Nationaltheater - 28 Mitarbeiter nähen zu Hause Mund- und Nasenschutzmasken und liefern sie an die Feuerwehr Kostümschneider im Hilfseinsatz

Von 
Peter W. Ragge
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Masken statt Kostüme: Manfred Scholz vom Nationaltheater und sein Team sind jetzt im Corona-Einsatz. © NTM

Sie müssten jetzt für „Le Sacre du Printemps“ nähen – aber die „Krönung des Frühlings“, wie man den Tanzabend übersetzt überschreiben könnte, findet ganz anders statt. Auch an die nächsten Opernpremieren, etwa „Tristan und Isolde“ mag keiner denken, ebenso nicht an das Schauspiel „Meine geniale Freundin – Teil 2“. Dafür realisieren die Kostümschneider des Nationaltheaters eine andere geniale Idee: Sie nähen jetzt Schutzmasken.

Nähanleitung

  • Man benötigt: ein Stück dichten Baumwollstoff 40 x 20 cm, 2 x 100 cm und 1 x 20 cm Stoffband, 2 cm breit, alles bei mind. 60 Grad waschbar, sowie Faden, Schere, Nähmaschine
  • Wichtiger Test vorab: Kann man durch den doppelt gelegten Stoff gut atmen?
  • Stoff auf die Größe 40 x 20 cm zuschneiden und in der Mitte auf 20 x 20 falten, mit drei gleichmäßig verteilten Querfalten raffen und mit Stecknadeln feststecken.
  • Alle Kanten abnähen und das Stoffband an der oberen und an beiden Seiten (je 100 cm) mittig festnähen.
  • Die Maske sollte eng anliegen und Nase und Mund bedecken
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„Wir haben die Fähigkeiten, das Material, die Leute – dann können wir das doch jetzt in der Krise auch nutzen, wenn anderswo Mangel herrscht“, dachte sich Nele Haller, Mitarbeiterin des Geschäftsführenden Intendanten. Sie regte die Werkstätten des Theaters an, sich auf diese Weise zu engagieren – zumal es auch einen Aufruf der Gesellschaft der Theaterkostümschaffenden, kurz GTKos, dazu gab.

Nichtstun macht mürbe

„Klar machen wir das gerne“, so Manfred Scholz, der Leiter des Kostümwesens. In den 70-er Jahren hat er in einer Maßschneiderei den Beruf des Herrenschneiders erlernt, seit 1980 ist er am Nationaltheater. „Völlig ungewöhnlich“ sei derzeit die Situation, so der Chef der Schneider und Ankleider, stellen doch am Mannheimer Nationaltheater die Mitarbeiter des Kostümwesens die Kostüme nicht nur her, sondern helfen den Solisten am Abend auch, sie anzulegen. So gar nichts zu tun zu haben, und das ohne Spielzeitferien, sei schon „komisch und auch belastend“. „Es bleibt alles liegen!“, seufzt Manfred Scholz.

Die Kollegen seien daher sofort auf den Vorschlag eingegangen, nun Masken zu nähen: „Die sind dankbar, dass sie etwas zu tun bekommen, denn es macht auf Dauer mürbe, wenn man nicht arbeiten darf“, so Scholz. Freilich sei „diese Aufgabe weit weg von der eigentlichen Arbeit“, denn statt um Kreativität und Schönheit geht es jetzt um Masse und Schnelligkeit.

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Aber schön sind die Masken dennoch – und bunt. „Was an waschbarem Baumwollstoff da war, habe ich herausgesucht, alle vorhandenen Reste entsprechend zugeschnitten“, so Scholz, der all seine Vorräte dafür nutzte: „Was ’raus kann, habe ich ’rausgegeben“, betont er: „Grau, schwarz, weiß, beige, bunt – alle Farben!“, zählt er auf. Dazu kamen die Bänder, auch da hatte er genug Vorräte auf Lager.

Er packte die Stoffe zu Päckchen – denn genäht wird nicht im Werkhaus des Nationaltheaters. Dort säßen die Schneiderinnen und Schneider viel zu eng zu zusammen. Sie nähen vielmehr zu Hause. 28 seiner Kolleginnen und Kollegen machen derzeit mit. „Fast alle haben Nähmaschinen zu Hause“, berichtet Scholz, und in vier Fällen habe er Maschinen vom Theater auch in die Wohnungen der Kollegen geliefert, damit sie mitmachen können. Pro Maske brauche man 15 Minuten, „aber mit der Routine wird man schneller“, so Scholz. Das Nationaltheater liefert die Masken an das Katastrophenschutzlager der Berufsfeuerwehr, am Montag schon 600 Stück.

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Die genähten Exemplare entsprechen zwar nicht der Norm für den Einsatz im medizinischen Bereich, die Feuerwehr ist aber dennoch sehr dankbar für diese Hilfe. Verwendet werden die Masken im gesamten Bereich der Stadtverwaltung, wo jeweils Bedarf besteht.

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Die Mannheimer Medizinerin Adelheid Weiss – lange Oberärztin am Klinikum und zehn Jahre Stadträtin – plädiert dafür, dass derzeit alle Menschen in der Öffentlichkeit solche selbstgenähte Masken tragen. „Durch das Tragen schützt sich zwar niemand vor einer Infektion“, stellt sie klar – aber es gebe zwei andere wichtige Wirkungen: „Es gibt viele Menschen, die infiziert sind, aber es nicht oder noch nicht wissen, weil sie keine Symptome haben, die geben das Virus aber durch Tröpfcheninfektion bereits weiter“, warnt sie. Dieser Mundschutz könne also sehr helfen bei der so wichtigen Minderung der Fallzahl der Neuinfizierten und der Verbreitung des Virus. Ferner verhindere die Maske, „dass wir uns mit kontaminierten Händen an den Mund fassen“, so die Ärztin. „Zudem ist das Tragen von Nasen- und Mundschutz auch ein Zeichen der Solidarität, des Zusammengehörigkeitsgefühls in schwerer Zeit“, so Weiss.

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