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Geistliches Wort

Hoffnungsstur ins neue Jahr

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Jahresrückblicke gehören zum Ende des Jahres wie Dinner for one und Raclettekäse. Zum Kassensturz am Jahresende gehört auch, welches Lied Hit des Jahres ist. In diesem Jahr ist es das Lied The Wellerman. Sie erinnern sich: Von der Videoplattform TikTok aus, zog der Ohrwurm durch die sozialen Medien und die Radiosender. Dabei hatte der schottische Postbote Nathan Evans das Video nur aus Spaß veröffentlicht. Bald wird es überall gesungen und gecovert. Aus dem Postboten wird ein Shantystar mit Plattenvertrag. Auch jetzt, am Ende des Jahres, habe ich nicht genug von dem Lied. Ich kriege jedes Mal gute Laune, wenn es im Radio kommt.

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Wie konnte nur gerade dieses Lied so bei uns einschlagen? In dem Shanty aus Neuseeland geht es um den Walfang. Also nicht gerade ein Thema, mit dem wir tagein und tagaus zu tun haben. Im Refrain wird der Wellerman herbeigesehnt. So heißt das Versorgungsschiff, das die Seeleute mit Proviant und Lebensnotwendigem versorgt. Das passt schon besser.

Herbeigesehnt haben wir eine Menge in diesem Jahr: Impfstoffe, Impftermine, Wiedereröffnung der Schulen und dass das Leben wieder leichtfüßiger wird. Aber für viele, die das Lied mitgesungen haben, war etwas anderes wichtiger als der Text. Wichtig ist, dass das Lied so viele Menschen miteinander verbunden hat. Selbst ein neuseeländisches Seemannslied kann zum Ausdruck bringen: Wir sitzen im selben Boot, dann lasst uns auch zusammenhalten. Diese Botschaft tut auch an der Schwelle eines neuen Jahres mit viel Ungewissheit gut.

Wir halten zusammen. Wie wichtig ist es, dass das Raum bekommt und der Pandemieerschöpfung trotzt. Wenn ich in das Jahr zurückschaue, bin ich dankbar für jeden Tag, an dem sich das gezeigt hat. In der Hilfsbereitschaft nach der Katastrophe im Ahrtal. In der Unermüdlichkeit, mit der sich Menschen gegen die Pandemie gestemmt haben.

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In diesen Tagen gibt es für mich einen Ort, wo der Zusammenhalt sich besonders zeigt: das Woinemer Woinachtsradio. Es wird von einem Team der Weinheimer Jugendmedien organisiert, von ehrenamtlicher Mitarbeit getragen und von Sponsoren und Spendern gestützt. Es wendet sich vor allem an Seniorinnen und Senioren. Alle, die zuhören, sind durchs Radio miteinander verbunden. Sie können am Leben in der Stadt teilnehmen, und das, ohne den Sessel zu Hause zu verlassen. Morgen geht das lokale Weihnachtsradio das letzte Mal auf Sendung.

Kurz vor Weihnachten hat die Synode der evangelischen Landeskirche in Baden eine neue Bischöfin gewählt. Ob sie Shantys singt, weiß ich nicht. Aber es gibt ein Wort, das Heike Springhart gern gebraucht: das Wort hoffnungsstur. Das Wort gefällt mir. Wellerman ist nicht nur deshalb Hit des Jahres, weil es solch ein Ohrwurm ist und gute Laune in trüben Pandemiezeiten macht. Es ist Hit des Jahres, weil es hoffnungsstur ist. Hoffnungsstur sind die Lieder, die wir an Weihnachten miteinander gesungen haben. Hoffnungsstur ist die Weihnachtsgeschichte, die wir im Rücken haben, wenn wir ins neue Jahr gehen. Hoffnungsstur ist die Botschaft der Engel, die wir mitnehmen: Du musst dich nicht fürchten. Hoffnungsstur möchte ich ins neue Jahr gehen.

Monika Lehmann-Etzelmüller, Dekanin im Kirchenbezirk Neckar-Bergstraße (das ist seit dem 1. Advent unser neuer Name, er ersetzt den vorherigen Namen „Ladenburg-Weinheim“) und Pfarrerin an der Peterskirche in Weinheim

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