Frauen und Kinder in Not - Beratungsstellen, Mädchennotruf und Frauenhäuser fürchten einen Ansturm nach der Krise Kaum Hilferufe – ein schlechtes Zeichen

Von 
Lisa Wazulin
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Beunruhigende Funkstille: Viele misshandelte Frauen und Mädchen können nicht zuhause offen telefonieren– weil der Täter mithören könnte. © dpa

Mannheim. Einen kurzen Moment zu finden, um zu berichten, was ihr zugestoßen ist, scheint fast unmöglich. Besonders, wenn der Täter nebenan auf dem Sofa sitzt und die Familie zuhören kann. „Da gibt es Mädchen ohne eigenes Zimmer, die zwar die Nummer des Notrufs wählen. Aber sich dann nicht anvertrauen, weil etwa der große Bruder nicht von ihrer Seite weicht“, sagt Martina Schwarz, Leiterin der psychologischen Beratungsstelle des Frauen- und Mädchennotrufs in Mannheim.

Zahlen über sexuell misshandelte Mädchen und Anlaufstellen

  • Die Mannheimer Beratungsstelle Notruf für sexuell misshandelte Frauen und Mädchen hat 439 Fälle im Jahr 2019 bearbeitet.
  • Beratungsanlass: In 178 Fällen psychische, physische und soziale Folgen von sexuellem Missbrauch.
  • In 150 Fällen der Verdacht auf sexuellen Missbrauch, davon zeigten in 53 Fällen Kinder übergriffiges Verhalten auf andere Kinder. In 49 Fällen ging es um die akuten oder langfristigen Folgen von Vergewaltigung. Um sexuelle Belästigung, Nötigung und andere Formen von Gewalt ging es in 62 Fällen.
  • 276 Kinder und Jugendliche waren jünger als 18 Jahre. Davon waren 49 Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren; 54 Kinder waren im Alter von zwölf bis 15 Jahren, 117 Kinder waren sechs bis zwölf Jahre alt und 56 Kinder im Krippen- und Kindergartenalter, unter sechs Jahren. 150 Frauen waren über 18 Jahre alt.
  • Notruf und Beratung für sexuell misshandelte Mädchen: 0621 /100 33, per E-Mail an team@maedchennotruf.de. Sprechzeiten: Mo. bis Mi. jeweils von 9 bis 17 Uhr, Do. 10 bis 16 Uhr und Freitag 10 bis 14 Uhr.
  • Fraueninformationszentrum: Unter der Woche von 9 Uhr bis 12 Uhr, mittwochs von 16 bis 18 Uhr unter 0621/ 37 97 90 erreichbar. Per E-Mail unter: fraueninformationszentrum@t-online.de
  • Mannheimer Frauenhaus e.V.: 0621/74 42 42, E-Mail: fachbereich-frauen@frauenhaus-fiz.de. Offen von Mo. bis Do., 9 bis 15 Uhr, Freitag 9 bis 12 Uhr. Nachts zwischen 20 und 6 Uhr sowie an Wochenende/Feiertagen von 20 bis 12 Uhr.
  • Frauen- und Kinderschutzhaus Heckertstift: 0621/41 10 68 oder unter 0800/ 100 81 21 und per E-Mail: heckertstift@caritas-mannheim.de. Mo. bis Do. von 9 Uhr bis 17 Uhr und freitags von 9 Uhr bis 16 Uhr. 
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Weil Kitas, Schulen und Vereine wochenlang geschlossen waren, ist es für die Beraterinnen schwierig geworden Mädchen, die misshandelt werden, überhaupt zu erreichen. Sie dürfen nur telefonisch helfen. Denn noch immer sind die Beratungsstellen geschlossen. Vor der Corona-Krise waren es Lehrerinnen, Erzieherinnen, die Tante oder die Nachbarin, die merkten, dass etwas mit einem Kind nicht stimmt – und den Kontakt zur Beratungsstelle vermittelten. Seit der Corona-Krise aber ist es still geworden, nicht viele Mädchen wählen aus eignem Antrieb den Notruf – ein schlechtes Zeichen, weiß die Leiterin: „Je näher ein Täter bei einem Kind ist, desto weniger erzählen sie davon.“Ähnlich ergeht es auch Frauen, die von ihrem Partner geschlagen, gedemütigt oder misshandelt werden – Kontakt zu ihnen aufzubauen, ist schwer geworden, die Beratung am Telefon kompliziert. „Die Hemmschwelle ist viel höher als sonst.

