Im dichten Qualm Sturm über den Rhein

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Amerikanische Soldaten überqueren im März 1945 nördlich von Mannheim bei Sandhofen den Rhein. © Marchivum (2), Michael Ruffler, Klaus Schillinger, Markus Prosswitz, Privat

Am 29. März vor 75 Jahren ist in Mannheim der Zweite Weltkrieg zu Ende – sechs Wochen, bevor Deutschland offiziell kapituliert. Amerikanische Soldaten, die das Wasserwerk Käfertal erreicht haben, bekommen die Übergabe der Stadt telefonisch angekündigt. Das gilt als einmalig in der Kriegsgeschichte.

Traurige Zahlen

  • Am Ende des Zweiten Weltkriegs hatte Mannheim 1986 Opfer durch Bombenangriffe und insgesamt 2144 zivile Tote zu beklagen – im Verhältnis zu den massiven Luftangriffen relativ wenig durch die vielen Bunker.
  • Zwischen 1940 und 1945 gab es 304 Luftangriffe. Dabei gingen 25 000 Tonnen Spreng- und Brandbomben nieder. Danach war die Bausubstanz zu drei Viertel zertrümmert, die Hälfte der Wohnungen unbrauchbar. Fünf Tonnen Schutt bedeckten die Stadt.
  • Die Zahl der getöteten Soldaten aus Mannheim wird auf 12 000 geschätzt. über 3500 Juden wurden von den Nationalsozialisten umgebracht.
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Marlene Dietrich singt noch einmal für sie. Die aus Berlin stammende Hollywoodikone, seit 1939 amerikanische Staatsbürgerin, gibt bei Neustadt ein Konzert für die US-Truppenbetreuungsorganisation United Service Organizations (USO). Es ist zur Aufmunterung für jene Soldaten gedacht, die sich bis in die Pfalz vorgekämpft haben – und ein letztes Kräftesammeln, ehe sie den Rhein überqueren wollen.

