NS-Geschichte - Buch zu "Arisierung" löst Welle aus / Kammerpräsident Heinrich Goebels war seit 1938 gleichzeitig NSDAP-Kreiswirtschaftsberater IHK bestürzt über Fakten in der Studie

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Das Buch "Arisierung und Wiedergutmachung in Mannheim" schlägt Wellen, auch für die Industrie- und Handelskammer (IHK) Rhein-Neckar ist die fast tausend Seiten starke Studie von Dr. Christiane Fritsche kein Ruhmesblatt. IHK-Präsident Dr. Gerhard Vogel ist bereit, sich mit der Vergangenheit seiner Institution auseinanderzusetzen. Er erklärte, dass die Arbeit einen wichtigen Beitrag im Sinne der Erinnerungskultur darstelle. "Die IHK bedauert zutiefst die Rolle, die Personen aus Haupt- und Ehrenamt in der Zeit der Nazi-Diktatur bei der Arisierung gespielt haben."

Sitz der Seilschaften: das Gebäude der IHK in L 1, 2.

© ISG
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In der Tat kam es mit der Ernennung von Heinrich Goebels, der seit 1934 IHK-Präsident war, zum NSDAP-Kreiswirtschaftsberater im Herbst 1938 zu unheilvollen personellen Verflechtungen. Arisierungsverfahren wurden fortan zur Farce, so Fritsche in ihrem Buch. In seiner Doppelfunktion sei Goebels zu einer Schlüsselfigur bei der "Entjudung" der Mannheimer Wirtschaft geworden. Goebels selbst, seit 1933 Parteimitglied, hatte bereits 1935 als Chef der väterlichen Leistenfabrik Huth & Co. das Holzcomptoir von den jüdischen Familien Essinger und Levistein gekauft.

Wie das Buch an einer Reihe von Stellen zeigt, war das Verhalten der führenden Personen der damaligen IHK menschenverachtend. "Das begangene Unrecht bestürzt uns", sagte Vogel. Die IHK Rhein-Neckar sei sich ihrer historischen Verantwortung bewusst und habe auch deshalb mit rund 12 000 Euro zur Finanzierung dieses ausführlichen Werkes beigetragen.

"Die Aufarbeitung der eigenen Geschichte ist für die IHK als Institution essenziell, um das Vergessen zu verhindern und um zukünftig sicherzustellen, dass solches Unrecht nicht wieder geschieht", sagte IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Axel Nitschke.

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Die IHK beleuchte ihre historische Rolle während der Nazi-Diktatur schon seit längerem kritisch. Bereits 2005 hatte sie deshalb einen Historiker beauftragt, die Geschichte der IHK Mannheim auch in der Nazi-Zeit zu erforschen. Die Ergebnisse wurden in einer Artikelreihe im IHK-Wirtschaftsmagazin (2005-2008) veröffentlicht. Schon dabei zeigte sich, dass die in der Nazi-Zeit gleichgeschaltete IHK über ihre - durch die Verordnung des Reichswirtschaftsministeriums vom 5. Juli 1938 - definierte Aufgabe hinaus an der Arisierung beteiligt war.

Das Archiv der IHK ist bei dem Bombenangriff vom 5./6.September 1943 auf Mannheim fast vollständig zerstört worden. Die Restbestände, die nicht dem Krieg zum Opfer fielen, wurden für die Forschung offen gelegt. räu