polizeistrukturreform. Dabei seien beide Reiterstaffeln untersucht und „nach eingehender fachlicher Prüfung an der bisherigen Zwei-Standort-Lösung festgehalten“ worden. Allerdings soll nur die Dienststelle in Ostfildern beibehalten werden. Dagegen habe die Projektgruppe empfohlen, die Reiterstaffel Mannheim „zu einem späteren Zeitpunkt, nicht jedoch vor 2021“ zur Bereitschaftspolizei Bruchsal zu verlagern. Begründet wird dies mit dem „defizitären Zustand der Liegenschaft“, sprich Sanierungsbedarf in Straßenheim.

Zudem werde damit „einsatztaktischen Belangen besonders Rechnung getragen“, argumentiert das Innenministerium. Von Bruchsal aus ließen sich die Einsatzschwerpunkte Freiburg, Heidelberg, Karlsruhe und Mannheim schneller erreichen, Anfahrtswege würden „insgesamt reduziert“. Schließlich wolle man, was der Rechnungshof gefordert hat, „den flächendeckenden landesweiten Einsatz weiter forcieren“. Zudem gebe es Synergieeffekte bei Administrations- und Serviceaufgaben sowie gemeinsamem Training mit den Einsatzhundertschaften in Bruchsal. Dort laufen schon Planungen, neue Gebäude und Ställe zu errichten.

AdUnit urban-intext3

Der Mannheimer SPD-Landtagsabgeordnete Boris Weirauch zeigt kein Verständnis für die endgültige Entscheidung der grün-schwarzen Landesregierung, die Polizeireiterstaffel zu verlegen. „Das ist in keiner Weise nachvollziehbar“, so der Abgeordnete, der sich schon lange um das Thema kümmert.

AdUnit urban-intext4

Die Regierung gestehe selbst zu, dass die Rhein-Neckar-Region einer der zentralen Einsatzschwerpunkte der Polizeireiterstaffel sei, verweist Weirauch auf die Zahlen. „Die Reiterstaffel ist ein wichtiger Teil der Einsatzstrategie bei Großveranstaltungen, Demonstrationen oder Risikospielen im Fußball“, betont er und befürchtet, „dass ein Abzug zu weniger Einsätzen in Mannheim führt, was nicht ohne Auswirkungen auf die Sicherheit in unserer Stadt bleiben wird.“ Er werde daher „für unsere Reiterstaffel kämpfen“, kündigt der Sozialdemokrat an, das Thema nach der Landtagswahl nochmals zur Sprache zu bringen.

Mehr zum Thema

Kommentar Polizei-Reiterstaffel Mannheim: Ausbauen statt abziehen

Veröffentlicht
Von
Peter W. Ragge
Mehr erfahren

Polizei Mannheimer Reiterstaffel auf dem Prüfstand

Veröffentlicht
Von
pre
Mehr erfahren

Redaktion Chefreporter