Behinderung - Sabrina Bertsch hat tägliche Fragen aus ihrem Beruf verarbeitet / Übersetzung geplant / Zugespitzte Situation durch Krise Inklusion mal anders: vom Post-It zum Ratgeber

Von 
Lea Seethaler
Lesedauer: 

Was eint ein früh geborenes Baby, eine blinde Frau und einen autistischen Jungen? Sie alle haben einen Förderbedarf – besonders in Betreuung und Bildung. Doch was, wenn Angehörige dabei in Bürokratie versinken? Sabrina Bertsch hat einen Ratgeber verfasst, der Abhilfe schaffen soll.

Sabrina Bertsch hat ihre berufliche Erfahrung in einem Buch in Ratgeberform festgehalten. © Sabrina Bertsch
AdUnit urban-intext1

Irgendwann hat sie angefangen, Fragen, die sie bei ihrer Arbeit häufig gestellt bekam, aufzuschreiben. „Das ganze Büro war voller Post-Its“, erzählt sie. Sie arbeitet als Teamleiterin Inklusion und Heilerziehungspflege in Mannheim. Bertschs Aufgabe ist es, Betreuende für behinderte Kinder und Jugendliche für Schule und Kindergarten zu vermitteln. Sogenannte Inklusionsbegleiter. Denn egal, ob ein Kind nach Mobbing oder nach sexuellem Missbrauch Probleme in der Schule hat, als Frühchen keinen Schluckreflex besitzt und unterstützt werden muss – oder ein junger Erwachsener mit Körperbehinderung in der Schule gewickelt werden muss: Die Teilhabe in Kindergarten und Schule soll dank Inklusionsbegleiter gewährleistet sein.

Über die Autorin und den Ratgeber

Sabrina Bertsch ist 1980 in Heidelberg geboren und lebt mit ihren drei Töchtern in Leutershausen.

Als ausgebildeter Inklusionscoach arbeitet sie seit 2015 bei der VHF Vereinigung für Hauspflege und Familienhilfe Mannheim.

Den Ratgeber „Inklusion auf Augenhöhe“ gibt es im Netz für 14,95 Euro bzw. im Angebot für 9,95 Euro zu bestellen unter www.inklusions-ratgeber.de/. Bertsch hat ihn rund 800 Mal auch in mehrere deutsche Städte und ins Ausland verkauft.

In Mannheim befasst sich das „Forum Behinderung“ mit dem Inklusionsprozess – es läuft eine Beteiligungsaktion, bei der Bürger angeben können, was bei diesem Thema in der Quadratestadt noch angegangen werden müsste. Mitmachen kann man unter www.mannheim-gemeinsam-gestalten.de. Einen Ratgeber der Stadt zum Thema Behinderung gibt es unter www.cutt.ly/Ok8YO5I see

Einfache Sprache

Durch Neuerungen im Gesetz haben immer mehr Kinder Anspruch auf das Besuchen einer Regelschule mit einer solchen Schulassistenz. Das macht sich auch bei Bertschs Arbeit bemerkbar: Als sie vor vier Jahren die Abteilung übernahm, gab es 13 betreute Kinder und vier Mitarbeiter. Heute sind es 100 Kinder mit 70 Schulbegleitern.

Doch für den Beruf des Inklusionsbegleiters gibt es keine Ausbildung. „Es ist ein Quereinsteigerberuf“, sagt Bertsch. „Dementsprechend gibt es auch keine Richtlinien.“ Aber im Berufsalltag begegneten der Teamleiterin stets dieselben Fragen: Welche Aufgaben dürfen die Schulbegleiter übernehmen? Dürfen sie Medikamente geben? Was sollen die Schulbegleiter mit den Kindern erreichen? Die Fragen kommen von Eltern wie Erziehern. Aber auch von Lehrenden der Sonder- und Regelschulen. Und von Bertschs Mitarbeiterinnen. Mitunter hatten auch Leitungen von Einrichtungen Klärungsbedarf.

