Gremien - Protestanten entscheiden am 1. Dezember über Kirchenälteste / Mitglieder mehrfach per Postkarte angeschrieben Kirchen bitten zur Wahl

Von 
Roland Schmellenkamp
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Die protestantische Christuskirche in der Oststadt, hier ein Bild aus dem November 2017. © Zinke

Dass es bei den „Evangelischen“ Kirchenälteste gibt, ist weithin bekannt. Doch welche Bedeutung und Aufgaben sie haben, dass sie gewählt werden und dass sie auch sehr jung sein können, ist eher unbekannt. Am 1. Dezember finden die nächsten Kirchenwahlen in Baden statt, rund zwei Millionen Protestanten wählen 4500 Kirchenälteste – allein für Mannheim sind es rund 62 000 Wahlberechtigte und 240 Kirchenälteste.

Abstimmung per Brief

  • Alle sechs Jahre werden die Kirchenältesten gewählt. Die Wahl am 1. Dezember findet per Brief statt, die Unterlagen dazu werden bis zum 15. November verschickt.
  • Protestanten ab 14 Jahren können wählen, das entspricht dem Alter, in dem sie sich konfirmieren lassen und damit ins kirchliche Erwachsenenalter eintreten. Kandidieren können sie mit 16 Jahren.
  • Die ehrenamtlichen Kirchenältesten stellen in allen Gremien bis zur Staatssynode jeweils mehr als die Hälfte der Mitglieder.
  • Zusammen mit den Pfarrern bilden die Kirchenältesten den Ältestenkreis. Dessen Größe hängt von der Anzahl der Gemeindemitglieder ab. Der Ältestenkreis trifft sich meist einmal im Monat und bestimmt über den Haushalt der Gemeinde, Gebäude, Rechtliches und Personal (zum Beispiel in Kindergärten). RoS
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Diese Wahl sieht die evangelische Landeskirche als eine Chance zur Kontaktaufnahme mit ihren Mitgliedern. Für 2019 geht sie neue Wege – erstmals werden alle wahlberechtigten Kirchenmitglieder persönlich mehrfach angeschrieben. Als Postkarte und Faltblatt geht es in vier Varianten für vier Altersgruppen um Themen, die ein mögliches Lebensmotto aufgreifen – beispielsweise „Neu ausrichten“ für Menschen um die 45. Der erste „Impuls“ ist bereits als Postkarte in den Haushalten angekommen.

Aus diesem Anlass fand am Donnerstag im Gemeindezentrum der Johannisgemeinde auf dem Lindenhof ein Medientermin statt. Dort betonte Herbert Propfe, Kirchenältester der Johannisgemeinde: „Die Kirchengemeinden sind dazu aufgerufen, Menschen in allen Lebenslagen zu betreuen.“ Die Tätigkeit der Kirchenältesten sei vielfältig: Er nannte die Bereiche Flüchtlingsarbeit, Kindergarten, Senioren, Budgetverwaltung und die Erzielung von Einnahmen. Wichtig sei, die ehrenamtlich Tätigen zu motivieren – auch wenn es, anders als in seinem Betrieb, viele Gremien gebe, die an Entscheidungen beteiligt sind: „Ich habe gelernt, dass die Prozesse in der Kirche völlig anders laufen.“ Das könne auch mal zu Frustration führen. Er lobte die Arbeit von Pfarrerin Susanne Komorowski, die nach den Regeln der Landeskirche von den Kirchenältesten in ihr Amt gewählt wurde.

Gottesdienst-Qualität verbessert

Diese nannte weitere Beispiele für die Arbeit der Kirchenältesten: So sei in dem Gremium 15 Jahre an einer besseren Qualität der Gottesdienste gearbeitet worden, und im Lutherjahr 2017 entstand eine handschriftliche „Altarbibel“, aus der in Gottesdiensten vorgelesen werde. Jeder mache, was er könne und gern tue. Deshalb lägen auch Bereiche brach, wie lange Zeit das Thema Energieeinsparung, zu dem es jedoch nun eine Arbeitsgruppe gebe.

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Pfarrerin Komorowski erklärte, dass in der Johannisgemeinde zehn Mitglieder als Kandidaten für die Wahl zu Kirchenältesten gewonnen wurden. Dafür seien viele angesprochen worden, denn „Kandidaten rennen uns nicht die Bude ein“. Kurios: Einer der Angesprochenen – seit Jahren Kirchgänger und ehrenamtlich engagiert – hat sich als Katholik herausgestellt, ein anderer als konfessionslos. Doch es ist Voraussetzung, Protestant zu sein.

Ralph Hartmann, Dekan der evangelischen Kirche Mannheim, betonte: „Das Ehrenamt ist ein großer Schatz und Rückgrat der Kirche.“ Allein in Mannheim seien 4000 Menschen ehrenamtlich bei der evangelischen Kirche engagiert. Die Arbeit der rund 240 Kirchenältesten sei dabei „die Intensivform“. Diese würden zusammen mit den Pfarrern und Gemeindediakonen die Gemeinde leiten und Entscheidungen fällen: „Die Kirchenältesten übernehmen Verantwortung. Dabei sind wir sehr demokratisch verfasst.“ Bei dem Engagement gebe es auf der einen Seite viel Freude, wenn Dinge vorangebracht werden, jedoch auch unangenehme Entscheidungen – beispielsweise bei der Gebäudeplanung. Da gehe es auch um Rückbau. Seine Beobachtung: „Oft sind die ehrenamtlich engagierten Mitglieder auch beruflich stark eingebunden.“

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Bei der Landeskirche ist Bernd Lange Projektleiter für die Wahlen. Dieser erläuterte, dass die Kosten dafür bei rund 1,60 Euro pro Wahlberechtigten der Landeskirche liegen: „Auf unsere Postkarten haben wir viele positive Rückmeldungen erhalten, aber auch kritische. Manche meinten, dass das Geld sinnvoller verwendet werden könnte.“ Als nächstes werden Faltblätter versendet, etwa an junge Menschen ein Manga-Comic. Der Begriff „Kirchenältester“ ist etwas irreführend, denn Protestanten können ab 16 Jahren als solche gewählt werden. Doch konkrete Pläne, dies zu ändern, gibt es laut Bernd Lange nicht.