So erlebten Mannheimer das Kriegsende

  • Karlheinz Lochbühler (86), Seckenheim: Am 28. März wurde die Brücke nach Ilvesheim gesprengt. Die katholische Kirche geriet unter Beschuss und brannte völlig aus. Wir waren meistens im Keller der Brauerei Pfisterer. Als am 29. März die Amerikaner bei Neckarhausen den Neckar überquerten und am 30. März, Karfreitag, nach Seckenheim vordrangen, standen wir auf der Hauptstraße. Mein Vater war einer der ersten, die eine weiße Fahne rausgehängt haben. Die Amerikaner marschierten durch die Straße. Überall waren die Hoftore offen, nur bei uns gegenüber, im Haus des Schumachers, war niemand und das Hoftor war geschlossen. Da haben die Amerikaner dann mit einer Maschinenpistole auf das Tor geschossen, um sich vor Heckenschützen zu sichern und zu zeigen, dass sie mit Widerstand leistenden Deutschen kurzen Prozess machen würden. Aber daran dachte niemand mehr. Wir waren froh, dass der Krieg vorbei war.
  • Wilhelm Heckmann (85), Feudenheim: Zunächst war ich in Hailer in Hessen „kinderlandverschickt“. Anfang Mai kam ich zurück, da war Feudenheim noch Durchzugsgebiet der US-Army. Die Bevölkerung musste die Sperrstunde beachten, kontrolliert durch antifaschistische Personen aus Feudenheim, die weiße Armbinden trugen und von der US-Army als „Hilfspolizei“ eingesetzt worden waren. Ihre Wachstube war die alte Polizeiwache im Rathaus. Mundraub war 1945 gang und gäbe. Es herrschte eine gewisse Anarchie. Während ihrer Einquartierung in verschiedene Wohnhäuser richtete die Army mehrere Küchen für die GIs ein, so auch in der Wirtschaft „Zum roten Schaf“ in der Scharnhorststraße. Schnell stellten die hungernden Feudenheimer fest, dass die Amerikaner die Essensreste an die Bevölkerung abgaben. Daher versammelten sich mittags vor der verschlossenen Gittertür auf der Ziethenstraßenseite des „Roten Schafs“ rund 40 Frauen, jeweils mit mehreren Töpfen. Im Hof standen Behälter mit den Resten. Wenn der Küchen-Sergeant das große Tor zur Ziethenstraße öffnete, stürzte sich die Meute auf die Behälter. Oft gab es da zwischen den Frauen Streit, der nicht selten mit suppenverschmierten Kleidern endete. Wir Jungs hatten unsere eigene Taktik. Wir schafften es durch Drängeln, dass wir kurz vor Toröffnung direkt an den Torflügeln standen. Gingen diese auf, so rannten wir – schneller als die Frauen – zu den Töpfen und holten uns gezielt beliebte Reste heraus. Einmal erwischte ich einen Arm voller Hotdogs. Das war für die Frauen zu viel, und sie wollten mir die Würste mit Gewalt nehmen. Ich rannte aber mit meiner Beute weg und floh durch das „Verbindungsgängel“ der Bäckerei Braun in die Scharnhorststraße. Die Tür zur Ziethenstraße schloss ich vor den verfolgenden Frauen ab. Die Würste verzehrten wir sechs Jungs ungestört
  • Karla Spagerer (90), Waldhof: Am 27. März 1945, es war der Geburtstag meiner Mutter, sind die Amerikaner gekommen, von Sandhofen aus. Die Zeit vorher waren wir fast nur noch im Bunker „Langer Schlag“, weil der Weg von unserer Wohnung zum Bunker bei einem Luftangriff zu weit gewesen wäre. Als dann die Amerikaner da waren, sind Männer aus dem Bunker gleich mit einer weißen Fahne rausgegangen. Dann hieß es: „Der Krieg ist zu Ende, Ihr könnt nach Hause“, aber es haben nicht mehr alle ein Zuhause gehabt. Viele mussten im Bunker bleiben, es war ja alles zerstört, alles voller Trümmer. Die ersten Amerikaner, die ich gesehen haben, waren Farbige – das war schon auffallend, die sind offenbar vorgeschickt worden. Sie fuhren in offenen Jeeps, hatten ein Gewehr auf den Knien. Es gab Mütter, die haben Angst gehabt um uns junge Mädchen, aber es war nichts. Sie haben uns aber nichts Böses getan, zumindest in unserer Gegend habe ich nichts davon gehört. Wir fühlten uns befreit. Zumindest galt das für uns, für die jungen Leute. Für manche älteren Männer war es schlimm, die haben den verlorenen Krieg als Schande empfunden. Aber ich war froh – keine Fliegerangriffe mehr, keine Angst vor der Gestapo. Meine Eltern hatten eine Gastwirtschaft in der Bopp & Reuther-Siedlung Ecke Alte Frankfurter Straße/Waldstraße. Die haben zeitweise die Amerikaner übernommen, aber wir durften weiter dort wohnen.
  • Leo Pfanz- Sponagel (90), Käfertal: Wir standen in der Mannheimer Straße, neben meinem Elternhaus vor dem Café Zorn, in dessen Bierkeller die Leute damals geflüchtet sind. Bauer Wissenbach kam mit dem Rad vorbei und sagte, die Amis sind schon am Kreuz – da, wo heute die Post ist. Sie haben sich von Haus zu Haus vorgearbeitet. Als sie bei uns waren, ist aus so einem kleinen Panzer ein großer Mann mit rotblonden Haaren rausgekrochen, sicher ein Ire, und hat gefragt, wo das Rathaus ist. Bei einem Arzt, der im NSKK (Nationalsozialistisches Kraftfahrkorps) war und Uniform trug, haben sie eine Hakenkreuzfahne beschlagnahmt. Ein Soldat ist mit dessen Motorrad die Straße auf- und abgefahren, hat die Fahne wild geschwenkt. Irgendwie hatte ich mir eine Besetzung anders vorgestellt. . . Die farbigen Soldaten waren angenehm, die haben uns Kaugummi und Schokolade geschenkt. Nach ein paar Tagen kamen andere Soldaten, die waren bösartiger, haben die Häuser durchsucht. Einer hat mir eine Ohrfeige gegeben, mich als „young Nazi“ beschimpft – echt Unsinn. Im Stempelpark haben die Amerikaner Bretter ausgelegt und getanzt, auch mit deutschen Frauen. Schlimm war, dass sie unseren Acker hinter der Pionierkaserne (heute Spinelli) eingezäunt haben und wir nicht mehr ernten konnten. Sie haben aber auch nicht geerntet, sondern das Korn einfach stehenlassen.