Extremsituation in der Betreuung

AdUnit urban-intext2

Bertschs Ratgeber will in einfacher Sprache grundlegende Begriffe und Sachverhalte klären. Zum Beispiel: Wer ist eine Fachkraft für Inklusion? Was darf sie? Was ist überhaupt eine pädagogische Aufgabe? Es finden sich im Buch auch Vorlagen für Dokumente, die die Kommunikation, besonders zwischen Pädagogen und Inklusionsbegleiter vor Ort, erleichtern sollen. Zum Beispiel bei Medikamentengabe – etwa in einer Schule. Im Bedarfsfall jedes Mal einen Pflegedienst für diese kommen zu lassen, sei für alle Beteiligten aufwendig, erklärt Bertsch. Daher gibt es in ihrem Buch vorgedruckte Musterexemplare für Vereinbarungen. Oder Hinweise auf ärztliche Verordnungen. Denn oft gebe es bei Beteiligten – auf allen Seiten – „hohe Erwartungen“. Um hier „Defiziten und Diskussionen“ aus dem Weg zu gehen, seien diese Absprachen wichtig. Und besser für alle, so Bertsch.

Ihr Ratgeber wird in Corona-Zeiten vermutlich mehr denn je gebraucht, vermutet sie. Denn Sonderschulen haben offen, Regelschulen aber noch nicht. Und in genau denen sitzen aber eben auch die Kinder mit Behinderung. „Die Eltern von diesen Kindern sind wirklich stark an der Überforderung“, so Bertsch. „Ich bin alleinerziehend und habe zum Glück drei gesunde Kinder.“ Aber mit Internet und Homeschooling, da komme man ja schon als gesunder Mensch an seine Grenzen, so Bertsch. „Da frag ich mich manchmal, wie das Menschen machen, die drei, vier gesunde Kinder haben und dann noch ein autistisches Kind, das sich den Kopf am Schreibtisch blutig haut.“

AdUnit urban-intext3

Die Eltern seien hier aktuell auch schlecht informiert, stellt Bertsch fest. „Jeder Mensch mit Behinderung hat ab Pflegegrad 0 Anspruch auf zusätzliche Betreuungsleistungen, da gibt es ein monatliches Budget von der Kasse, gerade für solche Fälle, wenn Eltern auf dem Zahnfleisch gehen.“

AdUnit urban-intext4

Doch viele Eltern wüssten nicht, wie man die Anträge stellt, viele hätten eine Sprachbarriere, weshalb Bertsch aktuell eine Übersetzung ins Türkische plant. Wieder andere schreckten vor dem Bürokratischen zurück und stellten erst gar keinen Antrag. Darunter leide dann besonders das Kind – aber auch die ganze Familie. „Es wird sich irgendwann verlagern, alles, was jetzt untergegangen ist, wird sich in häusliche Gewalt wandeln“, vermutet Bertsch sogar. Alle Beteiligten täten zwar ihr Bestes, hier vorher Problematiken abzufedern – und Eskalationen zu vermeiden. Doch das sei kräftezehrend. Während des Gesprächs mit dieser Redaktion klingelt bei Bertsch oft ein anderes Telefon. „Wir haben eine Rufbereitschaft eingerichtet“, sagt sie, darauf angesprochen. „Mittlerweile ist es so, dass das Telefon rund um die Uhr klingelt.“ Zum Beispiel, weil Lehrer Fragen hätten. „Oder weil sie sagen: Was können wir hier machen? Ich mache mir um das Kind Sorgen.“ Besonders sorgen Bertsch hier Situationen, in denen noch Armut hinzukomme: Dadurch fehlten Familien die technischen Möglichkeiten für eine Heimbeschulung.

Doch Bertsch bleibt dran: Und arbeitet daran, dass ihre Inklusionshelfer sich irgendwann „selbst arbeitslos machen“, wie sie scherzhaft sagt. Weil ein Kind die Schule dann vielleicht allein besuchen kann.

Redaktion Redakteurin und Online-Koordinatorin der Mannheimer Lokalredaktion