Amerika - Alfred-Delp-Gesellschaft freut sich über Erwähnung des Widerstandskämpfers. Joe Biden zitiert Mannheimer Jesuit

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Peter W. Ragge
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Der neue US-Präsident Joe Biden ist eng befreundet mit einem Jesuitenpater mit Bezügen zur Kurpfalz © dpa

Mannheim. Ein amerikanischer Präsident, der in einer Rede einen Mannheimer zitiert? „Es klingt unglaublich, aber es war so – und hat mich erst mal aus dem Sessel gehauen“, sagt Roland Hartung, Gründungsvorsitzender der Alfred-Delp-Gesellschaft. Tatsächlich hat der neue US-Präsident Joe Biden sich bereits in seiner Weihnachtsansprache auf den Mannheimer Jesuitenpater Alfred Delp berufen. Und ein anderer Jesuit mit Bezügen zur Kurpfalz wird am Mittwoch bei der Amtseinführung von Biden die Festrede halten.

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Es hat ein bisschen gedauert, bis sich das, was der designierte amerikanischen Präsidenten Joe Biden in seiner Weihnachtsrede am 22. Dezember 2020 in Wilmington, Deleware, sagte, nach Mannheim herumsprach. Doch dann ging Peter Kern, ehemaliger Bürgermeister von Limburgerhof und seit 2019 Vorsitzender der Alfred-Delp-Gesellschaft, der Sache nach – und staunte.

Tatsächlich hatte Biden ausdrücklich den Namen von Delp erwähnt, ihn auch korrekt als Jesuit bezeichnet und ihn zitiert: „Advent ist eine Zeit der Erschütterung, in der der Mensch wach werden soll zu sich selbst.“ Geschrieben hat Delp das 1944 im Gefängnis – mit gefesselten Händen, wenige Wochen vor seiner Hinrichtung durch die Nationalsozialisten in Berlin-Plötzensee.

Erst nach dieser Erschütterung, so Delp, sei man bereit für den Advent, für die Hoffnung. Und auch Biden wollte mit seiner Rede der zerrissenen Gesellschaft Amerikas Hoffnung machen auf die Zeit nach Donald Trump. Da gelte es, gesellschaftliche Gräben zuzuschütten.

Rede in Ludwigshafen

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Kern freute sich, dass der künftige US-Präsident Delp zitiert – aber er fragte sich, wie er ausgerechnet auf den Mannheimer Jesuiten kam. Schließlich ist sein Ziel, „allem nachzugehen, was mit Alfred Delp nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in der Gegenwart zusammenhängt“, beschreibt er seine Aufgabe als Vorsitzender: „Damit möchte ich erreichen, dass er nicht der Vergessenheit anheimfällt!“

Und er ist offensichtlich nicht vergessen – nicht einmal jenseits vom großen Teich. Kern stieß dann darauf, dass Biden, nach John F. Kennedy erst der zweite katholische Präsident in der Geschichte der USA, mit dem Jesuiten Leo O’Donovan, ehemaliger Präsident der Georgetown Universität, befreundet ist. 2015 leitete dieser die Trauermesse für Bidens ältesten Sohn Beau, der im Alter von 46 Jahren an einem Hirntumor gestorben war. Studiert hat O’Donovan in Münster unter Karl Rahner. Am Mittwoch wird er bei der Zeremonie zur Amtseinführung von Biden sprechen.

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O’Donovan (87) hatte Anfang Dezember im „National Catholic Reporter“ (NCR) einen Artikel geschrieben, in dem er seine zwei Vorbilder darstellt: Alfred Delp und Pedro Arrupe (den früheren „General“ der Jesuiten). Somit war für Peter Kern der Zusammenhang mit Bidens Weihnachtsrede klar.

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Roland Hartung wiederum erinnert sich gut, wie ihm der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl, mit dem er ja gut befreundet war, von seinen Begegnungen mit genau diesem amerikanischen Jesuiten berichtete. Leo J. O’Donovan und Kohl seien sich mehrfach begegnet, der Pater sprach 2006 im Heinrich-Pesch-Haus und kam auch zum Trauerakt für den früheren Regierungschef 2017 im Dom in Speyer.

Bei seinem Besuch Kanzler Kohls in Berlin am Jahrestag des Mauerfalls 2009 habe O’Donovan nach Alfred Delp und seiner Hinrichtungsstätte gefragt. Der Kanzler führte den Pater nach Plötzensee zur Hinrichtungsstelle mit den Fleischerhaken, an denen die Nazis ihre Gegner aufhängten. „Der Pater ist niedergekniet, und Kohl war zutiefst berührt, ja erschüttert, das hat er mir mehrfach erzählt“, weiß Hartung noch.

Jahrbuch mit Papst-Beitrag

Hartung, ehemaliger Vorstandschef der MVV Energie und zuvor Vorsitzender der CDU-Gemeinderatsfraktion, hatte 2005 mit dem Theologen Günther Saltin und 17 weiteren Mannheimern sowie Angehörigen Alfred Delps die Initiative ergriffen, die Erinnerung an diesen großen Geistlichen und Märtyrer wachzuhalten. Hartung fungierte lange als Vorsitzender der Delp-Gesellschaft.

Nun führt sie Kern, und zum 75. Todestag hat er den Band 11/12 des Alfred-Delp-Jahrbuchs herausgegeben. Davon will er nun je ein Exemplar an O’Donovan sowie an den neuen US-Präsidenten senden.

Zu den mehr als 50 Autoren, die dafür Beiträge über Delp und seine heutige Bedeutung verfassten, zählen nicht nur Kardinal Marx, mehrere Bischöfe, Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, sein Vorgänger Wolfgang Thierse, Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, sowie prominente Kirchenkritiker wie Eugen Drewermann. Es ist Kern sogar gelungen, den emeritierten Papst Benedikt XVI. als Gastautor zu gewinnen. Der wirkte nämlich 1950/51 als Kaplan in München-Bogenhausen in einer Pfarrei, in der Delp einst lebte. „Das Gedenken an diese große Gestalt eines Zeugen Jesu Christi ist wichtig, ja geradezunotwendig“, schreibt der frühere Papst in dem Buch zu Delp.

Redaktion Chefreporter