Sütterlin-Schrift - Karlheinz Sausbier taucht in Schnörkelbuchstaben ein und überträgt alte Briefe, Erlasse und Dokumente Kulturgut als Buch mit sieben Siegeln

Von 
Waltraud Kirsch-Mayer
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Sütterlin-Spezialist Karlheinz Sausbier schaut sich durch die Lupe eine besiegelte Vollmacht an. Darunter liegt ein Tagebuch aus der Zeit um 1830. © Thomas Tröster

Mannheim. Als sich Karlheinz Sausbier vor rund 15 Jahren daran machte, in alten Kirchenbüchern und Tauflisten nach Ursprüngen seines ungewöhnlichen Nachnamens zu suchen, da stieß er bald an seine Grenzen: „Ich konnte die Eintragungen nicht lesen!“ Der Hausmeister beschloss, die Buchstaben mit den spitzen Winkeln und Rundbögen zu lernen. Seitdem haben ihn Sütterlin und die alte deutsche Schrift nicht mehr losgelassen.

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„Wir waren mal eine große Gruppe“, erzählt Karlheinz Sausbier wehmütig und zeigt Fotos. Als er zu der „Interessengemeinschaft Sütterlin Kurpfalz“ stieß, da gab es noch über 20 Frauen und Männer, die in der Lage waren, Feldpost aus dem Ersten Weltkrieg, Rezepte aus Uromas Kochbuch oder Poesiealben-Gedichte zu entziffern. Je kleiner die Gemeinschaft wurde, umso mehr wuchs bei dem heute 63-Jährigen die Erkenntnis, wie wichtig es ist, auch Jüngere zum Lesen alter Familienchroniken oder auf dem Dachboden aufgestöberter Schriftschätze zu befähigen.

1911 beauftragte das preußische Kultusministerium den Grafiker, ...

1911 beauftragte das preußische Kultusministerium den Grafiker, Buchillustrator und Lithograf Ludwig Sütterlin (1867 bis 1917) eine vereinfachte Form der Kurrentschrift für die Schule zu entwickeln. Die Buchstaben berücksichtigten auch den Wechsel vom Federkiel zur Stahlfeder.

Der aus dem Schwarzwald stammende, aber in Berlin wirkende Schriftentwickler hat sich ebenfalls als Kunstgewerbler einen Namen gemacht – beispielsweise mit Entwürfen für Firmenmarkenzeichen, Werbeplakaten und Glasgestaltung.

Wer mehr über die „IG Sütterlin Kurpfalz“ oder Kurse erfahren möchte, kann mit Karlheinz Sausbier Kontakt aufnehmen: Telefon 0621/2 62 56 oder Mail: ksausbier@t-online.de. wam

Bis 1941 als Schreibschrift gelehrt

„Sütterlin beherrschen eigentlich nur noch Menschen um die 90“, bedauert Karlheinz Sausbier. Bis 1941 war es selbstverständlich, dass die gut drei Jahrzehnte zuvor von dem Grafiker Ludwig Sütterlin entwickelte Schreibschrift für Schüler als vereinfachte Variante der Kurrentschrift gelehrt und im Alltag genutzt wurde. Aber dann kam der „Bormann-Erlass“.

Martin Bormann, Chef der Nazi-Parteizentrale, verbannte Sütterlin genauso wie die deutsche Kurrentschrift (von Bormann als „gotische Schrift“ bezeichnet) aus Druckerzeugnissen und mit neuen Schulbüchern auch aus dem Unterricht. Fortan sollte die Lateinschrift Antiqua als „Normalschrift“ gelten. Als vorgeschobene Begründung behauptete der „Stellvertreter des Führers“, die bisher gängige Form der Buchstaben hätte sich aus „Judenlettern“ entwickelt. Historiker sind jedoch überzeugt, dass die Verbote ganz andere, nämlich politisch-pragmatische Hintergründe hatten: In besetzten Kriegsgebieten sollte die einheimische Bevölkerung Anweisungen der Eroberer lesen können – was in deutscher Schrift kaum möglich gewesen wäre.

Einblicke in Lebensbedingungen

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In Geschichte und Geschichten eintauchen – das fasziniert Karlheinz Sausbier. Besonders berühren ihn Tagebücher, denen Menschen vor hundert und mehr Jahren ihre Erlebnisse und Gefühle anvertraut haben – ob im Krieg oder bei Auswanderungen. Über die „IG-Sütterlin“ kommt er immer wieder an Aufzeichnungen, die in irgendwelchen Kisten lagerten oder bei einem Umzug auftauchten – aber für die Finder so etwas wie ein Buch mit sieben Siegeln darstellen. Beispielsweise entziffert (fachlich ausgedrückt: transkribiert) der 63-Jährige gerade Berichte über eine Reise, die um 1830 per Kutsche durch Preußen führte. Unlängst hat ihm eine Familie aus dem Odenwälder Hirschhorn fünf Märchen gebracht, die wohl in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgeschrieben wurden. Ob diese „Es war einmal-Geschichten“ um ein Zauberschloss und vier Brüder einst privat für Kinder oder Enkel ausgedacht und notiert wurden oder schon damals überliefert waren, ist noch ungeklärt.

Vergilbte Protokolle, alte Erlasse oder besiegelte Vollmachten – auch trockene Behördentexte können in der Rückschau spannend sein, so Sausbier, weil sie Einblicke in die Lebensbedingungen unserer Vorfahren geben. Der leidenschaftliche Hobby-Schriftexperte hat einen Traum: das Etablieren einer Sütterlin-Stube, wie es sie bereits in anderen Städten gibt. Denn alte deutsche Schriften, die bereits Goethe und Schiller nutzten, sieht er als schützenswertes Kulturgut – „und das muss gepflegt werden“.

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Dass heutzutage kaum noch jemand Sütterlin beherrscht, ja als Geheimsprache missversteht, belegt eine schräge Geschichte, die sogar Gerichte beschäftigte. Die Groteske hatte damit begonnen, dass in der Justizvollzugsanstalt Celle ein Häftling, der alte Schriften beherrschte, seiner Verlobten Briefe in Sütterlin schrieb. Erst hielten Kontrolleure das seltsame Schriftbild für einen Code zum Austricksen der Zensur. Als dämmerte, dass es sich keineswegs um chiffrierte Texte handelte, wollte die Gefängnisleitung gleichwohl den Sütterlin-Briefwechsel verbieten – aus Kostengründen, weil die Post teuer transkribiert werden musste. Allerdings befand 2009 das Oberlandesgericht Celle, dass Sütterlin weder verdächtig noch geheim, sondern schlicht eine alte deutsche Schrift ist. Und deshalb durften Liebesbeteuerungen weiterhin in Schnörkelbuchstaben das Gefängnis verlassen.

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