Mehr als 100 000 amerikanische Soldaten stehen zu dieser Zeit westlich von Mannheim bereit. Diese Zahl nennt Christian Führer, der mit Marchivum-Direktor Ulrich Nieß 2013 das Buch „Memories of Mannheim“ über die Ära der Amerikaner in der Quadratestadt veröffentlicht und dazu zahlreiche interne Kriegsberichte der US Army ausgewertet hat. Danach liegen im März 1945 acht von weltweit 88 US-Divisionen im Großraum Mannheim.

Am 22. März 1945 beginnt die US-Armee, von Ludwigshafen und dem IG Farben-Werk (heute BASF) aus mit der Beschießung der Quadratestadt. 540 Geschütze und Haubitzen stehen auf der westlichen Rheinseite, deutsche Soldaten, darunter Scharfschützen, antworten mit Gewehren, teilweise auch Flugabwehr-Geschützen. Die Wehrmacht hat alle Rheinbrücken gesprengt, zuletzt am Übergang bei Germersheim. Die Mannheimer Stadtverwaltung bereitet ein Ausweichquartier im Schloss Babstadt bei Sinsheim vor und die Nazis beginnen, sie belastende Unterlagen zu vernichten.

Häuserkampf in Sandhofen

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Am 26. März, 2.30 Uhr, geht es los: Mit Amphibienfahrzeugen, Sturmbooten und Schwimmpanzern stürmen amerikanische Soldaten nördlich von Mannheim das östliche Rheinufer. Sie werden von deutschen Einheiten unter Beschuss genommen, worauf die amerikanische Artillerie mit Trommelfeuer antwortet: 10 000 Granaten in 38 Minuten. Zugleich legt eine spezielle amerikanische Raucherzeugungseinheit dichten Qualm über den Rheinabschnitt – als Schutz und Tarnung.

Gegen 5 Uhr erreichen die ersten Amerikaner Sandhofen. Sie stoßen auf heftige Gegenwehr von deutschen Panzern und Scharfschützen aus Kirchtürmen. US-Kriegsberichte schildern brutale Häuserkämpfe, den ganzen Tag lang, und zählen 32 Tote und 136 Verwundete allein in Sandhofen. Zugleich werden Scharhof und Kirschgartshausen eingenommen, stoßen die US-Einheiten ins südhessische Ried, nach Viernheim und zur Bergstraße vor.

Standrechtlich erschossen

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Am 28. März verschwindet Oberbürgermeister Carl Renninger aus Mannheim, auch weitere Führungskräfte machen sich aus dem Staub. Aber als Erich Paul, Hermann Adis und Adolf Doland, Angestellte vom Kaufhaus Vetter, in N 7 weiße Fahnen hissen, um weiteres Blutvergießen zu verhindern, schlagen fanatische Nazis noch mal zu. Die drei Männer werden an der alten Festungsmauer in M 6 in den Lauerschen Gärten standrechtlich erschossen, die Tat nie richtig gesühnt. Dabei sind die US-Soldaten da schon auf dem Waldhof, gleich darauf am Neckar, in Wallstadt, Feudenheim, Heddesheim, Ilvesheim.