Viele Frauen können nicht einmal anrufen, weil der Mann ständig Zuhause ist“, sagt Annette Heneka vom Fraueninformationszentrum (FIZ), der Beratungsstelle des Vereins Mannheimer Frauenhaus. Anwärterinnen, die hier im Frauenhaus aufgenommen werden, müssen zuvor für einige Tage in einer Schutzwohnung außerhalb bleiben. Sie werden dann vom Gesundheitsamt getestet, um die Ansteckungsgefahr im Haus zu verringern. „Für viele ist das kompliziert, sie wollen ja schnell weg. Ausziehen ist auch schwer, weil wegen Corona kaum Besichtigungen stattfinden“, berichtet Heneka.

In diesen Tagen eint die Beratungsstellen und Frauenhilfsnetzwerke eine dramatische Befürchtung: Dass durch die häusliche Isolation das Risiko für Frauen und Kinder steigt, misshandelt, vergewaltigt oder missbraucht zu werden. Was aber sagen die Zahlen, wie ist die Lage bei denen, die täglich Hilfe bieten? Ein Anruf bei Geschäftsführerin Nazan Kapan vom Verein Mannheimer Frauenhaus zeigt: Zurzeit sind zwölf von insgesamt 23 Plätzen belegt, sechs Frauen und sechs Kinder haben hier Zuflucht gefunden, wohnen aus Hygienegründen in einzelnen Apartments. Ähnliches berichtet Ruth Syren, Leiterin vom Frauen- und Kinderschutzhaus Heckertstift. Hier hat es bereits einen Corona-Fall gegeben. Die Nachfrage ist in beiden Häusern seit März nicht gestiegen, sondern im Gegenteil – sogar rückläufig. „Das verwundert, weil wir alle mit einem Anstieg gerechnet haben“, sagt Kapan. Ihre Erklärung: Die übergeordnete Gefahr, möglicherweise an Covid-19 zu erkranken, hat viele Frauen ausharren, sogar Schläge und Demütigungen ertragen lassen. Hinzu käme die Angst, sich im Frauenhaus anzustecken. „Wenn mit den Lockerungen die Anspannung abfällt, bricht die unterdrückte Not wieder aus. Wenn ein Ansturm kommt, können wir den nur schwer bewältigen“, befürchtete Kapan noch vor wenigen Wochen, als noch keine Soforthilfen vom Land in Sicht waren.

Grüne fordern engen Austausch

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Dass die Dunkelziffer hoch ist, davon ist auch die Fraktion der Grünen im Gemeinderat überzeugt. Sie fordern daher per Antrag „Soforthilfen und den Ausbau von Angeboten für Frauen und Kinder in Notsituationen.“ Darin sollen etwa Kosten für Unterkunft, Lebensmittel oder Hygieneartikel für Kinder finanziert werden. Auch soll mehr Geld für Einrichtungen und Beratungsstellen bereitstehen. Regelmäßig sollen die Stellen mit der Polizei über die aktuelle Situation und die nötige Unterstützung berichten. Aktuelle Bedürfnisse wegen Corona sollen mit ins Hilfspaket aufgenommen werden.

Dass viele Mädchen ihre Erlebnisse erst teilen, wenn Schule, Kita und Vereine wieder öffnen, davon ist die Leiterin des Frauen- und Mädchen Notrufs überzeugt. Denn erst, wenn Lehrer ihre Schüler, Erzieher ihre Kinder wiedersehen, wird sichtbar, welche seelischen Schäden die Kinder davongetragen haben.

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Redaktion Lokalredaktion,Online-Koordinatorin. Schwerpunkte: Polizei, Hochschulen, Frauen,