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Auf Widerstand stoßen sie nur in Käfertal, wo ein Panzer aus einem Kellerfenster beschossen wird. Die Amerikaner ziehen sich daher kurz in den Käfertaler Wald zurück. Von hier aus beschießt Artillerie unablässig die Stadt, wodurch es in den letzten Kriegstagen noch 150 Tote gibt. Als Gefechtsstand dient dem Bataillon das Wasserwerk, das seit dem 26. März eingenommen ist.

Das Wasserwerk und die Zentrale der Stadtwerke in K 5 sind dann die beiden entscheidenden Stellen für das Kriegsende in Mannheim. Genau geschildert wird das in Unterlagen, die der frühere Stadtarchiv-Direktor Jörg Schadt in den 1990er Jahren im amerikanischen Nationalarchiv Washington entdeckte.

Zwischen beiden Gebäuden gibt es eine noch funktionierende Telefonleitung. Heinrich Friedmann, Betriebsleiter des Wasserwerks, nutzt sie, um der Zentrale in K 5 die Besetzung durch US-Soldaten zu melden – an Nikolaus Quintus, den Stadtwerke-Chef. Die Amerikaner weisen ihn an, er solle den Oberbürgermeister holen. Dabei dolmetscht der deutschstämmige Hauptmann und Militärarzt Franz S. Steinitz für Kommandeur Major Don S. Matthews.

Sie bieten am 28. März von 17.10 bis 18.10 Uhr eine Feuerpause an, damit Quintus entweder einen Stadtoberen holen oder selbst mit einer weißen Flagge zur Friedrichsbrücke (heute Kurpfalzbrücke) kommen soll. Zugleich drohen die Amerikaner mit heftigerem Beschuss. Quintus findet aber keinen Verantwortlichen der Stadt, auch der Stadtkommandant der Wehrmacht ist weg. Der Adjutant lässt ihn abblitzen. Das teilt Quintus den Amerikanern mit, die daraufhin noch mehr Granaten auf die Stadt abfeuern.

Am nächsten Morgen sieht die Lage aber anders aus. Die deutschen Soldaten sind weg. Quintus radelt durch die Quadrate, zum Neckarvorland, zum Hauptbahnhof und den Rennwiesen – alles frei. Gegen 8 Uhr ruft er im Wasserwerk an und bittet die Amerikaner, das Feuer einzustellen. Wichtig bei allen Gesprächen ist Gretje Ahlrichs, Telefonistin der Stadtwerke, die auf ihrem Posten in K 5 trotz großer Angst unter Dauerbeschuss ausharrt und die Telefonate ermöglicht – damals wird ja noch „gestöpselt“, nicht automatisch per Durchwahl verbunden.

Die offizielle Kapitulation an Gründonnerstag, 29. März erfolgt aber nicht per Telefon, sie wird nur durch die Gespräche vorbereitet. Der frühere Stadtverordnete Fuchs und einige Männer fahren mit weißer Fahne in einem kleinen Bootchen über den Neckar zum Alten Bahnhof auf die Nordseite und übergeben die Stadt formell.

Gebäude beschlagnahmt

Gleich darauf durchkämmen US-Soldaten die Quadrate, bringen nach und nach die ganze Stadt unter Kontrolle, suchen nach versprengten Soldaten und Waffendepots, verhindern Plünderungen. Sie errichten Pontonbrücken über Rhein und Neckar, marschieren von hier Richtung Schwetzingen, Schriesheim und Heidelberg. „Mannheim ist die am stärksten zerstörte Stadt, die wir gesehen haben“, heißt es in einem von Christian Führer ausgewerteten Armeedokument: „Die Straßen sind leer mit Ausnahme von Schuttbergen und dem Geruch des Todes“.

Mit der Besetzung des „Palasthotels“, der Beschlagnahmung von Wohnungen, der Sanierung der zerstörten Flugplätze Sandhofen und Neuostheim sowie, beginnend bei Loretto, Übernahme der Kasernen wird Mannheim zu einer der größten US-Garnisonen weltweit mit bis zu 20 000 Soldaten und Familienangehörigen – und bleibt es bis 2011.

Info: Mannheim damals und heute: bit.ly/ma-weltkrieg